30. August 2020

„Klimadelirium“: Fünf Erzählungen von Anton Sterbling

Die Juchtenkäferrepublik, in der das Unwort „Freiheit“ und das Wort „Banat“ nicht benutzt werden dürfen, wo die Soziologie „Castroismus“ heißt und Horka die Hauptstadt ist, hat ein „Parkwächter- und Baumkulturerhaltungsministerium“. Die Juchtenkäferzüchter, die Baumdoktoren und die sogenannten „Intellektuellen“ sind die einzigen Berufe; die Juchten-Partei erzielt die Mehrheit der Stimmen und die Deutschen fliehen nach Grönland und Feuerland, wo sie die Republik mit schmutzigen Industrien versorgen. Es gibt Groß-Kuba und Groß-Korea. Der in Stuttgart entdeckte Käfer ist der „überzeugendste religions- und konfessionsübergreifende Symbolträger einer neuen Zeit“ – Gegebenheiten in der Erzählung „Die serbische Katze, die nie nach Horka kam“.
Schließlich taucht in dieser Republik der greise Anton Sterbling selbst auf: Während seiner Deportation mit der Transsibirischen Eisenbahn in das Straflager des befreundeten Groß-Koreas auf eine kleine japanische Insel trifft er dort seine Freunde der „Aktionsgruppe Banat“. Auf der Insel treffen sie Bulgakow und Ludwig Tieck, dort hat „Goethe hin und wieder mit Herta Müller und mit Franz Kafka ein Gespräch unter sechs Augen“ geführt und Johann Lippet spricht mit Gabriel Garcia Márquez über „Hundert Jahre Einsamkeit“, während Horst Samson sich „auf Balladen des Schmerzes und des Heimwehs eingespielt hat“. Der Diktator Ceauşescu fährt mit den Dichtern in einem gemeinsamen Zug durchs Land und verwechselt Paul Schuster mit Oskar Pastior. Diese Utopien à la George Orwell stecken in den Geschichten zwischen den Geschichten des „Klimadeliriums“. Während man begeistert und neugierig folgt, taucht immer wieder die tausendjährige Geschichte des wandelnden serbischen Katers auf. Man staunt nicht schlecht, in einem lebhaften Erzählton und langen geschichtlichen Beschreibungen von einem Mischwesen, einer Katze, die sich in einen Mönch verwandelt, zu lesen. 150 Jahre hat sie in einem versunkenen Schiff überlebt. Geboren wurde das Mischwesen im Timok-Tal vor etwa tausend Jahren als Pavel.

Anton Sterbling, Soziologe, Autor mehrerer Bücher und einst selbst Mitglied der Aktionsgruppe Banat, schildert Geschehnisse aus der tausendjährigen Geschichte eines Landstrichs, der politisch hin- und her geschüttelt war: Osmanisches Reich, k.u.k Doppelmonarchie des Habsburgerreiches, Königreich, Besatzung, Sozialismus. Deportationen, Enteignungen, Zerfall und Ausreise spinnen sich nie chronologisch, sondern ineinander verknäuelt weiter, ein Erzählstrang gebiert den nächsten und die Personen tauchen in den Geschichten immer wieder neu auf. Sterbling verzichtet auf logische Kausalzusammenhänge, das Leben ist wirr, und seine Geschichten sind es ebenso. Mal sind es Familiengeschichten, mal Dorfgeschichten oder Road-Movies. Es geht um eine serbische Katze, die sich in einen Mönch verwandelt, einen Amerikarückkehrer und die wechselvolle Geschichte ihrer Roma-Mieter im Banatschwäbischen, die Erinnerungen eines Sozialwissenschaftlers, die Reise eines Aussteigers oder die Herkunft der Paprikapulvermühle, den Holz- und Kohlenhandel in einer kleinen Industriestadt im Kommunismus sowie das Spannungsfeld der Literatur und der Aktionsgruppe im Banat und ihrer Anhänger – eine Generation von Schriftstellern, die Autoren wie Franz Kafka, Alexander von Bulgakow, Nikolaus Lenau, Ludwig Tieck, Paul Celan, Ödön von Horváth, Grimmelshausen, Goethe oder Gabriel Garcia Márquez las und bewunderte. Manche waren im Kommunismus verboten, andere sind vielmehr Literaten eines verschwundenen Reiches – und auch aus diesem Gefühl heraus fühlt der Autor sich ihnen nahe und verwandt. Die unerhörten Geschichten, dystopisch, realistisch und vielseitig unterhaltsam, ob Krimi wie die Erzählung „Das Beil“ oder geheimnisumwittert wie die Erzählung über die Geheimdienstaktionen eines Sozialwissenschaftlers, entfalten ein düsteres, aber auch ein trauriges und lustiges, ein vielfarbiges Tableau einer untergegangenen Welt, die mit Erinnerungen und Katastrophen zum Bersten gefüllt ist oder einer traurigen Zukunftsvision. Professor Bartholomäus Jeanpaul, Fachmann der „utopischen und apokalyptischen Literatur der frühen Neuzeit“, stellt sich in der letzten Erzählung „Klimadelirium“, die dem Band den Namen verlieh, die Frage, „was Klima eigentlich ist, ob man ,Klima‘ eher als einen holistischen oder eher als einen systemtheoretisch zu fassenden Begriff verstehen sollte“. Er verlässt seine bürgerliche Existenz und geht auf Sinnsuche in den Osten Europas. Dieses Road-Movie durch die Landschaften Ungarns, Rumäniens und Serbiens ist eine der schönsten Passagen des Buches.

Vielschichtig im Aufbau, sind die Geschichten in ein gedankliches Korsett gebunden, das sich schließt, so dass die Erzählungen zwar einzeln gelesen werden können, aber in ihrer Gesamtheit miteinander verbunden sind. Neben zahlreichen literarischen Anspielungen thematisiert Sterbling die Geschichte der Timok-Vlachen, der Aromunen oder der Banater. Das Schicksal der kleinen balkanromanischen Bevölkerungsgruppe, die in den ostserbischen Bergen Donau, Morava und Timok leben, der Walachen, einer rumänischen Minderheit Serbiens, ist weitgehend unbekannt. Auch das ursprüngliche Banat, jener kleine Landstrich im Dreiländereck Serbien, Ungarn, Rumänien, ist ausgelöscht, „untergegangen, von Gott und vom Teufel verlassen …“ – so Sterbling. War es nicht 2009 Herta Müller mit dem Nobelpreis, durch deren Erzählungen man auf diesen Landstrich plötzlich aufmerksam wurde?

Der Untertitel des „Klimadeliriums“ lautet „furchtbare Erzählungen“. Sterbling hat sie seinen Freunden aus der Banater Aktionsgruppe um Herta Müller gewidmet und sie sind in ihrer Fantasie und ihrer gedanklichen Originalität einzigartig, obwohl sie einen hohen Anspruch an die Aufmerksamkeit des Lesers stellen. Im Vorwort schreibt er: „Insgesamt fünf Erzählungen, die über einige Motive und einzelne Gestalten locker miteinander verstrickt sind, die alle irgendwie mit dem Balkan und dem Timok-Tal und vor allem mit denkwürdigen Fragen des menschlichen Lebens zu tun haben. Erzählungen, die vielfach historisch eingebunden erscheinen und doch zugleich die Horizonte dieser Bindungen und Beschränkungen mühelos überschreiten“. Dabei kann sich der Leser an dem „mühelos überschreiten“ festhalten, denn die Geschichten überschreiten „mühelos“ nicht nur geschichtliche und zeitliche Grenzen, sondern auch fantastische Horizonte. Sie stellen in ihrem Fiktionalisieren eine Zauberformel auf: Fantastisch, dystopisch oder irreal, sie sind gedanklich originell und stilistisch brillant. Die Überlegungen des französischen Philosophen Derrida zur Katze, die den nackten Philosophen beobachtet, könnten als Vergleich herangezogen werden, bei dem es um die fundamentale Frage geht, was der Mensch, aber auch, was das Tier ist. Die Antwort findet man nicht bei Sterbling, aber die Anregungen.

Katharina Kilzer

Anton Sterbling: „Klimadelirium und andere furchtbare Erzählungen“. Pop Verlag, Ludwigsburg, 2020, 244 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-86356-303-5.

Schlagwörter: Buch, Sterbling, Banater, Prosa, Erzählungen, Vorstellung

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