8. Januar 2018

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Das "Katzendorfer Tagebuch" des Dorfschreibers Jürgen Israel

2013 wurde dem aus der Oberlausitz stammenden Autor und Publizisten Jürgen Israel (geboren 1944) der Preis des „Dorfschreibers von Katzendorf“ zuerkannt. Er beinhaltet einen einjährigen kostenlosen Aufenthalt im Turmzimmer der Kirchenburg von Katzendorf (Caţa), zwischen Kronstadt und Schäßburg gelegen. Der/die jeweilige AutorIn soll darüber in der beschaulichen Atmosphäre des Dorfes einen Bericht verfassen und ihn in Buchform veröffentlichen. So entstand das 2016 erschienene „Katzendorfer Tagebuch“ von Jürgen Israel.
Zu Beginn seines Tagebuchs schildert Jürgen Israel die Preisverleihung im Mai 2013 anlässlich des dreitägigen Kulturfestes in Katzendorf, das unter der Leitung des Schriftstellers und Regisseurs Frieder Schuller seit 1992 im Pfarrhof organisiert wird. Zunächst gibt der Verfasser seinen Gesamteindruck vom Dorf und seinen Bewohnern wieder: „Von den 1250 Einwohnern sind 800 Zigeuner, der Rest Rumänen und Ungarn.“ Siebenbürger Sachsen stellten zwar seit 1850 nie die Mehrheit der Bewohner, doch nach ihrer Massenauswanderung seit 1990 gibt es nach Israels Aussage nur noch eine Sächsin mit ihrem behinderten Sohn im Dorf. Auch die Sachsen, die jährlich vorwiegend im Sommer zu ihren zurückerstatteten oder zurückgekauften Höfen kommen, werden allmählich älter und kränker.

Sehr ausführlich beschäftigt sich Israel mit der großen Gruppe der „Zigeuner“. Zunächst treibt ihn die Frage nach der „korrekten“ Bezeichnung dieser Volksgruppe um, da der Begriff in Deutschland verpönt ist und mit „Roma“ bzw. „Sinti“ ersetzt wurde. In Rumänien aber bestehen sie (außer ihrem König Cioaba) auf dem Begriff „Zigeuner“. Wiederholt widmet sich Israel ihrer Lebensweise. Eine nähere Beziehung entsteht zu dem Zigeuner Gheorghe, einem der Hirten, den der Erzähler immer wieder tagelang auf die Weide begleitet, wo er ihm bei seiner Arbeit behilflich ist. Dabei unterhält er sich mit ihm, da Israel sich anscheinend schnell den Grundwortschatz des Rumänischen angeeignet hat. Er begleitet Gheorghe auch auf den Viehmarkt, zu Begegnungen mit dessen Freunden und zu Dorffesten. Die soziale Lage der Zigeuner wird detailliert geschildert, aber auch die oft penetrante Bettelei vieler Zigeuner, die den Deutschen für einen reichen Mann halten. Die Bräuche bei Begräbnissen und die Friedhofskultur aller Volksgruppen interessieren den Autor sehr; er besucht zahlreiche Dorffriedhöfe und den Bergfriedhof von Schäßburg, studiert und deutet die Inschriften der Grabsteine.

Die Form des Tagebuchs ermöglicht ihm, täglich neue Erfahrungen festzuhalten: die schöne Umgebung, die Menschen, deren Freuden und Nöte, aber auch deren Konflikte. Es sind Erkenntnisse eines Außenstehenden, der mit Neugier und Genauigkeit Alltagsereignisse notiert und zu deuten versucht. Seine Teilhabe am Leben der Bewohner lässt ihn allmählich vom Fremden zum akzeptierten Mitbewohner werden, der hilfsbereit ist, wenn dies gewünscht wird (z. B. beim Schweineschlachten). Zu Festen wird er eingeladen und feiert mit. Manches beobachtet er distanziert, mitunter ist er persönlich betroffen.

In einem Epilog zieht Jürgen Israel das Fazit seines einjährigen Aufenthalts: Mit einer gewissen Wehmut nimmt er Abschied (ohne sich von jedem zu verabschieden), aber er hat eine „Leichtigkeit“ gewonnen: „Sie ist nach meiner Rückkehr in Deutschland nicht von mir abgefallen; sie hat meinen Alltag durchlässiger, luftiger gemacht.“

Seine Aufzeichnungen werden mit einem Vorwort des Präsidenten des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V., Dr. Bernd Fabritius, eingeleitet, der sie in einen größeren historischen Rahmen stellt. Unter dem Titel „Anstatt eines Nachworts: Der Dorfschreiberpreis von Katzendorf“ beschließt Frieder Schuller den Band, indem er seine persönliche Motivation zur Begründung des Preises darlegt. Ein rundum gelungenes Buch, das Einblicke in die derzeitige Welt der ehemals sächsisch geprägten Dörfer Siebenbürgens gewährt.

Der zum ersten Dorfschreiber (2011) gekürte Westfale Elmar Schenkel hat seine Erfahrungen übrigens ebenfalls 2016 unter dem Titel „Mein Jahr hinter den Wäldern: Aufzeichnungen eines Dorfschreibers aus Siebenbürgen“ veröffentlicht. Zur derzeitigen Dorfschreiberin wurde Dagmar Dusil gewählt (Siebenbürgische Zeitung Online vom 19. Oktober 2017).

Konrad Wellmann

Jürgen Israel: „Katzendorfer Tagebuch“. Pop-Verlag, Ludwigsburg, 2016, 189 Seiten, ISBN 978-3-86356-132-1.

Schlagwörter: Rezension, Dorfschreiber, Katzendorf, Tagebuch

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