26. Januar 2026

Kirchberger Orgel wird restauriert und findet in Klausenburg eine neue Heimat: CD von Erich Türk

Manche Weihnachtsgeschenke kommen als echte Überraschung daher. Wenn sie auch noch längst verschüttete Erinnerungen wachrufen, ist die Freude doppelt. Im vorliegenden Fall gesellt sich dazu große Dankbarkeit. Ist ein Wunder geschehen?
Die Kirchberger Orgel am neuen Standort in ...
Die Kirchberger Orgel am neuen Standort in Klausenburg, 2025. Foto Erich Türk
Erich Türk, einer der profiliertesten Organisten unseres Landes, Hochschullehrer, Tonmeister, Fachmann für Orgelfragen, hat beim Label Transylvantiqs, das er selbst gegründet hat, eine neue CD herausgebracht. Sie bietet ein charmantes Porträt der historischen Johannes-Hahn-Orgel von 1778 aus Kirchberg (rumänisch Chirpăr). Dieses Instrument teilt mit dutzenden anderen das gleiche Schicksal: es wurde aus einer verfallenden Kirche gerettet, aufwändig saniert und versetzt, im vorliegenden Fall nach Klausenburg (Cluj).

Die Erinnerung an die kleine, über zweihundert Jahre alte Orgel reicht bei der Verfasserin dieser Zeilen bis in die letzten Jahre des Kommunismus. Damals hatte die Orgel in Kirchberg eine Restaurierung durch die landeskirchliche Orgelwerkstatt unter Hermann Binder erlebt und wurde für einen Fortbildungskurs für evangelische Kantoren genutzt. Wie geht man vernünftig mit den Klangmöglichkeiten, aber auch mit den Beschränkungen um, die eine historische Orgel bietet? Mit blauer Ölfarbe angestrichen, thronte das Instrument auf der Westempore der Kirche. Bald sollte es gar nicht mehr gespielt werden, da fast alle evangelischen Gemeindeglieder in den folgenden Jahren Kirchberg den Rücken kehrten. Der elektrische Strom wurde gekappt. Mithilfe langer Kabel aus dem Pfarrhaus konnte die Orgel gelegentlich noch mit Strom versorgt werden, wenn man ihr Töne entlocken wollte. Als auch dies nicht mehr möglich war, begann ein Verfall, der bei jedem Besuch mehr und mehr erschütterte. Das Instrument verstummte. Von der Decke rieselte Schutt ins Orgelinnere. Irgendjemand löste Pfeifen aus der Schauseite, ließ sie achtlos in der Umgebung liegen. Was sollte er auch anfangen mit zweihundertjährigen zinnernen Pfeifen des Meisters Johannes Hahn? Nicht mal für Dachrinnen taugte das Zeug!

Es grenzt immer wieder an ein Wunder, wenn Orgeln dem drohenden Verfall entgehen. Erich Türk setzte sich hartnäckig und über Jahre hinweg für dieses fast vollkommen original erhaltene Instrument ein und konnte erreichen, dass es eine neue Heimat fand.

Nun ist die Kirchberger Orgel im März 2025 nach Klausenburg in die dortige evangelische Kirche übersiedelt. Vom abgelegenen Dorf im Harbachtal in eine Großstadt! Kaum wieder zu erkennen in ihrem neuen Outfit: elfenbeinfarben mit goldenen Verzierungen und originalen Zeichnungen sowie Registerbeschriftungen. Welche Eleganz, welche Augenweide!

Dankbarkeit kommt beim Anhören der CD auf: die neun Register verschiedener Bauart kommen einzeln und in Kombinationen bestens zur Geltung. Geschickt setzt der Interpret auf Kontraste. Er entlockt dem frisch restaurierten Instrument sanfte und grollende, strahlende und dumpfe Töne. Viele der eingespielten Stücke passen wunderbar zu dieser Orgel, allen voran die Toccata Sesta von Georg Muffat mit ihren so unterschiedlichen Teilen. Mozarts Andante in F-Dur KV 616 für ein Orgelwerk in einer Uhr bezaubert graziös mit warmem Flötenklang. Bei allzu cembalistischer Schreibweise muss man sich, wenn möglich mithilfe sehr guter Boxen, in Johann Kaspar Kerlls Passacaglia erst hineinhören. Das Stück entwickelt sich tumulthaft und fordert die Mechanik wie auch die Windzufuhr dieser Orgel maximal heraus. Kein Orgelkonzert ohne Bach! Dieser Devise huldigen das Präludium und die Fuge in e-Moll BWV 533 des großen Thomaskantors, die allerdings an diesem zu kleinen Instrument mit kurzer großer Oktave und angehängtem Pedal Kompromisse hinnehmen müssen. Dafür passt Bachs weihnachtliche Musik, drei Choräle und die reizvolle Pastorale BWV 590 wie angegossen auf das Instrument.

Wie in anderen Bereichen auch stellen sich bei Orgelrestaurierungen knifflige Fragen. Ist es zulässig, die historische Substanz anzutasten, Veränderungen vorzunehmen? Wie weit geht man mit der Rückführung auf den ursprünglichen Zustand, wenn er im Lauf der Jahrhunderte verändert wurde? Darf und soll man daran denken, dass aus heutiger Sicht Musik aus neuerer Zeit auf alten Orgeln gespielt werden möchte? Welche Stimmung legt man, um moderne Ohren, die an viele Harmonien gewöhnt sind, nicht zu beleidigen? Die Restaurateure der Firma COT aus Honigberg (Hărman) haben sich diesen Herausforderungen gestellt, sich wahrscheinlich mit Erich Türk beraten und sind zu einem guten Ergebnis gelangt. Optisch wie akustisch.

Beim genauen Hinhören meint man, der Orgel anzuhören, dass der neue Standort auch Probleme mit sich bringt: die evangelische Kirche, ein eleganter Bau aus der Zeit des Klassizismus mit eher trockener Akustik, steht im Zenrum der Stadt, an einer vielbefahrenen Straßenkreuzung. Auch nachts ebbt der Verkehrslärm nicht ganz ab. Dafür zieht die Kirche durch zahlreiche Konzerte und Feste ein interessiertes Publikum an. Beide Orgeln der Kirche, die große romantische Walcker-Orgel wie auch die neue/alte Hahn-Orgel aus Kirchberg, können mit einer zahlreichen Hörerschar rechnen.

Sie kam vom Lande, aus dem entlegenen Harbachtal, in die pulsierende Großstadt. Ein langes Leben im Dienst der Musik sei ihr am neuen Standort gewünscht! Die CD „Erich Türk an der Kirchberger Hahn-Orgel in Klausenburg“ kann bestellt werden unter www.transylvantiqs.ro.

Ursula Philippi

Schlagwörter: Orgel, Kirchberg, CD

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