14. Februar 2020

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„Nachdenken über Heimat“ : Podiumsdiskussion mit Ehrenvorsitzender Herta Daniel

Am 5. Februar fand auf Einladung des Interkulturellen Stammtisches „Mitanand“ aus Putzbrunn, Ottobrunn und Neubiberg und der Volkshochschule Südost eine Podiumsdiskussion zum Thema „Nachdenken über Heimat“ statt, in der die Teilnehmer unter der professionellen und sehr lebendigen Moderation von BR-Radio-Journalist Stefan Kreutzer ihre Gedanken zu diesem Thema erläuterten und Fragen aus dem voll besetzten Saal im Bürgerhaus in Putzbrunn bei München beantworteten. Unseren Verband vertrat die Ehrenvorsitzende Herta Daniel.
Der Begriff „Heimat“ sei komplexer Natur der territorial, temporär, emotional und humoristisch betrachtet werden könne, sagte Stefan Kreutzer einleitend. Referent Dr. Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwigs-Maximilians-Universität München, ging dem Begriff Heimat nach, versuchte verschiedene Antworten zu geben und stellte in seinem Impulsreferat die Frage: „Ist Heimat der Geburtsort, eine Landschaft, die Sprache, eine Farbe oder gar Erinnerungen?“ Für Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, Dr. Norbert Göttler, steht Heimat im Spannungsfeld zwischen „Multikulti und Leitkultur“, zwei Begriffe, die politisch verbrannt seien. Es gebe mehrere Heimaten und nicht nur eine.

Eine etwas andere Meinung vertrat Herta Daniel, die auch Jahrzehnte nach der Aussiedelung ihre Heimat in Siebenbürgen sieht, das aber nur in der Erinnerung existiere, da heute dort wesentliche Elemente der immateriellen Ebene der Heimat fehlen würden. Bei Heimat unterscheidet sie eine materielle/räumliche Ebene (Region, Landschaft, Ort und nähere Umgebung) und eine immaterielle Ebene als geistige Heimat mit z. B. Muttersprache, Dialekt, Kultur, Glauben, Traditionen, Wertvorstellungen, soziale Bindungen zu anderen. Diese geistige Heimat trage man in wesentlichen Teilen in sich, die könne einem niemand nehmen. Sie wies darauf hin, dass man bei der Übersetzung des Begriffes Heimat in andere Sprachen feststellen würde, dass wesentliche Elemente von der umfassenden Bedeutung verloren gingen. Homeland oder native land (englisch), mon pays oder pays natal (französich), patria (spanisch, italienisch, portugiesisch) haben eine etwas andere Bedeutungen als Heimat. Dem Begriff Heimat kämen das Tschechische domov, das den Wortstamm von Haus oder Häuschen enthält, und das Ungarische szülöföld, was „Elternerde“ heißt, sehr nahe. Bestritten die Podiumsdiskussion zum Thema ...Bestritten die Podiumsdiskussion zum Thema „Nachdenken über Heimat“, von links: Özlem Sarikaya, Herta Daniel, Lourdes M. Ros de Andres, Dr. Norbert Göttler, Stefan Kreutzer, Edwin Klostermeier, Dr. Florian Kührer-Wielach. Foto: Sabina Mnet Der Bürgermeister von Putzbrunn Edwin Klostermeier (SPD) bekannte sich klar zu seiner Heimat Bayern, auch wenn die „Mia-san-mia-Mentalität“ zeitweise durchaus überzogen sei. Putzbrunn sei prädestiniert dazu, ein solches Gespräch über Heimat zu führen, leben doch in dieser 6000-Einwohner-Gemeinde Angehörige von rund 60 verschiedenen Nationalitäten.

Die Frage des Referenten Dr. Kühler-Wielach „Was nehme ich mit auf eine einsame Insel, um dort ein Heimatgefühl zu haben?“ wurde von Moderator Kreutzer aufgegriffen und den Teilnehmern gestellt. Die Antworten der Teilnehmer konnten unterschiedlicher nicht sein; von der Ehefrau oder Smartphone bis hin zu vielen Büchern oder der Tracht, was die Diversität des Heimatempfindens der Menschen gut wiederspiegelte.

Die BR-Fernsehjournalistin Özlem Sarikaya, die das interkulturelle Kulturmagazin „Puzzle: Viele Kulturen – ein Land“ moderiert, verbindet mit Heimat ein Gefühl des Wohlfühlens, das sich ständig ändern könne. Heimat sei dort, wo man sich wohlfühlen könne, weil man nicht ständig von Menschen hinterfragt werde.

Problematisch sieht es die Spanierin Lourdes M. Ros de Andres vom Vorstand der Münchner Initiativgruppe Interkulturelle Begegnung und Bildung wenn andere über die eigene Heimat urteilen und sie auf wenige Begriffe beschränken und man auf Flamenco oder Paella reduziert werde. Das mache nicht ihr Herkunftsland Spanien aus.

Der Moderator griff auch die von Referent Dr. Kührer-Wielach ins Gespräch gebrachten Heimattage der Landsmannschaften auf und stellte Herta Daniel die Frage, ob der Name nicht suggeriere, dass man diese Tage in der Heimat, im Herkunftsgebiet begehen müsse? Stoße man nicht auf Unverständnis, Heimattage hier in Deutschland, fern der eigenen Heimat, zu begehen? Sie ging in ihrer Antwort auf den Ursprung der Heimattage ein und erläuterte, dass die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gestrandeten deutschen Flüchtlinge und Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren wollten, es aber nicht durften. Und deshalb wollte man sich für einige wenige Augenblicke im Jahr wie in der Heimat fühlen und in der althergebrachten Tracht die eigenen Bräuche und die Kultur weiterführen, Freunde und Verwandte treffen. So gesehen hätten die Heimattage ihre Daseinsberechtigung, das gelte auch heute noch, was man am wachsenden Zustrom der Siebenbürger Sachsen zu diesen Zusammenkünften klar erkennen könne. Allerdings gebe es inzwischen nach der Wende solche Treffen auch in Siebenbürgen, wie das Große Sachsentreffen 2017.

Man war sich abschließend einig: DIE eine Definition für Heimat gibt es nicht, jeder müsse das Recht haben, Heimat für sich selber zu definieren.

Schlagwörter: Podiumsdiskussion, Heimat, Putzbrunn, Herta Daniel, Ehrenvorsitzende, Kührer-Wielach

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