29. September 2020

Iris Wolffs neuer Roman „Die Unschärfe der Welt“

Es ist ein schmales Buch von 200 Seiten, der vierte Roman von Iris Wolff, doch es zählt schon kurz nach seinem Erscheinen zu den besten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und wurde als solches für den Deutschen und den Bayerischen Buchpreis sowie den Wilhelm-Raabe-Preis nominiert.
Im Roman, ein sprachliches Kunstwerk, in dem die Autorin erneut an Orte der Herkunft in ihrem Leben, dieses Mal auch das Banat, zurückkehrt, werden universelle Themen des Menschseins wie Liebe und Sehnsucht, Glück, Trauer, Einsamkeit und Freundschaft, Angst und Verlust, bergende Heimat und Fremde, Existenz im privaten wie politischen Lebenskontext in erstaunlich umfassender Dichte erzählend und reflektierend verflochten. Iris Wolffs unverwechselbar poetische Sprache führt die komplexe Thematik mit atmosphärischer Dichte und gleichzeitig schwebender Leichtigkeit dem anspruchsvollsten Lesegenuss zu.
Es geht vordergründig um die Schicksale einer Familie im Banat in der Zeit der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in Rumänien bis in die bundesdeutsche Gegenwart, wobei Erinnerungen aus der Zeit davor – die ­Urgroßeltern stammen aus Siebenbürgen – in der Gegenwart mitleben und sie -formen. Sieben Vertreter aus vier Generationen der Kernfamilie, verwoben mit ihrem menschlichen Umfeld, mit ihrem heimatlichen Ort der Herkunft, der mit Tradition, Mentalität, Sprache, Vielvölkerschaft und Landschaft prägte, leben die Bewährungsprobe ihrer Integrität in den Zeiten des dunkelsten Kommunismus und des Realsozialismus zu Ceauşescus Zeiten, dann auch bei ihrem schicksalhaften Wechsel durch Flucht oder Aussiedlung in die ungeübte Freiheit des Westens. Hinzu kommt, dass der Weg aller Personen, er ist Entwicklung und Wandlung, in sieben Kapiteln aus unterschiedlichen Perspektiven nachvollzogen wird. Unweigerlich wächst dabei die Frage: Was bleibt bei allem Wandel verlässlich? Was macht letztendlich dann den Kern einer Persönlichkeit aus? Wie verlässlich ist Fremdurteil für unsere Selbstwahrnehmung? Unser Selbstbild? Wie spiegeln wir uns in den anderen? Du sollst dir kein Bildnis machen, das Bibelwort, Max-Frisch-Wort, wird von Iris Wolff in ihrem Roman mit sieben Biografien in deren Entwicklung thematisch belegt, ausgelegt als allumfassende Unschärfe der individuellen und großen Welt, einer Welt in stetem Wandel. Multiperspektive und Erinnerung können dabei Konturen verwischen, sie können aber auch das Stete fokussieren und bestätigen. Auf einer Metaebene über Erzählung und Reflexionseinlagen bleibt es dem Leser überlassen, sich aus der fesselnd einnehmenden Erzählung zu lösen und den Roman als feinsinnig gelungenes Konstrukt zu sehen, in dem auch der geringste Handlungsstrang, ja gar die kleinste Geste das Thema dieser Relativierung und Ambivalenz poetisch mittragen.

Dem Buch stellt die Autorin ein Gedicht des aus dem Banat stammenden Schriftstellers Richard Wagner voran, in reduzierter Bildhaftigkeit eine philosophische Feststellung: Ein Vogel ruft das Leid um Vergehen in die Welt, wir sagen, er singt. Eine Handlung – zwei Perspektiven, zwei Auslegungen existenziellen Seins, die Verlässlichkeit des Urteils in Unschärfe aufgehoben. In einer verstörend doppelbödigen Realität lässt Iris Wolff ihre Gestalten sich entfalten, agieren, reagieren. Feinsinnig zugeneigt, mit Empathie begleitet sie deren Weg durch die Fährnisse der Geschichte des wechselvollen Jahrhunderts. Im Zentrum steht Samuels Weg. Samuel, aus der dritten Generation, ist der eigentliche Protagonist des Romans, nicht im herkömmlichen Sinne auch dieses – seine Präsenz ist von seiner Geburt an im ersten eher der rote Faden durch die sieben eigenständigen Kapitel des Buches, in denen weitere Personen immer auch in gewisser prägender oder ihn deutender Beziehung zu ihm stehen. In den wechselnden Zeitebenen der jeweiligen Kapitel komponiert sich Samuels Bild: Sein Handeln, sein Schweigen, sein Eigensinn, seine stille, aber großartige Freundschaftsgeste für den Freund, den er als Fluchthelfer in den Westen begleitet, dafür Sana, die slowakische Freundin aus der Kindheit – sie wird die Liebe seines Lebens – ohne jegliche Garantie zukünftiger Sicherheit verlassend, um ihr aber bis zum Wiedersehen nach Jahren unerschütterbar treu zu bleiben, all dieses fügt sich aus anfänglicher Unschärfe im Laufe des Romans zum Persönlichkeitsbild. Hinzu kommen die bedingungslose Liebe der Eltern, die Erzählungen der Großmutter aus dem Reich der Erinnerung an die ferne Zeit der Monarchie, die idyllische Harmonie des heimatlichen Pfarrhofes und das verträumte Idyll des Banater Dorfes, das alles nimmt das Kind Samuel feinporig auf, erlebt und empfindet dabei tief, dass allem Leben gleichzeitig Doppelbödigkeit, Unsicherheit, Bedrohliches innewohnen. Schon der Sprache gegenüber spürt er, wie auch seine Mutter Florentine, „ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte … (denn) die Wörter waren in einem unbestimmten Raum angesiedelt, in dem Denken und Fühlen ineinander übergingen.“ (S. 22) Der Name Samuel ist, wie das feinste Detail und auch alle anderen Namen, in diesem Buch bewusst gewählt, hier aus der Bibelgeschichte des Alten Testaments, in der eine Mutter Gott um einen Sohn anfleht, so wie Samuels Mutter in der bedrohten Schwangerschaft verzweifelt bat: „Lass mir das Kind!“ Samuel ist „der von Gott Gewährte“ und wird seinen Weg in sich ruhend durch alle Fährnisse, der Unsicherheit der Welt trotzend, unbeirrt gehen.

Das feine Gespinst der Ambivalenz, welches das Festgefügte, sei es die Ordnung der Welt, sei es das feststehende Urteil darüber mit Unschärfe umspinnt, durchwächst, begegnet mit unaufdringlicher Konsequenz – in allem. In der Sprache schon durch das Verwischen ethnischer Grenzen durch Mehrsprachigkeit im Vielvölkerstaat; sie zeigt sich im Bild vom Anderen: Samuels Mutter beobachtet sinnierend ihren Mann Hannes, evangelischer Pfarrer: „Der Mann, der die Treppe zur Kanzel hinaufstieg, war ein anderer als jener, mit dem sie das Bett teilte, die Mahlzeiten einnahm, stritt, lachte und diskutierte. Seine Stimme war anders, seine Haltung. Seine Worte waren nachdrücklich, seine Gesten ruhig, und sie bewunderte die Selbstverständlichkeit, mit der er die Rolle einnahm“ (S. 28). Die Ambivalenz als Doppelbödigkeit, als Gefährdung aus Gefährdung wachsend, soll im System der kommunistischen Diktatur als politisches Ziel zur totalen Auflösung der Persönlichkeit in die große Masse führen. In der Frauenklinik, wo Florentine neben Jungen, Älteren, Frauen ganz verschiedener ethnischer und sozialer Herkunft, in einem Raum, im Leid verbunden liegt, kommt ihr „der Gedanke, dass sie vorsätzlich alle in einem Zimmer untergebracht worden waren. Es entband die Ärzte davon, sie als einzelne Menschen zu sehen…“ (S. 17). Der rigorosen Familienpolitik Ceauşescus fallen ungezählte Frauen zum Opfer, und ein ganzes Volk leidet unter der verkappten Gefährdung im System, das „unter diesen Umständen Freiheit genannt wurde“. Geradezu genial gelingt der Autorin im Buch, auf wenigen Seiten, mit einem Sarkasmus, der seine Schärfe unter feiner, bildreicher Pointierung kaschiert, die Essenz des Systems Ceauşescu mit Personenkult und Nepotismus, mit der Angst als Zepter, auch dem themenfernen Leser nahezubringen. Die Flucht aus solchen Lebensumständen ist logische Folge, Ausweg, Wandel in der Biografie. Karline, die Großmutter Samuels, flüchtet in den Raum der Erinnerung an Zeiten des Festgefügten und der Wunschprojektionen. Oz, der Freund, plant mit Samuel die Flucht in den Westen, abenteuerlich, mit einem Aeroplan, die Flucht gelingt, der Drache der Angst, bildhaft schon lange im Unterbewusstsein gewachsen, begleitet bis in die Freiheit. Er wird erst endgültig verschwinden, als Oz den Freitod wählt. Samuel scheint frei von Angst. Seine innere Stärke wächst aus der ihm zugewachsenen Liebe, verlässlich kann er Liebe geben.

Die Autorin kennt aus eigenem Familienschicksal die Herausforderungen, mit denen neue Heimat zuwächst. Treffender kann die vielschichtige Erfahrung nicht mitgeteilt werden als hier, wo alles von poetischer Kraft, von Magie geformt wird durch die Sprache Iris Wolffs, die sinnlich nachvollziehbaren Beschreibungen der Natur als mitprägender Lebensraum für Werden und Vergehen des Menschen im Leben – für dessen Wandel auch das kunstvoll gestaltete Cover des Buches mit einer welkenden Rebe als Vanitas-Motiv steht. Ebenfalls wie durch ein Wunder geschieht letztendlich im wieder freien Europa die Zusammenführung der Familie, zumindest auf Zeit, aber für immer jene der Liebenden.

Im letzten Kapitel schreibt Iris Wolff eine Apologie an die Zauberkraft der Poesie, wie sie die Romantiker in ihrer Weltsicht sahen, im Zauberwort der Dichtung die Welt dem Leser neu entdeckend. Liv, Sana und Samuels Tochter, wird Magierin und „das Publikum wird dort hinsehen, wo der Zauberer hinsieht. Der Blick des Zauberers ist der Blick des Publikums“ (S. 213). Iris Wolff hat ein wunderbar bezauberndes Buch geschrieben.

Karin Servatius-Speck



Iris Wolff: „Die Unschärfe der Welt“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2020, 216 Seiten, gebunden, 20 Euro, ISBN 978-3-608-98326-5, E-Book 15,99 Euro, 978-3-608-12000-4.

Schlagwörter: Iris Wolff, Buchbesprechung, Banat, Roman

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