25. Oktober 2015

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Wie das Salz in den Speisen: Offener Brief von Ursula Ackrill an die Leser ihres Debütromans

Als ich vor einigen Tagen meine letzte Lesung aus „Zeiden, im Januar“ in München gehalten habe, ergab sich keine Gelegenheit, vom Publikum so Abschied zu nehmen, wie man es tut, wenn man auf unabsehbare Zeit fortgeht. Umso mehr will ich nach zahlreichen Begegnungen mit rumäniendeutschen Lesern im Laufe dieses Jahres meinen herzlichen Dank an sie aussprechen. Lesern, die meinen Roman begeistert aufgenommen haben, will ich ausdrücklich sagen, dass mich ihr Mut, ihre Offenheit und Wärme sehr berührt haben. Ich habe Dankbarkeit erlebt und möchte nun dieses gegenseitige Verständnis am wenigsten missen. Den Kritikern will ich einen Gedanken unterbreiten, der nachträgliches Verstehen fördern mag.
Ein Vorwurf aus der rumäniendeutschen Lesergemeinschaft war meine Darstellung der Siebenbürger Sachsen im Roman: Leser sprachen mich wiederholt darauf an, Respektpersonen und Errungenschaften aus der Vergangenheit pietätlos ins Auge gefasst zu haben. Es herrscht ein gewisses Unverständnis darüber, warum sich jemand die Mühe mache, ihre eigene Geschichte abwertend darzustellen. Man machte mir sogar konkrete Vorschläge zu Sujets, die eine Aufwertung des Images der Siebenbürger Sachsen bewirkt hätten. Was heißt, die Sachsen hatten keinen Sinn für die Moderne – warum erzähle ich nicht von Hans Mattis-Teutsch? Augenblicklich stellte ich mir die konstruktivistischen Kompositionen von Mattis-Teutsch in sächsischen guten Stuben vor, konnte mich aber nicht überzeugen, dass sie hier ebenso beliebt sein könnten, wie die Entführung aus dem Serail oder die barbrüstige betende Genoveva von Brabant in rumänischen Häusern sind.

Mein Roman wertet Geschichte trotzdem auf. Romane kommen gar nicht erst zustande, wenn man zerstörerische Absichten hegt. Die Musen bleiben fern. Die Bilder kommen nicht. Dieser Roman hat ein Stück Geschichte regeneriert, das den Rumäniendeutschen der Nachkriegsgenerationen vorenthalten wurde. Geschichte ging ihnen verloren, als Sachsen 1945 den Alliierten während der Friedensverhandlungen in Potsdam eine Denkschrift in 16 Dokumenten vorlegten. Die Denkschrift hieß „Gibt es eine Schuld der Sachsen?“ Zu diesem Zeitpunkt waren mehr als 70 000 unserer Landsleute zur Zwangsarbeit in die UdSSR verschleppt worden. Punkt für Punkt streiten die Verfasser des Dokuments jede Schuld außer „politischer Schuld“ ab. Die Verzweiflung der Verfasser merkt man bestenfalls am Beispiel, das sie als Beweis für den antinazistischen Widerstand der Sachsen anführen: Ihre erfolgreich durchgeführte Verteidigung der Hermannstädter und Kronstädter allgemeinen Sparkassa gegen eine Übernahme durch die Volksgruppenführung. Als hätte sich diese Bank gegen eine anderweitige feindliche Übernahme sonst bereitwillig gezeigt.

Die Denkschrift von 1945 hat aus verständlichen Gründen das Profitieren der deutschen Volksgruppe in Rumänien von der verbrecherischen Rassenpolitik der Nazis verschwiegen. Verständlicherweise redete man in Siebenbürgen die Geschichte schön und betonte, wenn man darauf angesprochen wurde, die Distanz der Sachsen zum Faschismus. An der Schönfärberei ihrer Geschichte hielten die Rumäniendeutschen auch fest, als in den sowjetischen Zwangsarbeitslagern allein ihr Deutschsein sie mit Nazis identisch machte. Nemetsky fascisti, sagten die Sowjets zu ihnen. Diese Deutung der Geschichte entstand auf Anlass der kollektiven Schuldigsprechung der Rumäniendeutschen: Auf die Beschuldigung wurde mit einer kollektiven Unschuldsbeteuerung erwidert. Und in beiden Versionen kam den Sachsen ihre Geschichte abhanden. Es geht mir im Roman „Zeiden, im Januar“ um die Generationen, deren Erfahrung mit dem Faschismus nicht besprochen werden durfte, die Verirrten, die in Irre Geführten, wie Herfurth und Maria. Ich wollte nicht, dass wir es uns heute leicht machen und sie pauschal als Nazis verdammen oder als „nur“ politisch Schuldige freisprechen. Jeder Nazi unter ihnen verschrieb sich seiner Gesinnung mehr oder weniger, aber nicht alle auf die gleiche Art. Es ist leichtfertig, alle als Monster zu verdammen, deren Attraktivität heute niemand mehr nachvollziehen kann und auf die auch niemand reinfallen würde. Ich wollte ihnen kluge, gute Ideen geben, die leicht überzeugen, nicht eine sofortig verwerfliche Position andichten, die keinen von uns heute zu täuschen vermocht hätte. Kein Schattenboxen, wie ich das schon in einem Interview gesagt habe. Es ist mir geglückt, Personen darzustellen, deren Existenz verschwiegen oder von Belastendem bereinigt überliefert worden ist. Erst durch eine differenzierte Darstellung, in der Menschen auf unterschiedliche Weise agieren, konnte ich das fehlende Stück Geschichte – die 30er und 40er Jahre in Siebenbürgen – zurückgewinnen. Das ist eine Aufwertung im Vergleich zu kollektiver Verurteilung bzw. Reinwaschung, deren Einfluss seit der Krise von 1945 bis heute andauert.

Warum dieser Einfluss trotz der Mühen der Aktionsgruppe Banat andauert, warum es zu wenig Literatur gibt, die diese Zeit auf verantwortliche Weise behandelt und mit anachronistischen Interpretationen aufräumt, ist schwer zu sagen. Ich bin überzeugt, dass mein Roman, der sich vorsätzlich mit modernistischen Erzählweisen unterhält, besser angekommen wäre, wenn die Mitte des Marktes mit einem Dutzend Romane über Sachsen in der Nazizeit versorgt gewesen wäre. Diese Unterversorgung einer 1974 geborenen Autorin in Rechnung zu stellen, ist allerdings daneben.

Noch ein Wort zur Aufwertung der Geschichte der Siebenbürger Sachsen: In einem der Märchen Europas fragt ein König seine drei Töchter, wie lieb sie ihn haben. Die klügste Antwort gibt die Jüngste, wenn sie sagt, sie liebe den König wie das Salz. Aber der König und sein Hof stehen dieser Antwort anfangs misstrauisch und verständnislos gegenüber. Wie sehr liebe ich Siebenbürgen? Sie haben es erraten.

Schlagwörter: Ackrill, Offener Brief, Roman

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