6. Dezember 2019

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Lebenserinnerungen des Taschnermeisters Arthur Karl Wollmann

Erster Weltkrieg, Juli 1916. Die Russen sind bereits in die Bukowina eingefallen. Die Front rückt unaufhaltsam näher. „In dieser Woche wurde von der evangelischen Kirche die mittlere Glocke und von der katholischen Kirche die kleine Glocke für die Kriegsführung abmontiert“, erinnert sich Arthur Wollmann, damals acht Jahre alt. Die Glocke ersterer musste oben am Turm zerteilt werden. Ein letztes Mal wurde mit ihr noch geläutet. Halb Bistritz hatte sich versammelt, um dem Spektakel beizuwohnen.
Als erstaunlich scharfer Beobachter und mit viel Liebe zum Detail schildert Arthur Karl Wollmann (1908-2001) seine Lebenserinnerungen an Bistritz und Mühlbach, beginnend mit der frühen Kindheit bis in die 1950er Jahre. Niedergeschrieben hat er sie 1990 mit 82 Jahren, im Wettlauf mit der Zeit. „Seine Schreibart ist gewöhnungsbedürftig, wenig abwechslungsreich und kennt keine Ausschmückungen“, bekennt der Herausgeber im Vorwort des Buches „Erinnerungen des Taschnermeisters Arthur Karl Wollmann an Bistritz und Mühlbach“, Volker Wollmann. Letzterer ist von zahlreichen Publikationen über das industrielle Kulturerbe Rumäniens bekannt. Doch diesmal geht es um ein ganz anderes Thema – die Lebensgeschichte seines Vaters.

Am Anfang muss sich der Leser tapfer durch ca. 50 Seiten Beschreibung des Familienstammbaums kämpfen, in diesem Ausmaß nicht erforderlich für das Verständnis des Handlungsfadens. Interessant ist der Abschnitt dennoch unter dem Aspekt diverser historischer Details.z ... Doch dann eröffnet sich ein bereichernder Blick auf die Vergangenheit – eine Fundgrube für Historiker, Soziologen oder Romanschreiber, die sich mit Siebenbürgen auseinandersetzen. Man liest über den Alltag im Bistritz der Kindheit des Autors: die guten Gottfried- und Jägerbirnen in den sächsischen Gärten; das Knöpfespiel der Schüler heimlich unter der Bank, die kleine Druckmaschine mit beweglichen Gummilettern, die Arthur vom Erlös des Kastanienverkaufs im Papiergeschäft erwarb und mit dem sich die Buben stolz Visitenkarten druckten. Über den Burzenländer Zeichenlehrer Heinrich Schunn, später ein bekannter Maler, der die Schüler mit Block und Stift in die Natur oder auf den Marktplatz schickte; die Wanderungen mit Professor Zins, verantwortlich für die Gründung des Nösner Museums, die durch Freiwilligenarbeit der Schüler gelang. Durch welche Gassen man ging, wer wo wohnte, wie zuhause gegessen und geschlafen wurde. Über Verwandte, Lehrer und Schulkameraden mit Daten, Namen und Spitznamen.

Erstaunlich reich sind die Beobachtungen aus der frühen Kindheit in der Riemerwerkstatt des Großvaters und Vaters, später aus der Schul- und Lehrzeit oder als Geselle auf der Walz. Ausführlich beschreibt Wollmann die Etappen seiner Lehre im heimischen Betrieb: In der roten Werkstatt wurden Geschirre für Vieh und Gürtel für die Waldarbeiter der Bukowina und Maramuresch gefertigt; in der schwarzen feine Pferdegeschirre, in der weißen wurde weißes Alaunleder „geritschkelt“ – eine mehrstündige mechanische Prozedur zum Weichmachen – und rot gefärbt. Am liebsten aber war ihm die Galanterie-Werkstatt, wo Aktentaschen gefertigt wurden. Viel vermittelt Wollmann auch über den kulturellen Reichtum, der seine Jugend in Siebenbürgen prägte: Wandern, Gesang, Musik und Theaterspiel waren fester Bestandteil organisierter Schüler- und Lehrlingsgruppen.

Der Leser wird hin- und hergerissen vom Schicksal des Autors und den bekannten historischen Ereignissen: 1916 der tragische Tod der Mutter, Blutvergiftung verursacht durch Insektenstich. Wie selbstverständlich folgte eine zweite Heirat: Es war klar, dass der Vater nicht alleine bleiben konnte, die Belastung für die Großeltern wäre zu groß. Die Kinder, verteilt auf diese und andere Verwandte, sollten wieder in einer intakten Familie leben. Zwischen den Zeilen erspürt man die pragmatische Einstellung einer von Unsicherheiten geprägten Gesellschaft. Auch an den Zerfall der k.u.k. Monarchie und den „Anschluss von Siebenbürgen an das Altreich ,Regat‘“ kann sich Arthur gut erinnern: Die ersten rumänischen Soldaten zogen am 4. Dezember bei Regen durch schlammige Bistritzer Straßen, „sie sahen ziemlich verlottert aus, noch in Opintsch und ausgehungert“.

Die Entstehung der völkischen Erneuerungsbewegung, 1932 von Dr. Fritz Fabritius initiiert, beschreibt der Autor aus der unschuldigen Sicht jugendlichen Erlebens. 1934 begeisterte sie die Turn- und Jugendverbände in ganz Siebenbürgen für Freiwilligenarbeit in Sommerlagern. Der Arbeitsdienst, den die jungen Leute verrichteten, war „für die einzelnen Gemeinden irgendein Gewinn, doch das eigentliche Ziel war das geschlossene Beisammensein der Jugend“. „Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Landesteilen und Gruppen: Akademiker, Lehrer, Handwerker, Kaufleute – Arm und Reich: Hier waren alle gleich.“

1935 fährt er mit der sogenannten Spielschar zu einem Treffen in die Tschechoslowakei. Im Vordergrund stand das nun auf alle deutschen Volksgruppen erweiterte Gemeinschaftsgefühl.

Mit der Spielschar ergibt sich für Arthur die Chance, auf Einladung des Volksbunds für das Deutschtum im Ausland zwei Monate durch Deutschland zur reisen. Besonders aufregend gestaltet sich ein Besuch in der Reichskanzlei mit Empfang bei Hitler. Nachvollziehbar beschreibt er die Faszination, die die jungen Leute dort erfasste. Der Führer hatte sie beeindruckt durch die Ernsthaftigkeit, mit der er die Jugendlichen wahrgenommen hatte.

In weiteren Etappen schildert Wollmann seine Heirat mit Elsa Wellmann, die Geburt der Kinder Nortrud und Volker. Das junge Glück überlagert bald der Krieg. Antonescu unterzeichnete mit Hitler den Freundschaftspakt. Deutsche Soldaten kamen als Lehrtruppen ins Land. In Mühlbach wurden deutsche Flieger bei Privatleuten einquartiert, auch bei den Wollmanns.

Es folgte die Waffenumkehr Rumäniens. Dann die Deportation der Deutschen in die Arbeitslager der UdSSR 1945, der das junge Paar, zunächst ausgehoben, im letzten Moment entrann. Im Anhang die Briefe von Elsa und Arthur aus dem Sammellager an die Eltern, auf kleinen Zettelchen herausgeschmuggelt. Kein Roman könnte bewegender sein. In gewissem Sinne gibt es sogar ein Happy End. Der „Nachtrag“ verrät: „Arthur Wollmann starb im Alter von 93 Jahren im Wohlbehagen, dass die Familienzusammenführung noch vor der Wende stattfinden konnte und dass es seinen Kindern gelungen war, in der neuen Heimat Fuß zu fassen.“

Nina May


Arthur Karl Wollmann: Erinnerungen des Taschnermeisters Arthur Karl Wollmann (1908-2001) an Bistritz und Mühlbach (Aus seiner Kindheit bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts), hrsg. v. Volker Wollmann, Honterus Verlag Hermannstadt 2019, 231 Seiten, ISBN 978-606-008-029-9. Das Buch kann bei Volker Wollmann, Telefon (06261) 64174, oder E-Mail: sv.wollmann[ät]t-online. de, zum Preis von 19,20 Euro inkl. Versand bestellt werden.

Schlagwörter: Buch, Geschichte, Familienchronik, Bistritz, Mühlbach, Erster Weltkrieg

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