7. Dezember 2014

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Sisi von Halmagen

Wie eine Büste von Kaiserin Elisabeth das Ende der Donaumonarchie und die Zeit danach in einem Versteck überlebte
Altweibersommer hängt in den schon fast kahlen Obstbäumen und die Sonnenstrahlen wärmen noch ein letztes Mal die klare, nach Herbstfeuer duftende Luft. Es ist ein sonniger Oktobertag auf dem ungarischen Kirchhof von Halmagen, der auch als Friedhof dient. Von der Anhöhe kann man weit hinab ins Alttal sehen und die Geräusche unten im Dorf hören. Fünf Kilometer weiter südlich liegt Schirkanyen, zu dem auch Halmagen (Hălmeag, Halmagy) gehört. Ein magischer Ort, und ein sehr siebenbürgischer. Mit Bauten, deren wechselvolle Geschichte noch manches Rätsel aufgibt.

Allen voran die Frauenbüste aus schneeweißem Marmor auf dem liebevoll mit Blumenbeeten geschmückten Friedhof. Mit ihrem schlanken Jugendstilsockel überragt sie die anderen Grabsteine fast um Manneshöhe. Es ist tatsächlich Sisi, die hier steht, die Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn. Was aber verschlug sie ausgerechnet nach Halmagen, wo sich heute noch Fuchs und Wolf gute Nacht sagen?Spätherbst auf dem Kirchhof von Halmagen. Links ...Spätherbst auf dem Kirchhof von Halmagen. Links das Denkmal für Kaiserin Elisabeth, hinten rechts die Gruft des Kronstädter Stadtrichters Michael Fronius. Als das Kaiserin-Elisabeth-Denkmal enthüllt wurde, schrieb man den 27. November 1906. Die Donaumonarchie schien auf ewig fortzubestehen, und allenthalben hatte man mit den Vorbereitungen der Jubelfeier anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums von Kaiser Franz Joseph begonnen. Zwar schwebte über allem noch der Schatten des tragischen Todes, den Königin Elisabeth 1898 durch die Hand eines italienischen Anarchisten gefunden hatte, doch stimmte positiv, dass nunmehr auch in den Kronländern des Habsburgerreiches eine Welle der Verehrung für die zu Lebzeiten als über die Maßen madjarophil empfundene Königin einsetzte.

Vor allem in der ungarischen Reichshälfte gab es einen wahren Sisi-Kult, bei dem man sich mit Aufstellen von Büsten, Gedenksteinen u.a. zu übertrumpfen suchte. Aus gutem Grund: Königin Erzsébet sprach nicht nur gerne ungarisch und sorgte nach der Geburt ihres jüngsten Kindes für ungarische Hofhaltung und Erziehung durch die aus Siebenbürgen stammende Gräfin Maria Kornis, sondern setzte auch mit Gyula Graf Andrássy 1867 den Ausgleich gegen den Widerstand ihres Gemahls durch, der Ungarn innerhalb der Doppelmonarchie eine Reihe Sonderrechte einräumte (Sisis „ungarisches Kind“ Marie Valerie soll allem Tratsch zum Trotz dennoch nicht von Andrássy stammen; mit diesem habe sie nur eine „treue Freundschaft“ verbunden, die „nie durch Liebe vergiftet“ worden sei, bekannte die Kaiserin später). „Solange ein ungarisches Herz noch schlägt, wird man unserer großen Königin gedenken“, heißt es auf einer noch erhaltenen Gedenksäule in Homoródkarácsonfalva/Crăciunel (Kreis Hargita). Auch Bereck/Bretcu (Kr. Kovasna) und Csíkdánfalva (Kr. Hargita) besitzen Gedenksteine für Sisi. Eine künstlerisch gut gemeinte Sisi-Büste steht in Bölön/Belin, doch stammt diese von 2005. Klausenburg hat sich seiner Sisi-Büste von 1900 auch wieder erinnert, doch musste es sich mit einer Kopie begnügen. So darf sich Halmagen zu Recht rühmen, die einzige historische Elisabeth-Büste in Rumänien zu besitzen. Die gediegene Plastik stammt vom Oderheller Bildhauer Nándor Hargita.

Sisi-Denkmal des Bildhauers Nándor Hargita ...Sisi-Denkmal des Bildhauers Nándor Hargita (1906). Die jahrzehntelang versteckte Büste wurde erst 1977 wieder aufgestellt.Auch sächsische Orte brachten ihre Verehrung für das Königspaar und speziell für Elisabeth zum Ausdruck. Zu nennen wäre hier die 1879, dem Jahr der Silberhochzeit des Herrscherpaares, angelegte, erst kürzlich wieder eingeweihte Elisabethenpromenade in Rosenau (Promenada Sissi). Im selben Jahr wurde auf dem Raupenberg in Kronstadt das sogenannte Königswäldchen angelegt und am Jubiläumstag selbst die sogenannte Königsföhre gepflanzt (freundliche Mitteilung Wolfgang Wittstock). 1898 erhielt in Hermannstadt ein 1895 angelegter Park am Anfang der Schewisgasse den Namen „Königin Elisabethpark“. Auf Anweisung des k.k. Ackerbauministers wurde die Pflanzung von Gedenkbäumen, die Anlage von „Elisabeth-Parks“ (Erzsébet-kert) u.ä. staatlich gefördert (http://otdk.zskf.hu/Dolgozatok/143.pdf). Neben Trauerweiden wurden damals auch viele der von Sisi geliebten Kastanienbäume gepflanzt.

Mit dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien war die ungarische Königin über Nacht zur persona non grata geworden. So holten die Halmager „ihre“ Sisi wohl noch 1918 vorsorglich vom Sockel und versteckten sie in der evangelischen Kirche. Nur wenige wussten davon Bescheid und so konnte die Büste jahrzehntelang die Wirren der Geschichte überstehen. Der leere Travertinsockel wurde am ursprünglichen Standort belassen.

Weigerte sich, den Sockel des Sisi-Standbildes in ...Weigerte sich, den Sockel des Sisi-Standbildes in Halmagen mit seinem Vorschlaghammer zu zertrümmern: Ötvös Ábel.Erst 1977 wurde – sicher auf höhere Anweisung – beschlossen, an Stelle des Sisi-Sockels ein Denkmal für Ecaterina Varga aufzustellen. Gleichzeitig ordnete der Bürgermeister die Zerstörung des alten Erzsébet-Sockels an. Der Zigeuner, der ihn mit einem Hammer zertrümmern sollte, weigerte sich jedoch – so der Heimatforscher László Nagy –, den Auftrag auszuführen: „Mai bine să-mi sece mâna decât să sparg această statuie“ – „Lieber möge mir mein Arm verdorren, als dass ich diese Statue zerschlage.“ Wenig später stellten die ungarischen Dorfbewohner den Sockel auf dem Kirchhof wieder auf – und das zusammen mit der bis dahin sorgsam gehüteten Sisi-Büste – damals fast schon ein Fall von zivilem Ungehorsam.

Dass man sich in Halmagen auf geschichts­trächtigem Boden bewegt, wird schon daran deutlich, dass der ursprünglich von deutschen(?) Siedlern gegründete Ort mit seiner Grenzburg bereits 1211 in der Urkunde über die Verleihung des Burzenlandes an den Deutschen Ritterorden durch König Andreas II. erwähnt wird. Sicher wurde die romanische Basilika mit den beiden nicht mehr ausgeführten Türmen bereits Ende des 12. Jahrhunderts begonnen, was sie zu einer der ältesten Kirchen in Siebenbürgen macht. Ihre romanischen und gotischen Merkmale weisen auf den Dom in Karlsburg bzw. die Zisterzienserbauhütte in Kerz hin, G. Treiber sieht in ihr ein verkleinertes Abbild der Kirche von Bartholomä; faszinierend auch ihre Bauplastik (Schlusstein mit Abt-Darstellung usw.).

Ein Halmager Kuriosum stellt ein seit 1579 bestehendes „adeliges Gütchen mitten in einem sonst durchaus freyen Dorfe“ dar (Marienburg II, 290), das ein Bewohner bei seiner Nobilitierung mitsamt Untertanen erhalten hatte. 1764 erwarb es Freiherr Martin Wanckel von Seeberg (1707-1766), der es als korrupter Transmigranteninspektor bei der Umsiedlung der Landler nach Siebenbürgen zu traurigem Ruhm gebracht hatte. Wegen seiner Misswirtschaft war es 1755 zum offenen Aufruhr gekommen, dem wohl „ersten Streik in Siebenbürgen“ (Hellmut Klima). 1794 kam das Adelsgut in den Besitz des Kronstädter Stadtrichters Michael Fronius (1727-1799), der hier auch seine letzten Jahre verbrachte. Fronius hatte 1783 Kaiser Joseph II. durchs Burzenland begleitet und wurde später von diesem für seine großen Verdienste um das Kronstädter Gemeinwesen zum Gubernialrat erhoben. Nach seinem Tod errichteten ihm seine Söhne eine Gruft. Darin befindet sich eine lateinische Inschrift mit dem Familienwappen des Toten, denen ein geflügelter Genius (Thanatos) und eine Eule beigesellt sind. Südostansicht der turmlosen Kirche von Halmagen. ...Südostansicht der turmlosen Kirche von Halmagen. Unter den Bäumen links das Denkmal für Kaiserin Sisi. Fotos: Konrad Klein Mit Halmagen verbindet sich auch die ungewöhnliche Geschichte der aus verarmtem ungarischen Landadel stammenden Katalin Varga (1802-1858), bekannter in der rumänisierten Form Ecaterina Varga. Als unbeugsame Kämpferin für die Rechte der rumänischen Bergbauern im Siebenbürgischen Westgebirge („Doamna Moţilor“) saß sie jahrelang in Haft ohne Gerichtsverfahren, ehe sie nach Halmagen, ihren eigenen Geburtsort, verbannt wurde. Bei ihrer Festnahme durch die die k.k. Behörden spielte auch der nachmalige Metropolit Andrei Schaguna eine unrühmliche Rolle. Vargas Büste, eine typisch spätsozialistische Arbeit, steht heute unbeachtet auf einer vernachlässigten Straßenböschung. Der genaue Todestag der sozialromantischen Rebellin wird sich wohl nicht mehr klären lassen, weil das Halmagener Kirchenarchiv 1970 von zwei mutmaßlichen Securitate-Leuten beschlagnahmt wurde. Trotz mehrerer Anläufe gelang es bislang nicht, die alten Matrikeln wiederzufinden. Merkwürdigerweise ist auch Vargas Grab unauffindbar.Nordwestansicht der romanisch-gotischen Basilika ...Nordwestansicht der romanisch-gotischen Basilika von Halmagen, aufgenommen vom Hermannstädter Architekten Hermann Balthes, der auch fotografisch ein Könner der Extraklasse ist. Am Eingang zum Kirchhof ist eine Tafel befestigt, die auf die Renovierung von 1979 hinweist. Ihr letzter Satz „ERÖS VÁR A MI ISTENÜNK!“ ist der Anfang des guten alten Lutherliedes „Ein‘ feste Burg ist unser Gott.“ Für die ungarischen Einwohner des Ortes nicht nur ein Bekenntnis zu ihrem lutherischen Glauben. Es ist auch der Gruß, mit dem sich die evangelischen Ungarn bis heute begrüßen, in Halmagen und Klausenburg, Agnetheln und Temeswar. Übrigens auch in Sakadat bei Freck, das 1942 zusammen mit Halmagen aus dem Verband der evangelischen Landeskirche A.B. austrat. Offenbar hatte ihnen die Politik der Volksgruppenführung nicht mehr gepasst. Kaiserin Sisi kann dies alles egal sein. Sie wird auch die nächsten hundert Jahre auf die Welt herunterschauen, mal hoheitlich-würdevoll, mal mitleidend-gerührt.

Konrad Klein

Schlagwörter: Donaumonarchie, Kaiserin, Friedhof, Denkmal

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