12. Mai 2014

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Skurrile Geschichten von Franz Hodjak in „Das Ende wird Nabucco heißen“

Nicht umsonst heißt der neue Band mit Erzählungen von Franz Hodjak, der nun im Leipziger Literaturverlag erschienen ist, „Das Ende wird Nabucco heißen“, denn in so mancher Geschichte darin geht es um den Tod, seine Rituale und, wie bei Franz Hodjak zu vermuten, seine Skurrilität. Der preisgekrönte Hermannstädter Autor (u.a. Siebenbürgisch-Sächsischer Kulturpreis 2013), der in diesem Herbst siebzig wird, hat sich nun, nach einem Büchlein mit Aphorismen und einem Lyrikband, der Prosa zugewandt und nach „Zahltag“ (1991) wieder eine Sammlung mit Erzählungen herausgebracht.
Typisch sind dabei die Antihelden, die kleinen Leute mit prägnanten Namen, sei es nun Dr. Mausch, Andrei Reinbold, Jo Laurenz, Paul Jagoda oder aber Feri, Sankt Pauli, Schorle oder Gurke. Sie bewegen sich in einer kleinen Welt, man möchte fast meinen in einer Welt der Umkehrungen. Darin gehen der Vater und sein fünfjähriger Sohn gerne auf Beerdigungen, weil sie sich dort verköstigen lassen, ein Rentner schlendert auf Bahnhöfen, weil ihm die Sinnlosigkeit des Wartens fehlt, und der ehemalige Lehrer Jeremias wohnt gleich ganz in den Zügen der Regionalbahn. Der Taschendieb macht in diesen Geschichten sein Verbrechen zum Beruf und feiert Erfolge damit, der Schrotthändler hört darin leidenschaftlich die ultimative Musik der Straßen und die Braut sucht man sich aus für das Ende, nicht für das Leben. Das geht so weit, dass der junge, dynamische Arnulf Becker, der in eine Pension eincheckt, vom Erdgeschoss immer weiter höher ins nächste Geschoss umzieht, bis er ganz oben angelangt ist, wo seine Unterkunft in kafkaesker Manier zur Zelle mutiert.

Siebzehn Erzählungen sind in diesem Band vereint. Die Handlungsorte sind nicht nur Siebenbürgen im sozialistischen Rumänien, sondern auch Deutschland in der heutigen Zeit, aber das ist meist nicht so wichtig und wird manchmal gar nicht angegeben, obwohl Hodjak beiläufig darüber meditiert: „In dieser Gegend, wo vermutlich der Fatalismus geboren wurde hatte man gelernt sich in jeder Lage zurechtzufinden. […] Für diesen Fatalismus gab es nie wirklich eine Ausweglosigkeit, denn indem man sich willig in sein Schicksal fügte, ging es immer irgendwie weiter.“ (Seite 111). Vor allem geht es dem Autor um die Absurdität im Alltag, die er in diesen Geschichten in beiden Ländern vorführt.

l ... In drei Erzählungen geht es um den Tod, doch nicht als bittere Meditation, viel eher mit vergnüglicher Nachdenklichkeit und Galgenhumor. Gleich in der ersten Erzählung bescheren die Leichenschmäuse dem alleingebliebenen Vater Feri mit seinem Sohn die täglichen Mahlzeiten aus Striezel und Schnaps, und der Sohn wünscht sich fast, dass alle Toten von der Welt in Klausenburg beerdigt sein würden, weil er sich dann jeden Tag göttlich satt essen könnte.

In der titelgebenden Geschichte geht es wieder um den Tod in Siebenbürgen, d.h. eher um einen Ich-Erzähler, der auf einer Mitfahrt wegen des Regens in einen Sarg steigt, und damit die Behörden provoziert. Er wird verhaftet, doch selbst die Verhöre wirken komisch. Das wird zum Vorwand, sich mit dem Tod zu beschäftigen. „Da ich nun schon einmal in einem Sarg gelegen und zudem auch noch verhaftet worden war, begann ich mich gründlich mit dem Tod zu beschäftigen, doch weil ich mich maßlos schämte, als Zweiundzwanzigjähriger über derlei Dinge nachzudenken, sprach ich mit keinem darüber, vor allem da ich ja selbst nicht wußte, was ich vom Tod halten soll“ (Seite 79). Dann erwartet der Leser vielleicht eine tiefgründige Meditation über den Tod, aber auch die wird ad absurdum geführt und der Held der Geschichte entschließt sich nur zu seinem Grabgesang, den Sklavenchor aus Nabucco. Damit hat er seiner Ansicht nach schon etwas Handfestes über den Tod aufzuweisen. Seltsamerweise besingt der Sklavenchor die Heimat, die der Autor in anderen Büchern so gar nicht für sich in Anspruch nimmt: „Unser letztes Gebet gilt dir, teure Heimat, leb wohl / teure Heimat, leb wohl.“

Schließlich entpuppt sich die „Brautschau“ auch als Fabulieren über das Ende, zumal sich auch in dieser Umkehrung Jo Laurenz eine Braut für das Ende seines Lebens sucht, denn „schon als Kind hatte er Angst, den Tod allein nicht meistern zu können“ (Seite 125). Nicht nur, dass Jo Laurenz dann nach Siebenbürgen fährt, um sich eine Braut auszusuchen, er hält auch einen ausführlichen Exkurs über die Vorteile der siebenbürgischen Bestattung und darüber, dass Tote ruhig aufgebahrt werden können, ohne zu stinken. „Wer bei der Totenwache stinke, das seien die Lebenden, die stänken nach allen nur möglichen Gerüchen des Lebens, denn nichts habe mehr Gerüche als das Leben“ (Seite 131).

Aberwitzig ist übrigens auch die Geschichte über den sturen Herrn Beckermann, der sich am Lebensende mit einem Pfarrer auf einen Disput einlässt und für die innere Unruhe – wieder eine Umkehrung – nicht für das Glück plädiert: nur um am Ende, ruhig und gelassen, als wäre nichts Sonderliches passiert, in seinem Buch weiterzulesen.

Ironisch und humorvoll sind diese Geschichten, scheinbar unbeschwert erzählen sie von Helden, die keine sind, und die sich ihre Nischen in der absurden Welt gefunden haben, um zu überleben. Der „Sonntag im August“ ist dann aber so locker, dass er wie ein Geplänkel daherkommt. Meist ist aber die Leichtfertigkeit nur vorgetäuscht. Das Buch, das wohl mit einem Augenzwinkern geschrieben wurde, hat trotz allem das Ende im Blick. Und wenn man glücklicherweise keinen mahnenden Autor darin erkennt, so doch einen über die Aberwitzigkeit des Lebens Erstaunten.

Edith Ottschofski


Franz Hodjak: „Das Ende wird Nabucco heißen.“ Erzählungen, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014, 170 Seiten, geb., 16,95 Euro, ISBN: 978-3-86660-184-0.

Schlagwörter: Hodjak, Buch, Erzählungen, Rezension

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