15. Juli 2021

Die Straße der Maikäfer. Ein Streifzug durch die Erinnerung

Wenn man sich an Orte erinnert, sind die Straßen jene Teile davon, deren Bilder im Gedächtnis jedes Mal ein wenig anders erscheinen. Dabei spielt vor allem die Richtung eine Rolle, aus der man die Straße betritt, da der Blickwinkel auf die säumenden Gebäude, Bäume, Zäune und dahinter sichtbaren Höfe und Gärten sich mit der Richtung verändert und immer wieder etwas Neues davon auffallen lässt. Wie leicht vergisst man, wenn man Sehenswürdigkeiten sucht, dass auch der Weg das Ziel sein sollte, das Sehenswertes entdecken lässt.
Haus in der Grabengasse. Foto: die Verfasserin ...
Haus in der Grabengasse. Foto: die Verfasserin
Doch alle Straßen, Gassen, Gässchen haben ihre eigenen Geheimnisse und ihre besondere Bedeutung, da sie immer irgendjemand zum Ziel führen. Die Straße jedoch, in der man von Kind auf lange Zeit gewohnt hat, in der man Lebensjahre lang auf und ab gelaufen ist, setzt sich in der Erinnerung in einer Vielzahl von Bildern und Momenten fest, die sich nicht verdrängen lassen. Sie sind ein Gefüge gefestiger Eindrücke, vor allem durch die Menschen, die diese Bilder bereichern, und gleichen unterschiedlich geformten und gefärbten Steinchen, auf deren Spur der Weg in vergangene Zeiten zurückverfolgt werden kann.

Katharina wunderte sich über ihre tiefsinnigen Gedanken, an diesem strahlenden Sommertag in Hermannstadt, als sie nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder hinter dem Straßentor ihres ehemaligen Elternhauses stand. Diesmal gab sie sich gerne dieser nostalgischen Stimmung hin, denn sie hatte sich selbst bisher kaum noch in Heimaterinnerungen vertieft, in den vielen Jahren, in denen ihr Leben fern von hier so ausgefüllt und abwechslungsreich war. Die Träume, die sie ab und zu dorthin zurückgeführt hatten, waren auch immer seltener und undeutlicher geworden, so dass irgendwann keine unterbewussten Ausflüge in die Vergangenheit sie von ihrer Hingabe an die Gegenwart ablenkten. Doch jetzt, kurz nach dem Tod ihres Vaters, der Zeit seines Lebens die Trennung von Hermannstadt nicht überwunden hatte, hatte sie den Entschluss gefasst dorthin zurückzukehren, um herauszufinden, inwieweit es ihr möglich war ihre Erinnerung an den Ort ihrer Kindheit und Jugend aufzufrischen. Es war dasselbe Tor, das ihr Vater nur einige Jahre vor der Ausreise ihrer Familie aus passend gesägten Brettern geschickt angefertigt hatte, und das sie jetzt leicht wiedererkannte. Das damals dunkelbraun und wetterfest gestrichene Holz war nun mit einem dunklen Rot überzogen und lackiert, und der obere Teil war mit einem Gitter aus dünnen Eisenstäben gefestigt und verlängert. Ein Sicherheitsschloss ersetzte heute den in früheren Zeiten einfach beweglichen und auch für Kinder leicht erreichbaren Holzriegel. Katharina wusste sogar noch, dass das Tor auch ganz oft offen gestanden hatte, zur Freude der Nachbarkinder, die gern zum Spielen in den großen Garten kamen. Doch jetzt ließen sich die neuen Eigentümer ihres Elternhauses den kostbaren Besitz durch zwei große Hunde bewachen, nicht zuletzt auch zum Schutz der Nachbarschaft. Das erfrischende Zwitschern der Vögel aus den hohen Baumkronen der alten Eschen umgab die Besucherin, und das stimmungsvolle Plätschern des Baches darunter kam ihr gleich vertraut vor. Er floss hinter ihr, durch den großen Hof, in einem Graben, zwischen den dick- und knorrig-stämmigen Bäumen, unterhalb des villenartigen Hauses mit den hohen Fenstern, zu dem ein breiter Weg über eine steinerne Brücke hinaufführte.

Es war dieser kleine Bach, an dem sie viel Zeit verbracht hatte, wenn sie an seinem Ufer sitzend ein Buch las, meistens auf der Höhe eines kleinen Wasserfalls, der durch eine Stufe und eine Vertiefung in seinem Lauf zustande kam. An dieser Stelle entstand das plätschernde Geräusch des Wassers, das meistens ruhig in seinem gemauerten Bachbett abwärts floss, außer nach langen Regenfällen und im Frühjahr, wenn der Schnee von den auf beiden Seiten erhöhten Hängen sich nach und nach im Wasser auflöste und es zu einem kleinen reißenden Strom machte, der über die Ufer hinaustrat. Katharina hatte den Bach immer geliebt und hatte sich erst schwer an das Fehlen seines Geräusches gewöhnen können. Der Bach war eigentlich ein Wassergraben, der, vom Waldsee abgeleitet, den nahe gelegenen Erlenpark durchquerte, dann durch den Hof ihres Elternhauses und den mehrerer, kleinerer benachbarter Anwesen stadteinwärts floss. Er hatte der kleinen Straße den Namen Grabengasse gegeben. Doch Katharina hatte dieser Name nie gefallen, sie hatte ihn immer abwertend empfunden, zu tief liegend in ihrer gefühlten Bewertungsskala für diesen idyllischen Winkel der Stadt. Bachgasse hätte sie bevorzugt, doch diesen Namen führte bereits eine andere Hermannstädter Straße.

Sie hatte an diesem Tag gerne das Angebot des neuen Besitzers angenommen, auch den großen Garten hinter dem Haus mit den hohen Fenstern ungestört besuchen zu dürfen, und so nahm sie sich, mit ihrer Kamera ausgerüstet, auch genügend Zeit dafür, um so viele Bilder wie möglich davon nach Hause mitzunehmen. Die Einladung, das Haus mit seinen Räumen in seiner neuen Aufmachung zu besichtigen, hatte sie dankend abgelehnt, da sie die Erinnerungen an ihr Leben drin nicht verfremden wollte. Angefangen vom Treppenhaus, das sich um die gebogene Steintreppe mit geschmiedetem Jugendstil-Geländer vom Erdgeschoss bis zur Mansarde im zweiten Stock wand, hätte sie jetzt, beim Anblick des Hauses, sowieso noch alle Wohnräume mit ihrer urtümlichen Einrichtung ziemlich genau beschreiben können.

Im Grunde war Katharinas Neugier mehr auf die Straße gerichtet, die sie jenseits des Hoftors auf den Weg in eine immer größer und interessanter werdende Welt geführt hatte. Sie hatte es nie geschafft sich in der Ferne mit der gleichen Genauigkeit, in der ihr das Leben im elterlichen Haus und Garten manchmal in den Sinn gekommen war, an diese Straße zu erinnern. Wie kleine Filmausschnitte waren manche erlebte Momente in ihrem Gedächtnis geblieben. Sie wollte sie jetzt gerne zusammenfügen, sich in diesen bewegten Bildern von damals wiederfinden. wie jemand, dem Puzzleteile einer Landschaft fehlen, und der die Zwischenräume durch aus der Phantasie gemalte Teile ergänzt.

Und so ging Katharina durch das Tor hinaus, in der Lust und Laune einen kleinen Ausflug durch ihre Bachgasse zu machen und so viele Bekannte wie möglich dabei zu treffen. Sie wollte in ­einem zeitüberbrückenden Gedankenspiel, einem sogenannten Brainstorming-Memory, einen Spaziergang entlang der Grabengasse machen und sie, die jetzt menschenleer war, mit ihren Erinnerungen beleben. Sie wollte herausfinden, ob es ihr noch gelang, unter dem Asphalt einige Steinchen hervorzubuddeln, auf dem Weg zurück in ihre dort verbrachte kindliche und jugendliche Vergangenheit.

Katharina blickte entlang der inzwischen asphaltierten Straße und ließ ihren jetzigen Anblick auf sich wirken. Auf beiden Seiten waren am Straßenrand, und manchmal auch auf Teilen der Gehwege, einige im Sonnenlicht wie bunte Riesenkäfer glänzende Autos geparkt, rechts und links versetzt, um das Durchfahren dazwischen zu ermöglichen. Sie stellte fest, dass sie die meisten Nachbarhäuser wiedererkannte, dass ihr selbst hinter den erneuerten Fassaden einige frühere Bewohner wieder einfielen. Gegenüber war das mehrstöckige Haus mit den alten grünen Jalousien, in dem nur ältere Kinder als Katharina gewohnt hatten, die ihr immer fremd gewesen waren. Doch in der linken Dachgeschosswohnung, wo jetzt die Scheiben geschlossen in der Sonne glänzten, war eine alte Ungarin, wenn es das Wetter erlaubte, unentwegt im offenen Fenster gelehnt und hatte das Straßengeschehen neugierig beobachtet. Ihr war bestimmt jahrelang wenig davon entgangen, eigentlich war sie von ihrem Ausguck nicht wegzudenken. Ihre Grüße, Zurufe, manchmal in rumänischer, manchmal in ungarischer Sprache, galten oft auch den Kindern, sei es vor Freude sie zu sehen, oder schimpfend, wenn sie gerade im Bach herumtobten und unter den Brücken der Nachbarhöfe die Bälle herausfischten, bevor diese in den Rohren, in die das Wasser am Ende der Straße führte, für immer verschwanden. Allein, wenn der vornehme deutsche Professor, der in der alten Villa am Erlenparkende der Straße wohnte, dort wo nebenan irgendwann die Eisfabrik und bald darauf der Eislaufplatz gebaut wurden, mit Hut, Stockschirm und großen Schritten vorbeistolzierte, traute sie sich nicht ihn anzusprechen. Besonders gut hatte sie sich mit der diagonal gegenüber wohnenden Nachbarin verstanden, mit der sie oft stundenlang, von oben herab, plauderte, wenn die in ihrem Gemüsegarten beschäftigt war. Katharina hatte das besonders störend zur Kenntnis genommen, wenn sie gerade am Bach sitzend las. Ja, damals gab es noch kein Telefon und deswegen erschwerte Geheimhaltung von Gesprächen.

In der Mitte dieses Gemüsegartens stand noch immer der riesige Walnussbaum, dessen Nüsse besonders groß und dünnschalig waren. Sie hatte im Herbst oft gehört, wie diese krachend zu Boden fielen, und hatte gerne welche im Vorbeigehen vom Gehsteig aufgelesen, da der Baum seine Krone vom Garten, über den Bach und bis über den damals niederen Zaun ausbreitete. Seit ihrer Kindheit liebte Katharina den Duft der Walnussblätter, wenn man sie zwischen den Fingern rieb. Neben dem hohen Haus mit der Ungarin war ein erdgeschossiges Einfamilienhaus, in dem ein sehr freundliches rumänisches Ehepaar mit Sohn und Tochter gewohnt hatte, die um einiges älter als Katharina waren. Die Frau war Schneiderin gewesen und hatte für ihre Mutter Kleider genäht, und irgendwann auch für sie selbst. An ihr erstes Minikleid, hellblau und figurbetont, das sie zu Weihnachten bekommen hatte, konnte sie sich noch gut erinnern. Ihr Blick fiel nun auf das niedere, graue Haus gegenüber, wo ihre um ein Jahr ältere Freundin gewohnt hatte. Mit ihr hatte sie als Kind gerne gespielt, wie auch mit den anderen Nachbarkindern, mit denen sie sich bei Ballspielen auf der Straße trafen, oder zum abenteuerlichen Versteckenspiel in Katharinas großem Garten. Wo wohl jetzt alle diese Kinder seien, dachte sie, als sie sich zum ersten Mal wieder so lebhaft an viele von ihnen erinnerte. Jetzt erschienen ihr der überschauliche Garten ihrer Freundin ungepflegt und das kleine Haus mit vorgebautem Wintergarten unbewohnt. Durch die teils vermoderten Latten des Zauns sah sie das Wasser des Baches dort glänzen, wo die Brennnesseln nicht bis in sein Bett hineingewachsen waren.

Erfreulicher war der Anblick des letzten Vorgartens vor der Straßenecke, denn da blühten hinter dem grünen schulterhohen Holzzaun viele Rosen, von gelb bis dunkelrot, an sauber geschnittenen Sträuchern, hinter denen das hellrosa gestrichene Haus mit Hochparterre so einladend aussah. Die Fenster waren offen, und daraus erkannte sie im Näherkommen angenehme Klänge von Jazzmusik. Diese wurden jedoch ganz plötzlich durch ein sich näherndes Motorengeräusch übertönt, als ein Auto aus der sich mit der Grabengasse kreuzenden Schützengasse ziemlich laut vorbeifuhr. Ja, diese Kreuzung hatte es immer schon in sich gehabt. Als beide Straßen noch nicht asphaltiert waren, und die Schützengasse auf der linken Seite einen steilen Abhang bedeckte, musste man in der Kreuzung meistens über große Wasserpfützen springen oder steigen, nicht ohne sich vorher der oft viel zu schnell durchfahrenden Fahrzeuge versichert zu haben. Damals gab es in dieser kleinen Verkehrskreuzung noch keine Warnschilder oder Spiegel, und in Katharinas Kindheit war da nicht so viel Verkehr gewesen. Auch waren die wenigen damals vorhandenen Autos der Anwohner meistens in den Höfen geparkt. Darum konnten die Kinder den Berg der Schützengasse in schneereichen Wintern zum Rodeln nutzen, bis abends, wenn nur noch die Straßenlampe in der Kreuzung die Dunkelheit erhellte, der Schnee unter den Fußsohlen der laufenden Mädchen und Jungen vor Kälte knirschte, und ihre freudigen Rufe und ihre Begeisterung weit zu hören waren. Bei diesem fröhlichen Treiben machten dann meistens alle Kinder der Nachbarschaft mit ihren Holz- oder Eisenschlitten mit, bildeten auch gerne Schlittenzüge und ließen sich waghalsig über den oft auch gefrorenen Schnee schleudern. Das war ein Heidenspaß gewesen, wie auch auf den langen Glitschen auf den Gehsteigen zu rutschen, ziemlich nah bei den Toreingängen vorbei. Sie erinnerte sich noch, wie verhasst es den Kindern war, wenn diese Rutschpartien vom darauf gestreuten Sand vereitelt wurden.

Jetzt stand Katharina kurz unter der Straßenlampe, und ihr kam jener Abend in den Sinn, als sie zum ersten Mal in Begleitung eines Jungen darunter gestanden hatte und sich dort von ihm verabschiedete, weil sie das geheim halten wollte und sich darum von ihm nicht bis nach Hause bringen ließ. Es war Mai gewesen, sie waren beide zu später Stunde von der Geburtstagsparty einer gemeinsamen Schulfreundin gekommen, ihr Begleiter hatte in ihrer Gegend gewohnt. Damals war der Lampenschirm um die milchige Glühlampe aus Metall gewesen, und um ihn herum schwirrten viele Maikäfer, immer wieder konnte man sie hören, wenn sie vom Licht angezogen gegen den Schirm prallten. Katharina mochte immer schon die Spinnen, doch Käfer konnte sie nie leiden, vor allem nicht Maikäfer, weil die besonders groß und laut waren. An jenem Abend hatte sie zum ersten Mal so ein braungepanzertes Insekt in die Hand genommen, weil es auf dem Rücken liegend auf der Straße zappelte und sie es retten wollte. Dieses Maikäfererlebnis fiel ihr jetzt auch wieder ein, noch genauer als ihr Begleiter, der sich wohl selbst gerettet hatte...
Maikäfer. Foto: die Verfasserin ...
Maikäfer. Foto: die Verfasserin
Genauer konnte sich Katharina an die beiden rumänischen Geschwister erinnern, die jenseits der Kreuzung gewohnt hatten, wo der große Obstgarten bis zum Bachbett reichte und nur stellenweise das hohe Haus dahinter sehen ließ. Sie gingen mit Katharina in dieselbe Schule und sie holte sie auf ihrem Weg hin, in Richtung Stadtzentrum, meistens ab. So hatte sie die rumänische Sprache leichter gelernt. Auch diese Familie war noch in Katharinas Schulzeit von dort weggezogen. Hinter dem hell gestrichenen Metallzaun war jenseits des Baches eine ganze Reihe Apfelbäume zu sehen, die den Gartenrand mit ihren reichlich prangenden Früchten säumten. Sie glänzten verführerisch im Sonnenlicht. Wie gerne hätte sich Katharina einen davon genommen, wie früher, frisch vom Baum.

Das lange Bachbett verlief hier parallel zum Gehsteig, bis das Wasser unter dem nächsten Gebäude in Richtung Stadtmitte auf unbekannten Wegen verschwand. Ein sehr wichtiger Nachbar war ein Bäcker gewesen, der seine Backstube im Tiefgeschoss seines auf der gegenüberliegenden Seite der Straße neu gebauten Hauses eingerichtet hatte. Sehr oft waren die Kunden damals vor seinem Tor Schlange gestanden, geduldig auf das leckere Kartoffelbrot wartend. Irgendwann hatte man dafür das Mehl, das nur in begrenzter Menge erhältlich war, selbst hintragen müssen, erinnerte sich Katharina. Das hell gestrichene Haus war noch immer sehr gepflegt, doch jetzt war da kein Bäckerschild und kein Brotgeruch mehr, der einen im Vorbeigehen lange begleitet hatte. Leuchtend-rote Geranien zierten die Fenster im Erdgeschoss, und vom Garten hinter dem Haus war ein Rasenmäher zu hören. Verborgen vom hohen, geschlossenen Holztor des Nachbarhauses, an dem der Zahn der Zeit die Farbe weggenagt hatte, bellte aufgeregt ein Hund, als Katharina vorbeiging. Früher war das Tor offen gestanden, und ein altes rumänisches Mütterchen saß oft davor auf ihrem Hocker, der Gehstock daneben angelehnt, und lächelte den Vorbeigehenden unter ihrem Kopftuch stets freundlich zu. Das war vor sehr langer Zeit, dachte Katharina, als noch das Gefängnis am oberen Ende der Grabengasse in Betrieb gewesen war. Das wusste sie noch, da die alte Frau den unfolgsamen und frechen Kindern, deren Treiben ihr zu bunt wurde, oftmals damit gedroht hatte, dass man sie dort einsperren würde. Ja, das Gefängnis hatte ihr immer schon Respekt eingeflösst. Nicht selten hatten besuchende Anverwandte der hinter Gittern Festgehaltenen ihren Weg bis zu Katharinas Haus gefunden und ihre Eltern um Hilfe gebeten. Darum, und wegen der streng aussehenden Wachen in Uniform an den Ecken des Gebäudes und beim Eingang, war Katharina immer ziemlich zügig an diesem Gebäude vorbeigegangen. Nun waren da nur noch irgendwelche Stadtbüros und niemand mehr gefangen. In freier, phantasievoller und sehr moderner Architektur standen mehrere hohe Öffentlichkeitsgebäude am innenstadtnahen Ende der Grabengasse und machten durch die kleine Entfernung zu dem naturreichen und waldnahen Teil von Katharinas Bachgasse die Verbindung zwischen Alt und Neu, zwischen Damals und Jetzt. Es war für sie eine schöne Zeitreise gewesen, an diesem sonnigen Tag in Hermannstadt.

Plötzlich fiel Katharina ein, dass sie noch immer das Päckchen bei sich hatte, das sie der Lehrerin bringen wollte, die im einstöckigen alten Blockhaus gegenüber ihrem Elternhaus wohnte. Die allein lebende ältere Dame hatte sie vor einiger Zeit auf Facebook gefunden und darüber sehr erfreut gleich angeschrieben. Sie hatte Katharina immer gern gehabt, und sie hatten sich immer gut verstanden und nette Gespräche über alles Mögliche geführt. Nun wollte Katharina sie unbedingt wiedersehen. Deswegen ging sie noch einmal die Straße zurück, diesmal mit schnelleren Schritten und Vorfreude auf den Besuch, mit dem sie die alte Lehrerin überraschen wollte. Doch Katharina war froh, sie hatte ihre Bachstraße sowie die fehlenden Puzzleteile ihrer Erinnerung wiedergefunden. An diesem Tag hatte sich ihr, der so lange Fortgebliebenen, Hermannstadt, die Stadt vieler weltweit anerkannter Sehenswürdigkeiten, als ihre Heimatstadt mit besonderer Erinnerungswürdigkeit gezeigt. Katharina sah von weitem, dass etwas am Gehsteig in der Sonne glänzte, und als sie näher kam, merkte sie, dass es ein kleiner, ovaler Stein war, in dessen heller Oberfläche das Katzensilber im Sonnenlicht leuchtete. Sie hob ihn auf, und er fühlte sich so glatt und warm an in ihrer Hand, dass sie ihn behalten wollte. Komisch, der ist genau so groß wie ein Maikäfer, dachte sie und ging lächelnd weiter.

Brigitte Hermann

Schlagwörter: Erinnerungen, Hermannstadt, Jugend, Kindheit, Ausreise

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Neueste Kommentare

  • 16.07.2021, 00:35 Uhr von Harvestwengd: Schön geschrieben: als NeuHermannstädterin habe ich die Straße gleich erkannt. Es gibt dort in der ... [weiter]
  • 15.07.2021, 09:03 Uhr von sibisax: Schöner Artikel,solche oder ähnliche Erinnerungen hat wohl jeder in ähnlicher Art! [weiter]

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