30. August 2015

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Ein wichtiges Dokument der Sprachgemeinschaft

Den beiden Bearbeiterinnen der stark reduzierten Hermannstädter Wörterbuchstelle, Malwine Dengel und Sigrid Haldenwang, gebührt ein großes Lob für die Ausarbeitung und Veröffentlichung von Band 10 des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs (SSWB). Wie gewohnt sachkundig und ausführlich behandelt der Band den Wortschatz etwa eines Drittels des Großbuchstabens unseres Alphabets: S-Sche. Wie die vorigen drei Bände wurde auch dieser als Gemeinschaftsausgabe des Bukarester Akademie Verlags und des Böhlau Verlags Köln, Weimar, Wien herausgebracht. Die Titelseite führt als Erscheinungsjahr zwar 2014, im Buchladen kam er aber erst im späten Frühjahr 2015 an. Wie es zur Verzögerung kam, ist mir unbekannt, wichtig ist: Das Wörterbuch ist da.
Gefördert wurde die Veröffentlichung von der Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Wie im Vorwort von Dr. Si- grid Haldenwang, der langjährigen Leiterin der Wörterbuchstelle (seit 1986), hervorgehoben wird, gilt ein „besonderer Dank für die Förderung der Drucklegung dieses Bandes dem Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V., das zur Münchener Universität gehört, sowie dem Demokratischen Forum der Deutschen in Hermannstadt. Begleitende Unterstützung erfuhr die Wörterbuchstelle, wie schon für die drei vorigen Bände, auch für den zehnten Band vom Wörterbuchbeirat, dem namhafte Professoren von verschiedenen deutschen Universitäten angehören.

Die Wörterbuchstelle gehört seit den 1950er Jahren zum Hermannstädter Forschungsinstitut für Geisteswissenschaften, das seinerseits der Rumänischen Akademie der Wissenschaften unterstellt ist. Es ist ein besonderes Verdienst, vor allem der Hermannstädter akademischen Einrichtungen, dass es ihnen gelungen ist, so wertvolle internationale Förderungsmöglichkeiten und beratende Unterstützung zu gewinnen.

Nicht unerwähnt sei das Mitwirken der vorletzten, gut bewanderten Leiterin der Wörterbuchstelle, Anneliese Thudt, die an allen acht Bänden, die seit 1971 (3. Band: G) erschienen sind, beteiligt war, nämlich bis zum 8. Band als Bearbeiterin, bei dem 9. und 10. Band als Beraterin in Sachen Etymologie oder einiger besonderer Lautungen. Ebenso soll der Beitrag von Grete Klaster-Ungureanu erwähnt werden, die, wie auch im vorletzten Band, das Typoskript gegengelesen und auch einige Mundartbelege aus ihrem Heimatort Urwegen beigefügt hat.

Die Darstellungsweise der einzelnen Wortartikel erfolgt nach den gewohnten methodischen Richtlinien. Die Stichwörter werden in schriftsprachlicher Form angesetzt. Wo dies nicht möglich ist – etwa bei Entlehnungen oder Mundartwörtern, die auf keine schriftsprachliche Form zurückgeführt werden können, erfolgt der Ansatz in Dialektform, und zwar in Kursivschrift, wie z.B. Sāmə < rum. zeamă, zamă, also Brühe, Suppe: sāməlungə dünne, kraftlose Suppe; Šapoi, tšapoi, šapoi: Zwiebel < rum. cepoi, ceapă; Šantiər Baustelle < rum. şantier; šemərn ein Herpes simplex kriegen, wahrscheinlich abgeleitet von ung. czömör – Ekel abgeleitet; äp, Pl. äper Tasche in einem Kleidungsstück < ung. zseb, əlai×t si× änt äp er lügt sich in die Tasche, d.h. er meint, dass die Unkosten geringer seien, als sie es tatsächlich sind. Bei schriftsprachlich-mundartlichen Mischwörtern erscheint das Stichwort ebenfalls in gemischter Form, z.B. Schafbrinsə šōfbinbsə Schafkäse & rum. brînză = Käse; Šatertstück šatərtstäk Bestandteil der Jahrmarktbude; Šatərt ung. sátor: Zelt, Markthütte, Marktbude – das Wort hat mehrere Bedeutungen: a) Zelt als Unterkunft fürs Militär (heute nicht mehr im Gebrauch), b) Unterkunft für Wanderzigeuner, c) Markt-, Jahrmarktbude der Handwerker.

Eine Besonderheit bilden Lehnwörter, die in die siebenbürgisch-deutsche Schriftsprache bzw. Umgangssprache eingegangen sind. Als Stichwort haben sie natürlich schriftsprachlichen Ansatz, z.B. Sabbatalie: Naturalienabgabe für den Schulunterricht, die dem Lehrer oder Kantor jeden Samstag übergeben wurde (ist nicht mehr im Gebrauch). Saliter szaletər, auch tsalitər Salpeter, wurde zwischen dem 16.-18. Jahrhundert zur Herstellung von Schießpulver verwendet, es taucht in neuerer Zeit gelegentlich als Übernamen auf, z.B. Szaletər für einen Michael aus Rätsch (um 1900) oder einen Johann aus Zied (1908) u.a.

Anzumerken ist, dass die beiden letztgenannten Stichwörter zu dem Wortgut gehören, das aus dem 5. Band in alter Folge übernommen wurde. Jener Band wurde in zwei Lieferungen veröffentlicht mit den Buchstaben R-Salarist (1929–1931). Die Wortstrecke S-Salarist, ursprünglich bearbeitet von Gustav Göckler, wurde natürlich neu bearbeitet und ergänzt, wobei kulturhistorische und volkskundliche Exkurse nach dem Schullerus-Muster nicht übernommen wurden.

Schließlich sollte die Reichhaltigkeit des Wortschatzes erwähnt werden, die den vorangegangenen Bänden nicht nachsteht. Das bearbeitete Wortmaterial zeigt die Lebensart, die Gefühlswelt, das Familienleben, Brauchtum, Haus- und Feldarbeit, Handwerk u.a. der Mundartträger auf und wird so zu einem regelrechten Dokument der Sprachgemeinschaft.

Der Aufbau eines Wortartikels ist so gestaltet, dass nach dem Stichwort die mundartlichen Entsprechungen im Hermannstädter und Bistritzer Dialekt folgen. Bei Stichwörtern, von denen mehrere Lautungen bekannt sind, werden sie unter römisch I angeführt. Zu dem Stichwort sagen z.B. gibt es eine volle Seite mit Beispielen zu Formen aus -zig Ortschaften wie sōn, sąn, siun, səun, sion u.a.m. Unter römisch II folgen dann die Bedeutungen des Stichwortes. Wo vorhanden, werden zunächst Beispiele aus alter Sprache oder aus literarischen Quellen angeführt, unterteilt nach semantischen Gesichtspunkten, wonach Beispiele aus heutiger Zeit folgen. So stellt das Dialektwörterbuch den Bezug auch zur Sprachgeschichte her: „Das hymel rich es glich em verborgenen schacz ym acker“ (Mediascher Predigtbuch, um 1536); „Mein Dinner … wierd dich aller sachen [Angelegenheiten] berichten“ (1929, Hermannstadt); „En tšuha [Vogelscheuche] eos oult są×ən (Wölz); əm diŋkt əm häf də sa×ə mät dər lädərgafəl af sə gəšmäszən (unordentlich gekleidete Frau; Girelsau, um 1900); ir šatsi× motər meŋ“ (sächsiches Volkslied); hoi … fərgäszt näkəszt, dąt hoi ə szaksəš, gəbeirəš pur iäsz (Dä Ōldən) u.a.m. Der Leser erhält ein übersichtliches Bild des Wortschatzes einer alten deutschen Mundart, die auf siebenbürgischem Boden geprägt wurde.

Abschließend ein paar Worte zu dem, worauf Sigrid Haldenwang am Ende ihres Vorwortes hinweist: Dort ist zu erfahren, dass sie alleinige Bearbeiterin des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs geblieben ist; Malwine Dengel ist im Ruhestand, hat jedoch dankenswerterweise ehrenamtlich an der lexikographischen Fertigstellung des zehnten Bandes mitgearbeitet. Unter diesen Umständen drängt sich die Frage auf, wie es mit der Bearbeitung des restlichen Wörterbuchteils – der noch beträchtlich ist – weitergeht. Frau Haldenwang macht natürlich weiter, aber sie hat die 70 überschritten und wird wahrscheinlich nicht bis zur Veröffentlichung des Z-Buchstabens in der Wörterbuchstelle tätig sein können. Hoffentlich findet sich bald eine Lösung zur Zukunftssicherung des Wörterbuchprojektes.

Heinrich Mantsch

Schlagwörter: Siebenbürgisch, Wörterbuch, Mundart

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