14. September 2014

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Varujan Vosganians Roman über Leben der Armenier in Rumänien

Varujan Vosganian, 1958 in Craiova geboren, ist rumänischer Mathematiker, Wirtschaftswissenschaftler, Politiker und Schriftsteller armenischer Abstammung. Das „Buch des Flüsterns“ erschien unter dem Titel „Cartea șoaptelor“ 2006 in Bukarest und wurde inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt. Die in Rumänien viel diskutierte politische Laufbahn der letzten 15 Jahre von Vosganian – er war zeitweise Mitglied des Senats und Wirtschaftsminister – hat wenig Bezug zu seiner im Buch des Flüsterns sichtbaren schriftstellerischen Kompetenz.
Das „Buch des Flüsterns“ hat im Lande und auch im europäischen und amerikanischen Kulturraum Aufsehen erregt. Auf der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2014 stand es unter den ersten empfehlenswerten belletristischen Titeln. Für die an der Problematik der Armenier Interessierten – darunter auch für uns Deutsche aus Rumänien – ist das Buch von hohem literarischem und dokumentarischem Wert. Es betrachtet u.a. das Leben einer Minderheit – eben der Armenier – in Rumänien im 20. Jahrhundert.

Kernthema und der rote Faden des Romans sind die Schicksale des von den „Jungtürken“ um 1915 initiierten Genozids an Millionen Armeniern in Anatolien. Einige der Familien, die diesen Massenmord überlebt haben, kamen nach Rumänien, mehrheitlich nach Bukarest und in die Moldau, nur wenige ließen sich in Siebenbürgen nieder, u.a. in Kronstadt, wo ihre Kinder dann um die Jahrhundertmitte die deutschen Schulen besuchten. So entstanden auch persönliche Beziehungen zu diesen Menschen. Fast alle konnten in der kommunistischen Zeit Rumänien verlassen und sich in Frankreich, den USA oder in Südamerika ansiedeln.

Vosganian erzählt dutzende Schicksale, indem er seinen Großvater und zahlreiche weitere Menschen der Erlebnisgenerationen – ob reale oder fiktionale Gestalten, das ist für den Leser unerheblich – berichten lässt. Die Handlung beginnt mit dem ersten Massaker in türkischen Trabzon (Trapezunt um 1895) und schildert den erbitterten Überlebenskampf der aus ihrer Heimat Ostanatolien vertriebenen Millionen Armenier, die u.a. Franz Werfel in seinem weltweit bekannten Buch „Vierzig Tage des Musa Dagh“, dem 1933 geschriebenen und in der Nazizeit verbotenen Roman, schildert. Auch das Leben der Armenier in der 1920 entstandenen und von den Bolschewiken beherrschten kaukasischen Republik Armenien wird offenbar, insbesondere die Verschleppung vieler nach Sibirien. Und dann die Teilnahme armenischer Soldaten in einer von der deutschen Wehrmacht aufgestellten armenischen Legion. Kernerzählungen sind die „Operation Nemesis“, eine Geheimaktion, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Leiden der Armenier während des türkischen Pogroms zu rächen. Dazu auch der Werdegang des sagenumwobenen General Dro, der gegen die Türken und später gegen die Bolschewiken Geheimaktionen organisiert hatte und der zuletzt in Rumänien und dann in den USA lebte.

Beeindruckend für den Kenner des traditionellen Lebens in der Moldau sind die Erlebnisse und Beschreibungen des Alltaglebens in einer Kleinstadt der Moldau, in Focsani, das Dasein in einer wohl strukturierten Gemeinschaft, die Speisen, von Halva bis Dulceata (Konfitüre), der Kaffee und der Tee, die kirchlichen Rituale und besonders die Beerdigungen und die Friedhöfe. Immer wieder poetische Sätze, oft hart oder auch philosophisch vertiefend, wie: „Das Verständnis der Welt … eine Frage der Kombination von Strich und Farben, einschließlich der Seelen“, oder: „Der Tod ist nur einen Seinsweise des Lichts, eine Seinsweise, die nicht wiederkehrt“. Die alten Männer aus Focsani, sich erinnernd auch anhand vergilbter Bilder, Karten und Tagebuchaufzeichnungen. Und immer wieder das Schweigen oder das Flüstern auch aus Angst vor den Machthabern, inklusive der Kommunisten, denen die Armenier nie geheuer waren. Vosganian sucht weiter nach Bildern, Texten, und Erinnerungstücken wie etwa die Spielpferdchen aus Holz, die in „sein“ Buch des Flüsterns eingebracht werden, oder wenn die Securitate Goldmünzen und Wertpapiere suchte, die die einstmals begüterten armenischen Handwerker und Kaufleute versteckt hatten. Der Autor bringt Erzählungen der alten Armenier seiner Kindheit zur Sprache. Auch kommen die Mächtigen der Geschichte ins Bild, von den Assyrern, den Persern, den Römern, den Türken, den Kurden und Russen, die das Volk der Armenier eingeschränkt, verfolgt oder vertrieben haben. Auch der jüdische Nachbar aus Focsani mit dem Namen Spiegel findet Platz im „Buch des Flüsterns“, denn eines Tages war er nicht mehr in der Stadt! Sprachlich wunderschöne Bilder beindrucken den Leser, besonders wenn sie historische Dimensionen schildern („der kommunistische Staat will dass wir stehlen, damit er sich nicht um uns kümmern muss“; oder: „das zwanzigste Jahrhundert erwies sich hinsichtlich ­seiner Rechnungen mit dem Tod unter allen christlichen Jahrhunderten als das verschwenderischste“). Die Stimme seines Großvaters war zu seiner eigenen inneren Stimme geworden, die nun im „Buch des Flüsterns“ die Erinnerung wach halten soll, denn schon zu Beginn steht ein Kernsatz des Werkes: „Wir unterscheiden uns nicht durch das, was wir sind, sondern durch die Toten, die jeder von uns beweint“. Die zwölf Kapitel, ohne Titel, nur mit Zahlen versehen, vorzüglich übersetzt, sie regen zum vertieften Nachdenken an.

HvK

Varujan Vosganian: „Buch des Flüsterns“, Roman, aus dem Rumänischen von Ernest Wichner, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2013, 510 Seiten, gebunden, 26 Euro, ISBN 978-3-552-05646-6.
Buch des Flüsterns
Varujan Vosganian
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Schlagwörter: Roman, Rumänien, Armenier

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