5. Oktober 2014

„Resonanz und Widerspruch. Von der siebenbürgischen Diaspora-Volkskirche zur Diaspora in Rumänien“

In dem auch äußerlich ansprechend gestalteten Sammelband, herausgegeben von dem Martin-Luther-Verlag, ist es dem Autor Dr. Ulrich Andreas Wien bestens gelungen, kompendienartig vierzehn Studienbeiträge zu grundlegenden Fragen der Geschichte der Evangelischen Kirche A.B. in Siebenbürgen (Rumänien) zu vereinen. Wien ist als Kirchenhistoriker an der Universität Landau und seit 2001 als erster Vorsitzender des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde ein ausgewiesener Fachmann auf diesem Gebiet.
Die Beiträge decken einen Zeitraum ab, der mit den Jahren beginnt, da Siebenbürgen als Großfürstentum zu Habsburg gehörte, dann 1867 an Ungarn angeschlossen und ab 1918, nach Beendigung des Ersten Weltkrieges, ein Teil Rumäniens wurde. Sie bieten einen tiefen Einblick in die vielschichtigen Zusammenhänge der siebenbürgischen Kirchenlandschaft mit Mitteleuropa (Deutschland). Der bemerkenswerte Titel des Buches „Resonanz und Widerspruch“ trägt dieser Tatsache Rechnung. Der Autor beleuchtet einerseits, dass Siebenbürgen und seine Eliten einen wichtigen Resonanzboden für das an deutschen Universitäten produzierte und angeeignete Wissen, speziell der jeweils zeitgenössischen Theologie und des vorherrschenden Kulturprotestantismus jener Zeit waren. Dies führte zu einer „eingearteten Umformung“ der deutschen Vorbilder in die eigene siebenbürgische Tradition. Der Autor zeigt andererseits auch auf, dass diese Resonanz zum Widerspruch reizen konnte, wie der Weg der siebenbürgischen Kirche durch die Nacht zweier Diktaturen gezeigt hat. Diese Spannung zwischen Resonanz und Widerspruch prägt das Buch. Wir begegnen einer multikonfessionellen Kirchenlandschaft, in welcher die pluriethnischen und multikonfessionellen Gruppen friedlich, eher neben- als miteinander leben.

Das Buch beeindruckt durch die außerordentlich profunde Quellen- und Sachkenntnis des Autors, die er mit geschichtlichem Gespür einsetzt. Die reichlich mitveröffentlichten Quellen belegen nicht nur die Aussagen und heben das Wesentliche hervor, sondern regen zum Nachdenken, Überdenken und Weiterdenken an. Die LeserInnen werden einbezogen in einen lebendigen Dialog, der geschichtliche Ereignisse verstehbar macht. In einem sachlichen Ton und ohne jegliche moralische Wertung führt der Autor durch die Themen des Buches. Über 130 Bilder mit zeitgeschichtlichem Hintergrund sowie aufschlussreiche Illustrationen und Graphiken bereichern das umfangreiche Buch.

Aus der dargebotenen Breite des Themenspektrums möchte ich zwei Schwerpunkte herausgreifen und näher beleuchten: die siebenbürgisch-sächsische Volkskirche im Wandel und die Rezeption des Nationalsozialismus.

Der Hermannstädter Stadtpfarrer und Bischofsvikar ...
Der Hermannstädter Stadtpfarrer und Bischofsvikar Friedrich Müller (1884-1969), hier im Jahr 1928, Bischof von 1945 bis 1969, verschaffte der reichsdeutschen theologischen Entwicklung Resonanzräume in Siebenbürgen, organisierte aber auch markanten Widerspruch im „Verteidigungsring“ gegen die kirchliche Gleichschaltung während der NS-Volksgruppenzeit.
Schon lange hatte sich abgezeichnet, dass die Siebenbürger Sachsen ihre aus dem Mittelalter gerettete Selbstverwaltung (Autonomie) nicht mehr aufrechterhalten konnten. Der Wandel trat nach dem Verlust der alten Privilegien 1867 und 1876 ein und traf die Sachsen am weitreichendsten. Österreichischer Absolutismus und ungarischer Chauvinismus bedrohten nationale und kirchliche Existenz, so dass die Frage im Raum stand: „Wie kann sich Kirche und Volk im Blick auf die Zukunft schützen?“ Nur ihre evangelische Kirche war ihnen geblieben, von der Georg Daniel Teutsch schon 1861 schrieb: „Die Organisierung unserer Kirche ist der festeste Grundstein für die edelsten Güter unseres Volkstums.“ Die damals führenden Köpfe der Sachsen, vom deutschen Kulturraum geprägt, politisch und theologisch liberal denkend, entwickelten ein „Identitätskonstrukt“, indem sie sich in jenen Jahren über ihre Wurzeln neu verständigten und darüber, wie sie im Sturm der Zeiten wieder einen festen Boden finden könnten. Es entstand als Ersatz für den Verlust der Autonomie die siebenbürgisch-sächsische Volkskirche. Dabei konnten sie sich auf ihr an den deutschen Universitäten erworbenes kulturprotestantisches neues Selbstverständnis stützen. Dieser „Transformationsprozess“ stand für eine Symbiose von sächsischer Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kirche und schuf eine Deckungsgleichheit zwischen Kirchenvolk und Sachsenvolk. Diese Grundorientierung fand dann ihren Ausdruck in der „evangelisch-sächsischen Volkskirche“ und wirkte fort, selten kritisiert und selten hinterfragt. Doch dieses Bild konnte im Laufe der Jahre über einen schleichenden Schwund an geistlicher Substanz und Bindung der Sachsen an ihre Volkskirche nicht hinwegtäuschen. So mussten sich leitende Personen der Landeskirche auf dem Schäßburger Pfarrertag 1913 den Vorwurf gefallen lassen, die „Volkskirche“ sei nur noch eine „blau-rot angestrichene Mumie“.

Nach dem Ersten Weltkrieg stürzte diese „sächsische Volkskirche“ unter den grundlegend veränderten Bedingungen Großrumäniens in eine tiefgreifende Krise. Doch wurde die herkömmliche Grundorientierung, wonach Kirche und Schule zu den tragenden Pfeilern des sächsichen Volkes gehörten, beibehalten. Nichtsiebenbürgische Gemeinden aus der Bukowina, dem Banat, aus Bessarabien und dem Altreich wurden zu Beginn der 1920er Jahre in die Landeskirche eingegliedert. Die eingetretene Dias­porasituation (Kirche in der Zerstreuung) war nicht zu übersehen. Die Erhaltung der Schulen im Kernland Siebenbürgen fordete von den Gemeinden große Opfer. Loyalitätseinbußen und Kirchensteuerverweigerungen waren die Folge. Die „Unzufriedenenbewegung“ kam auf und sorgte für Unruhe in Kirche und Volk. Viele Siebenbürger Sachsen hielten Ausschau nach einem Neuanfang. „Erneuerung in Kirche und Volk“ wurde zum Schlagwort jener Jahre. Trotz einiger Zweifel hatte sich die nationalsozialistische Bewegung durchgesetzt.

Die Rezeption des Nationalsozialismus in der Evangelischen Kirche A.B. in Siebenbürgen ist die beste Darsellung dieser Epoche aus kirchlicher Sicht, die bis dato erschienen ist. Die großen Linien der Entwicklung mit historischem Detail verbindend, beschreibt Dr. Ulrich A. Wien das Verhalten der siebenbürgischen Volkskirche und seiner Repräsentanten: den erzwungenen Rücktritt von Bischof Dr. V. Glondys, die manipulierte Wahl Bischofs W. Staedel und dessen Verstrickung ins nationalsozialistische System durch die Errichtung des „Instituts zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben in Rumänien“, verbunden mit der „Entjudung“ als Ziel des Religionsunterrichtes, und vor allem die Gleichschaltung von Kirche und Schule. Ziel dieser Aktionen war die völkisch-nationalsozialistische Umprägung des christlichen Glaubens, „von der sächsischen Volkskirche zum Volksglauben“. Diese angestrebte Umdeutung des christlichen Glaubens in eine antisemitische Volkstumsideologie stürzte die sächsische Volkskirche in eine umfassende Krise. Der Autor beschreibt mit der historischen Distanz und Sachlichkeit eines Außenstehenden die sich daraus ergebenden Chancen, aber auch Grenzen der Möglichkeiten, sich dem Nationalsozialsismus zu widersetzen. In der Tradition der modernen Kirchengeschichtsschreibung stehend, bewertet Wien das Verhalten der siebenbürgischen „Opposition“ nicht als „Kirchenkampf“, sondern beschreibt sie neutral als „Kirche im Nationalsozialismus“.

Lesenswert sind auch die Untersuchungen Wiens zu Dr. Hans Otto Roth als Landeskirchenkurator, die „Entdeckungen zu dessen Religiosität“, die Forschungsergebnisse zu relevanten Aspekten des Kirchenrechts, der Religionsfreiheit im Kommunismus, der Schulpolitik zwischen den Weltkriegen sowie die Studie über die Anfänge der Diasporaseelsorge in Siebenbürgen.

Durch die fundierte Quellenarbeit, die systematische und kompakte Darstellung der Thematik stellt das Buch von Ulrich A. Wien einen Gewinn für die kirchengeschichtliche Forschung dar. Der flüssige und leicht verständliche Stil eröffnet dem kirchengeschichtlich und historisch interessierten Leser die Möglichkeit, sich ein objektives Bild über die Zusammenhänge zwischen Kirche, Tradition und historischer Entwicklung unter zwei Diktaturen in Sienbebürgen zu verschaffen. Dafür sei Autor und Verlag herzlich gedankt.

Dr. August Schuller


Ulrich A. Wien: „Resonanz und Widerspruch. Von der siebenbürgischen Diaspora-Volkskirche zur Diaspora in Rumänien“, Martin-Luther-Verlag, Erlangen, 2014, 622 Seiten, 39,00 Euro, ISBN 978-3-87513-178-9

Schlagwörter: Kirche, Siebenbürgen, Geschichte, Sammelband

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