27. Juli 2015

Vor 80 Jahren ließ Hermann Oberth am Ufer der Kokel seine erste Flüssigkeitsrakete steigen

Im Jahre 1935 wurde Mediasch zur vierten Stadt der Welt, in welcher sich eine Versuchsrakete in das Blau des Himmels erhob, nach Auburn in den Vereinigten Staaten (Start am 16. März 1926), Berlin (13. März 1931) und Nahabino in der Sowjetunion (17. August 1933). Leider ist nur wenig über das Ereignis bekannt, das sich am Ufer des Kokelflusses, auf dem Gelände der „Fliegerschule“ (Şcoala Tehnică de Aviaţie) abspielte. In den Werkstätten dieser Schule experimentierte der Erfinder Hermann Oberth seit einiger Zeit mit Erlaubnis von König Karl II. mit Raketenmodellen.
Wir wissen, dass Oberth von seinen Zeitgenossen aufmerksam beobachtet und allzu oft auch belächelt wurde, und dass die „Mediascher Zeitung“ regelmäßig über seine Aktivitäten berichtete, doch sucht man vergeblich nach Hinweisen auf einen Raketenstart, der im Mai des Jahres 1935 stattgefunden haben soll. Am 24. ­Dezember 1948 schrieb Oberth an seinen langjährigen Freund und Förderer Willi Ley, den namhaften deutsch-amerikanischen Raumfahrthistoriker: „... machte ich Versuche für kleinere Raketen und ließ 1935 meine erste Flüssigkeitsrakete wirklich steigen“. Eine von Oberth angefertigte Skizze dieser Rakete befindet sich im Militärhistorischen Archiv in Freiburg, eine Kopie davon ist im Raumfahrtmuseum „Hermann Oberth“ in Feucht ausgestellt.

In Mediasch, wo Oberth entscheidende Forschungen auf dem Weg zum Weltraumflug durchführte, wurde der 80. Wiederkehr dieses Raketenstarts mit einem Gedenkbriefumschlag gedacht. Die Initiative ging von Liviu Pintican-Juga aus, einem begeisterten Briefmarkensammler, dessen umfassende Oberth-Sammlung in Fachkreisen hohe Anerkennung findet. Der von den Mediascher Briefmarkensammlern gestiftete Umschlag und der darauf angebrachte Sonderstempel wurde von dem Graphiker Alec Bartoş gestaltet, der als Vorsitzender der Kommission für Weltraumphilatelie beim Verband rumänischer Briefmarkensammler selber ein begeisterter Sammler ist. Der Umschlag wurde im Rahmen einer Feierstunde am 23. Juni vorgestellt, die im Festsaal des Erdgasmuseums („Casa Gazelor Naturale“), geleitet von Angela Păucean, vom Verein „Unser Mediasch“ („Mediaşul nostru“) und dem Kreis der Mediascher Briefmarkensammler ausgerichtet wurde. Mircea Hodârnău, Vorsitzender des Vereins, begrüßte die Gäste mit dem Hinweis, dass Hermann Oberth vor 90 Jahren nach Mediasch kam, seine Lehrtätigkeit am dortigen Stephan-Ludwig-Roth-Gymnasium aufnahm und in eben jenem Jahr auch die Arbeit an seinem zweiten bedeutenden Werk begann: „Wege zur Weltraumfahrt“.
Gedenkbriefumschlag 80 Jahre seit dem ...
Gedenkbriefumschlag 80 Jahre seit dem Raketenstart von Hermann Oberth
In einem gut dokumentierten Referat berichtete der Briefmarkensammler Liviu Pintican-Juga darüber, dass die Briefmarkensammler aus Mediasch den berühmten „Vater der Weltraumfahrt“ im Lauf der Jahre mehrfach gewürdigt hatten, so 1985 und 1995 mit je einem Ersttagsbrief. Zu diesen begehrten Sammelobjekten kommt nun ein weiteres dazu. Der Referent verwies übrigens im Zusammenhang mit dem Raketenstart darauf, dass 1994, als das Hermann-Oberth-Gedenkhaus eröffnet wurde, noch eine Augenzeugin des ungewöhnlichen Ereignisses lebte. Frau Elena Ciurescu hatte dem betagten Historiker George Togan berichtet, dass sie den Aufstieg der Rakete ebenso beobachtet habe, wie eine Gruppe Gymnasiasten, die Oberth mit einem dreifachen Vivat feierten. Eine geplante Zusammenkunft mit Dr. Erna Roth-Oberth, der Tochter des Wissenschaftlers, kam aus unbekannten Gründen nicht zustande. Laut Informationen von Hellmuth Binder soll der Werkstattmeister der Fliegerschule Constantin Haşdeu an der Vorbereitung und Durchführung des Raketenstarts beteiligt gewesen sein.

Der Gedenkbriefumschlag wurde am 25. Juni 2015, dem 121. Geburtstag Oberths, in Umlauf gebracht. An diesem Tag stempelte das Postamt Mediasch 1 die gesamte ausgehende Post mit einem Oberth-Sonderstempel. Ebenfalls an diesem Tag fand eine weitere Oberth-Feierstunde im Hermann-Oberth-Gedenkhaus statt, das sich in der Trägerschaft des rumänischen Luftfahrtministeriums befindet. Gemeinsam mit der Direktion für Kultur, Sport und Tourismus wurde die überarbeitete und verbesserte Ausstellung eröffnet. Dorel Nemeş, Leiter des Gedenkhauses, erklärte, dass man mit der Ausstellung nun weitaus mehr Einzelheiten über das Leben und Wirken des siebenbürgisch-sächsischen Raketenpioniers vorstellen könne als bisher. Bei dieser Gelegenheit überreichte Liviu Pintican-Juga dem Leiter des Gedenkhauses eine kleine Oberth-Büste, die von der Organisatoren der Hermannstädter Briefmarkenausstellung „Aeromfilatelia 2014“ gestiftet worden war.

Die Stadt Mediasch, die Heimatstadt der Familie Oberth, hat somit ein weiteres Mal bewiesen, dass sie die Erinnerung an ihren berühmten Sohn in Ehren hält. Abschließend sei an einen seiner Leitsätze erinnert, der seine Gültigkeit bis heute behalten hat: „Wir sind nicht mehr geneigt, die Grenzen unserer irdischen Atmosphäre als Grenzen unserer Existenz hinzunehmen.“ Hermann Oberth hat das wörtlich genommen und stets über die engen Grenzen des Erdenrunds hinaus gestrebt.

Nick Langa

Schlagwörter: Oberth, Briefmarke, Gedenken

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