23. Januar 2019

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"Heiterer Menschenfreund": Medizinschriftsteller Josef Löbel wiederentdeckt

Kennern der schönen Literatur wird der Name Dr. Skowronnek etwas sagen. So heißt eine fiktive Figur in dem 1932 erschienenen Roman „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth (1894-1939). Als Vorbild für die Romanfigur hatte Roth der heute zu Unrecht vergessene Arzt und Medizinschriftsteller Dr. Josef Löbel gedient, mit dem er befreundet war. Der Berliner Medizinhistoriker Professor Peter Voswinckel hat nun ein Buch vorgelegt, in dem der reale Dr. Löbel in Wort und Bild ausführlich gewürdigt wird und seine besonderen schriftstellerischen Leistungen für die Medizin hervorgehoben werden.
In eindrucksvoller Weise ist es Voswinckel gelungen, dafür in der ganzen Welt verstreute Quellen zu erschließen. Der Autor zeichnet das Bild einer liebenswerten Persönlichkeit, eines „heiteren Menschenfreundes“, wie Thomas Mann Löbel einst genannt hat. Das Anliegen des Buches, Löbel der Vergessenheit zu entreißen, sollte mit diesem Buch erreicht worden sein. Josef Löbel stammte aus Kronstadt. Dort wurde er am 22. April 1882 als Sohn des Kaufmanns Michael Löbel und seiner Frau Adele geb. Thal geboren. Die Familie wohnte in der Purzengasse 67 mitten in der Altstadt. Der junge Josef besuchte bis zur Matura 1899 das Honterus-Gymnasium. Danach studierte er in Wien Medizin und promovierte 1905 zum Dr. med. Im April 1909 heiratete er Leontine Glücklich aus Wien, mit der er zwei Söhne hatte. Letzte Ruhestätte des Vaters in Kronstadt: Das ...Letzte Ruhestätte des Vaters in Kronstadt: Das Grab von Michael Löbel ist das erste von rechts der Grabreihe. Foto: Thomas Şindilariu Viele Jahre, von 1910 bis 1938, ­arbeitete Löbel als beliebter und gefragter Kur- bzw. Frauenarzt im westböhmischen Franzensbad. Allerdings verbrachte er dort nur die Sommerhalbjahre. In den Winterhalbjahren übersiedelte die Familie nach Berlin. Hier verkehrte Löbel in den literarischen Cafés des Berliner Westens, betätigte sich zunehmend als Schriftsteller und Feuilletonist und wurde zum Freund vieler Künstler. Wegen seiner humorvollen medizinischen Aufklärungsschriften wurde er rasch bekannt, galt doch seine Art zu schreiben als einmalig. Zwischen 1926 und 1933 erreichte er mit Zeitungsartikeln, Buchbeiträgen und eigenen Büchern den Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens. Er war erster Autor des „Knaurs Gesundheitslexikon“ (1930), das bis heute viele Auflagen erlebte, und verfasste populärmedizinische Bücher wie „Haben sie keine Angst! Vierzig Kapitel optimistischer Medizin“, „Medizin oder dem Manne kann geholfen werden“, „Von der Ehe bis zur Liebe“ oder „Robert Koch – Geschichte eines Glücklichen.“ Mehrere dieser Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Seine „Kurze Geschichte der Weltmedizin“ konnte allerdings nur posthum und nur in spanischer Sprache erscheinen. Besonders zu danken ist Löbel, dass er die damals noch junge Erforschung der Krebskrankheiten in allgemeinverständlichen Artikeln einem breiten Publikum nahe gebracht hat.

Da Löbel jüdischer Herkunft war, wurde das Leben für ihn schwierig, nachdem in Deutschland die Nazis die Macht übernommen hatten. Seine Bücher waren fortan ebenso unerwünscht wie ihr Autor. Anstelle von Berlin verbrachte er nun die Winterhalbjahre in Wien. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich und in das Sudetenland flüchtete das Ehepaar Löbel 1938 nach Prag. Seit 1939 herrschten aber auch dort die Deutschen. In den folgenden Jahren scheiterten alle Bemühungen, eine Emigration nach Frankreich oder England zu erreichen. Im Februar 1942 wurde Löbels Frau Leontine erst nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert. Er selbst nahm sich am 20. Mai 1942 in Prag das Leben.

Anhand von authentischen Dokumenten ist der Autor Voswinckel mit seinem Team diesem erschütternden Schicksal nachgegangen. Das Buch, das am 28. September 2018 in Wien präsentiert wurde, ist als späte Wiederentdeckung Löbels anzusehen, dem damit ein würdiges Denkmal gesetzt wurde.

Prof. Dr. Volker Wunderlich




Peter Voswinckel (unter Mitwirkung von Gisela Wulff, Susan Drees und Ulrike Zischka): „Dr. Josef Löbel (1882-1942), Franzensbad/Berlin. Botschafter eines heiteren deutschen Medizin-Feuilletons in Wien – Berlin – Prag“, herausgegeben vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V., Berlin 2018, XXII, 178 Seiten, zahlreiche Abbildungen, broschiert; Preis: 15,00 Euro; ISBN 978-3-9818079-4-3. Das Buch ist kostenfrei über die Website der Fachgesellschaft zu beziehen unter: https://www.dgho.de/publikationen/buecher-zur-dgho-geschichte/dr-josef-loebel.

Schlagwörter: Buch, Präsentation, Medizin, Kronstadt, Löbel

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