25. August 2015

Herta Müller: "Literatur heilt gar nichts"

„Mein Vaterland war ein Apfelkern“ heißt das neue Buch von Herta Müller, das im Hanser Verlag veröffentlicht wurde. Es ist eine Sammlung von Gesprächen mit der Lektorin und Publizistin Angelika Klammer. In zehn Kapiteln erzählt die Nobelpreisträgerin über ihre Kindheit im Banat, ihr Leben in der Stadt, die Schikanen der Securitate und immer wieder auch von ihren Büchern und vom Schreiben. Die Gespräche stammen größtenteils aus den Jahren 2013 und 2014, wobei eines über die „Atemschaukel“ von 2009 hinzugefügt wurde, das bereits anderweitig veröffentlicht worden war.
In diesen Gesprächen kommt eine schlimme Kindheit zutage. Herta Müller war als Kind oft allein und musste die Kühe hüten. Daraus entstand eine Nähe zu den Pflanzen. Sie hat zwar die Banater Landschaft nicht gemocht, dafür aber die Pflanzen, die sie beobachtete. Die waren im Tal zu Hause und mit der Welt zufrieden, wobei die Landschaft ihr nur Ausweglosigkeit vermittelte. Sie war überzeugt, dass die Pflanzen am Tag bewegungslos sind und nachts hin und her laufen und sich besuchen. Schon als Kind war Herta Müller anders. Es gab schon früh das Gefühl des Fremdseins. Und der Tod bedeutete, dass die Erde einen frisst.

Das Kind entwickelt eine eigene Poetik, zum Beispiel, dass alle Atemzüge, die man tut, gezählt werden und sich wie Glaskügelchen auf einer Schnur auffädeln. Wenn die Atemkette vom Mund bis zum Friedhof reicht, dann stirbt man. Diese frühen Überlegungen lassen vermuten, wie Herta Müller zur Literatur kam. Auch liefert die Autorin persönliche Einblicke in ihre schwere Kindheit, am Esstisch wird geschwiegen. Die Mutter hat keine Zärtlichkeit, nur Prügel für sie übrig.

Das Leben in der Stadt kommt ihr daher wie eine Befreiung vor, und trotzdem war es kein einfaches. Als Übersetzerin in einer Fabrik soll sie als Spitzel für die Securitate angeworben werden; aufgrund ihrer Weigerung wird sie vom Geheimdienst schikaniert. Ausgrenzung, Verfolgung, Demütigungen und Verhöre sind die Folge. Auf dem Weg zum Verhör fällt ihr der Reim ein: „Mein Vaterland ist ein Apfelkern, man irrt umher zwischen Sichel und Stern“ (S. 49); „wenn man zum Verhör musste, war man zum Vaterland bestellt. Der Reim wusste Bescheid.“ (S. 49). Wie auch im titelgebenden Vers lässt sich Herta Müller von den Worten leiten, die eine Sache genauer beschreiben, die besser Bescheid wissen und die die Realität im Rückblick besser erfassen. In der Literatur wollte Herta Müller einen Halt finden, sie fing damit an, als ihr Vater gestorben war, und dennoch sagt sie an anderer Stelle, dass die Literatur rein gar nichts heilt. Herta Müller kann nicht so sprechen wie sie schreibt, denn für das Sprechen braucht sie eine Menge Wörter, die für das Schreiben nicht infrage kommen. Und doch mischen sich immer wieder die Sprachbilder aus ihren Werken in dieses Gespräch mit ein, sei es die Ästhetik der „äußeren und inneren Not“ (S. 79) oder der Worthunger. Und auch in diesen Interviews kommt „der Satz im Glitzern daher und sagt viel mehr als der Inhalt seiner Wörter“.

Angelika Klammer stellt kluge Fragen, die meist von den Büchern ausgehen, die als bekannt vorausgesetzt werden, und zuweilen die Grenze zwischen Realität und geschriebenem Wort verwischen. Das ist zum Teil auch so, weil einige Gestalten, die in den Büchern vorkommen, sich an reale Gestalten anlehnen, hätte aber deutlicher gemacht werden können. Und dann ist immer wieder von den „Freunden“ aus der Stadt die Rede, zuweilen von der Aktionsgruppe Banat, und vom Freundeskreis, ohne dass sie genauer genannt werden. Es tauchen zwar Rolf Bossert, Roland Kirsch und mal auch Richard Wagner auf, nicht aber die anderen. Auch hätte ruhig der Name der Interviewerin auch schon auf dem Buchumschlag angegeben werden können.

Insgesamt liefert dieses fortgesetzte Gespräch aber ein eindringliches und abgerundetes Bild der Banater Autorin, das man mit einigen Vorkenntnissen richtig genießen kann. Es leuchtet ihren biografischen Hintergrund aus und leitet über zum literarischen Werk, so dass man die Zusammenhänge besser erkennen kann. Es ist vieles dabei, was man auch schon aus anderen Büchern oder Interviews kennt, und dennoch sind auch bewegende neue Erkenntnisse, vor allem über die Kindheit und das Leben in Rumänien aus der Sicht Herta Müllers darin zu finden.

Edith Ottschofski


Herta Müller: „Mein Vaterland war ein Apfelkern.“ Ein Gespräch mit Angelika Klammer, Carl Hanser Verlag, München, 2014, 239 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-446-24663-8
Mein Vaterland war ein Apfelke
Herta Müller
Mein Vaterland war ein Apfelkern: Herausgegeben von Angelika Klammer

Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
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Schlagwörter: Buch, Herta Müller, Gespräch, Erinnerungen

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