6. März 2015

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Dr. Hellmut Klima vor 100 Jahren geboren

364 Ortsmonografien aller siebenbürgisch-sächsischen Dorfgründungen - 55 unveröffentlichte Typoskripte - eine unveröffentlichte Landler-Festschrift - die „Geschichte der Landler in Siebenbürgen“ - die Monografie Neppendorfs - 118 Neppendorfer Familienchroniken (insgesamt 6222 A4-Seiten) - 81 112 Karteikarten mit Aufzeichnungen - etwa 2400 Karteikarten zur „Chronologie siebenbürgischer Geschichte“ - 9677 Karteikarten über Siebenbürgen (Persönlichkeiten/Sonstiges) - Tagebuchaufzeichnungen von 1929–1990. Der Mann, aus dessen Nachlass diese Schriftstücke stammen, wurde vor 100 Jahren geboren: Dr. Hellmut Klima, Historiker, Heimatforscher und Pfarrer.
Hellmut Klima kam am 13. Februar 1915 in Hermannstadt zur Welt. Man möchte meinen, schon allein durch seine Vorfahren müsste ihm geschichtliches Interesse in die Wiege gelegt worden sein: Der Großvater väterlicherseits stammte (mit großer Wahrscheinlichkeit) aus Troppau, der Hauptstadt von Österreichisch-Schlesien. Als „Schuster auf der Wanderschaft“ ließ sich Anton Klima in Mediasch nieder, heiratete eine Sächsin, doch starben beide Eheleute bald, sodass die zwei Söhne als Waisen zurückblieben. August Klima, Pfarrer Klimas Vater, starb erst 48-jährig als Oberst in Hermannstadt. Seine Mutter war die Tochter des Kaufmannes Johann Weindel, dessen Urgroßvater Wolfgang 1755 wegen seines evangelischen Glaubens mit seiner Familie aus Waldneukirchen bei Bad Hall nach Siebenbürgen deportiert wurde.

Nach der Volksschule besuchte Hellmut Klima von 1925 bis 1932 das Brukenthal-Gymnasium. Der Knabe, der seine körperliche Schwäche durch Disziplin in der Zeit- und Arbeitseinteilung auszugleichen verstand, erbrachte Höchstleistungen und zeigte schon während der Schulzeit besonderes Interesse für die Geschichte Siebenbürgens und seiner Völker. Aus den Jahren bis 1928 gibt es Aufzeichnungen im Nachlass, aus denen seine bereits damals auffallende Beobachtungsgabe hervorgeht: Detailliert und ausgeschmückt wird z. B. der Zibinsmarkt in seinem bunten Treiben beim Einkauf mit der Mutter beschrieben, ebenso die verschiedenen Sprachen der aus bestimmten Teilen des Landes angereisten Marktverkäufer. So war es nicht überraschend, dass er zwischen 1932 und 1936 an der Universität Klausenburg Geschichte studierte, wo er als Abschluss die Erste Dienstprüfung (licenta) für das Höhere Lehramt im Fach Geschichte ablegte. Lehrerpersönlichkeiten weckten sein Interesse, er war auch hier ein aufmerksamer Beobachter. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch die Geschichte des Nationalsozialismus in Siebenbürgen und unter den Siebenbürger Sachsen im Tagebuch auf vielen Seiten Eingang fand. Sein Studienweg führte ihn 1936 nach Wien. Der damaligen Vorschrift entsprechend, dass jeder sächsische Lehr- oder Pfarramtskandidat mindestens vier Semester evangelische Theologie zu belegen hatte, inskribierte er an der Theologischen Fakultät. Ausschlaggebend für die Wahl dieser Universitätsstadt waren vermutlich auch die reichen Archivmaterialien zur siebenbürgischen Geschichte, die dort zur Verfügung standen. Ein umfangreiches Thema zu einer Dissertation bot sich an: „Die Gouverneure Siebenbürgens“. Dieses zeitlich und inhaltlich zu umfangreiche Gebiet wurde aufgeteilt: 1691–1774 bearbeitete Dr. Rolf Kutschera, 1774 –1867 Dr. Klima selbst. Pfarrer Hellmut Klima, aufgenommen im August 1989 ...Pfarrer Hellmut Klima, aufgenommen im August 1989 von Konrad Klein Neben seinen Forschungen für die Doktorarbeit im Haus-, Hof- und Staatsarchiv begann der Student Klima 1938 seine Tätigkeit im Kriegsarchiv, wo er einen bis dahin unbekannten Akt über Stephan Ludwig Roth fand und abschrieb. Damals war eine solch simple Aufgabe noch mit viel Aufwand verbunden. Und im Hofkammerarchiv stellte er fest, welch hohe Summen von Maria Theresia für die Verbreitung und Festigung des katholischen Kirchenwesens und Schulwesens in Siebenbürgen eingesetzt worden war. Die Wiener Zeit hinterließ beim jungen Historiker und Theologen Klima eine nachhaltige Erinnerung. Dies zeigen auch die Tagebucheinträge mit wertvollen Aufzeichnungen über das Studentenheim, Lebensmittelpreise, Professoren, Studienkollegen, Fakultätsbetrieb, Politik, politische Einstellungen. Das folgende ein Semester dauernde Theologiestudium in Leipzig (April bis Juli 1938) vermittelte ihm einen bleibenden Eindruck vom Dritten Reich.

Trotz verlockender Angebote kehrte er am 1. Oktober 1938 in seine Heimatstadt zurück und trat im Februar des folgenden Jahres seine erste Stelle als „Kandidat“ im Diasporaheim an. Auch in der Heimat gönnte er sich keine Ruhepause: zuerst die Ausarbeitung der Dissertation in rumänischer Sprache, dann am 24. Juni 1939 die Promotion in Klausenburg zum Doktor der Philosophie (Fachgebiet Geschichte), im gleichen Jahr noch, am 22. September, die Pfarramtsprüfung und danach die Unterrichtstätigkeit – Geschichte an der Brukenthalschule, die er selbst besucht hatte. Im Januar 1940 erhielt Hellmut Klima seine Berufung zum Pfarramtsverweser von Neppendorf, der größten Landgemeinde der Evangelischen Kirche A.B. Siebenbürgens und am 23. Mai 1940 wurde er, nachdem die Gemeinde ihn gewählt hatte, von Bischof Dr. Glondys ordiniert. Für den jungen Pfarrer eröffnete sich in Neppendorf ein interessantes Betätigungsfeld und eine Aufgabe, die ihn voll beanspruchte. Im Ort lebten neben den alteingesessenen Sachsen Nachkommen der unter Karl VI. und Maria Theresia deportierten Österreicher. Mit dieser Deportierung, den Hintergründen und der Geschichte der Gemeinde befasste er sich Zeit seines Lebens, und das Ergebnis dieser Studien ist bemerkenswert: 7394 A6-Zettel und die Monografie von Neppendorf bestehend aus 1098 Tippseiten. Durch die Heirat am 29. Juni 1941 mit der Neppendorfer Lehrerin Maria Liebhart, deren Vorfahren aus dem Salzkammergut transmigriert wurden, bestand zusätzlich intensiver individueller Zugang und Anteilnahme an diesem Thema.

Eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte Siebenbürgens musste er selbst miterleben: die Deportation 1945 gemeinsam mit vielen anderen Frauen und Männern zur Zwangsarbeit in die UdSSR. Dr. Klima wurde mit dem ersten Transport im Oktober 1945 wieder in die Heimat zurückgeschickt, unterernährt und krank, seine Gattin erst mit dem letzten Transport 1949. Die persönlichen Erlebnisse aus dieser Zeit geben authentischen und wertvollen Aufschluss über das Lagerleben, die Bewohner des Landes sowie die Gefangenen und Zwangsarbeiter.

Noch war der Krieg in Siebenbürgen nicht vergessen und die Folgen jahrzehntelang spürbar. Wie für viele andere begann auch für ihn der stille und hoffnungslose Kampf mit dem kommunistischen System, das zwar die Kirche offiziell duldete, doch Pfarrer, die ihnen nicht gehorchten, gezielt zermürbte. Als Pfarrer und Historiker sah er sich oft diesen nervenaufreibenden und quälenden „Gesprächen“ ausgesetzt. Es war wohl nicht Tapferkeit oder Mut, die ihn dazu brachten, sich nicht zu unterwerfen. Vielmehr war es seine feste Überzeugung, dass er Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen, eine Einstellung mit starker Vorbildfunktion für manche aus seinem Umfeld. Der Staatssicherheitsdienst in Rumänien überwachte auch die harmlosesten Aktivitäten, so auch die Post von Pfarrer Klima. Eine in Leipzig (in der damaligen DDR) publizierte Veröffentlichung über den „Eigenwortschatz der Landler“ wurde ihm, wie so viele andere Postsendungen aus dem Ausland, nachweislich nicht zugestellt. Und trotz offizieller Einladungen zu internationalen Tagungen durfte er nur drei Mal ins Ausland reisen.

40 Jahre betreute Pfarrer Klima eine Gemeinde, die sich aus zwei sprachlich verschiedenen Bevölkerungsteilen zusammensetzte: Die deutliche Mehrheit, etwa 75 Prozent, gehörte zu den Landlern, etwa 25 Prozent waren Sachsen. Er unterzog sich der Mühe, den Dialekt der Landler zu lernen, befasste sich intensiv mit der Familiengenealogie der Dorfbewohner, alle Spitznamen der einzelnen Sippenträger waren ihm geläufig, ebenso die Höfe und die alten Hausnummern. Seine Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit berichten über Unruhen, die Schikanen des Kommunismus, über Auseinandersetzungen mit Schulbehörden wegen Religions- und Konfirmandenunterricht, und die vielen „Gespräche“ mit Vertretern des Kultusdepartements.

In den verschiedensten kirchlichen Gremien übte er im Laufe der Jahre etliche Funktionen aus: Geistliches Mitglied des Hermannstädter Bezirkskonsistoriums, Vorsitzender des Hilfsfonds der kirchlichen Angestellten, Dechantstellvertreter, Dechant des Bezirkes Hermannstadt, geistliches Mitglied des Landeskonsistoriums und stellvertretender Bischofsvikar. Mit großem Pflichtbewusstsein, ruhig und besonnen hat er in der Zeit als Dechant die Visitationen von 237 Gemeinden vorgenommen, seine Sachlichkeit, aber auch seine Kenntnis der siebenbürgischen Geschichte und der kirchlichen Rechtsbestimmungen wurden überaus geschätzt.

Am 1. Februar 1980 trat Dr. Hellmut Klima in den Ruhestand. Die große Ausreisewelle, die nach Dezember 1989 einsetzte, musste er miterleben, bevor er am 7. Oktober 1990 in den Morgenstunden des Reformationssonntags verstarb.

Dr. Hellmut Klima schuf sich in der Pension bewusst eine sehr geschlossene Welt, die Zugangstür zu dieser konnte nur er öffnen und jene hereinlassen, die ihm die historischen, politischen und kirchlichen Geschehnisse überbrachten und damit seinen Informationshunger stillten oder jene, die seine fachliche Unterstützung suchten. Durch seinen Sinn für Ordnung schuf er ein thematisch gegliedertes Archiv, dokumentarisches Material von unschätzbarem Wert, eine der größten Privatbibliotheken in Siebenbürgen (ältestes Buch von 1554), bestehend (1982) aus insgesamt ca. 6000 Werken. Von unverzichtbarer Bedeutung für die Forschung ist das nach Personen, Sachen und Ortschaften angelegte Archiv mit einem Bestand von 81 112 Zetteln, Datenmaterial zu 364 Gemeinden des deutschen Siedlungsgebietes in Siebenbürgen, das ab den 60er-Jahren zu ortsgeschichtlichen Datensammlungen verarbeitet wurde.

Mit und durch die Unterstützung seiner Familie, vorerst der Mutter und Tante, später der Schwester und vor allem seiner Ehefrau Maria schaffte er fast Unmögliches. Selbstlosigkeit zeichnete ihn aus, mit Respekt und Wertschätzung begegnete er Interessierten, freute sich über das historische Interesse vor allem Jugendlicher, deren Fragen er ausführlich beantwortete. Als einer der profiliertesten Kenner der siebenbürgischen Geschichte lag seine Stärke in einer verständlichen Analyse komplexer Fragestellungen. Von seiner ersten Veröffentlichung als Student über die evangelischen Slawen (mit rumänischer Umgangssprache) bis zu den letzten Beiträgen 1990 hat er sich an sein Lebensprinzip „Wahrheit und Klarheit“ gehalten.

Hellmut Klimas wissenschaftliches Werk umfasst zahlreiche Einzelbeiträge, nur ein kleiner Teil davon wurde in rumäniendeutschen Zeitungen und Zeitschriften und in den „Kirchlichen Blättern“ veröffentlicht. Er selbst konnte nur eine geringe Ernte einfahren, doch seiner Nachwelt hat er einen unermesslichen Schatz hinterlassen, den es größtenteils noch zu heben gilt!

Renate Bauinger

Schlagwörter: Klima, Jubilar, Historiker, Heimatforscher, Pfarrer, Neppendorf

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