21. August 2021

Ioana Pârvulescus Roman „Wo die Hunde in drei Sprachen bellen“

„Unser Haus war in derselben Stadt geboren wie ich. Zusammen wohnten wir auf der Strada Vladimir Maiakowski (…). Nur für die ganz Alten war der Name Maiakowski ganz einfach Sfântu Ioan, sodass unser Haus (…) zweimal im Leben die Adresse änderte: Einmal um 1950 war es von der Sfântu Ioan auf die Maiakowski umgezogen, dann zog es 1990 von der Maiakowski zurück auf die Sfântu Ioan.“ So schreibt es die Ich-Erzählerin Ana, und die Stadt, in der beide geboren wurden, ist Kronstadt. Hier wächst sie mit ihrem Bruder Matei, Cousin Doru und Cousine Dina in den 1960er Jahren auf, durchstreift Straßen und Gassen, besucht die Bewohner anderer Häuser, um deren Geschichten zu lauschen, besteigt die Zinne, wo sich herrliche Abenteuer erleben lassen, und badet auf dem Dach des alten Hotel Aro. Die Stadt und das Haus sind zentrale Darsteller in „Wo die Hunde in drei Sprachen bellen“, Ioana Pârvulescus erstem auf Deutsch veröffentlichten Roman, der soeben in der Übersetzung von Georg Aescht im Wiener Paul Zsolnay Verlag erschienen ist.
Ioana Pârvulescu wurde 1960 in Kronstadt geboren und ist Professorin für neue Literatur an der Universität Bukarest, zudem arbeitet sie als Übersetzerin aus dem Französischen und Deutschen. Der vorliegende Roman erschien im Original 2016 unter dem Titel „Inocenţii“. Sie erzählt darin die Geschichte einer Familie, die Geschichte eines Hauses, die Geschichte einer Stadt – und sie erzählt, wie Erinnerung funktioniert: Die Geschichten der Kindheit werden von der erwachsenen Ich-Erzählerin wiedergegeben und kommentiert und so auf eine neue Bedeutungsebene gebracht. Ein Sommer in den Bergen, in der Valea Hornului, gehört ebenso zum Portfolio der Erinnerungen wie ein Urlaub in Costineşti am Schwarzen Meer, das Skifahren in der Schulerau sowie die kleinen alltäglichen Begebenheiten in der Nachbarschaft – und natürlich die Familienerzählungen, denn im Haus wohnen nicht nur die vier Kinder mit ihren Eltern, sondern auch „vier noch recht junge Alte“: die Großeltern mütterlicherseits sowie Großtante Magda und ihr Mann Ionel, deren Kennenlernen schon eine Geschichte für sich ist, denn: „Irgendwie kam in allen Geschichten der Großen die Liebe ins Spiel. Manchmal kam der Tod darin vor, dann wieder die Politik und oft das Geld. Die Liebe aber kam in allen vor.“ Wundersames gibt es außerdem zu erfahren über einen Onkel, der nach Amerika ausgewandert ist, und über einen anderen, der nach Sibirien deportiert wurde und sich zu Fuß wieder nach Haus durchgeschlagen hat. Nicht minder wundersam ist der Großvater, „Sohn eines Hirten“, der aus Rosenau stammt und „der beste Turner seines Jahrgangs im Şaguna“ war, wo er das Abitur ablegte. Medizin studierte er in Wien und Budapest und diente im „Großen Krieg“ als Militärarzt (natürlich zu Pferde). Stumme Zeugen dieser Zeit sind eine Vase aus einer Granathülse, die auf dem Tisch im Esszimmer steht, und seine unverwüstliche Pferdedecke, über die Großmutter ein weißes Leintuch breitet, um zu bügeln.

Analog zu Geschichte und Bewohnerschaft der Stadt ist Mehrsprachigkeit ein großes Thema in der Familie. „Alle Erwachsenen des Hauses sagten, man ist so viele Male Mensch, wie man Sprachen spricht, und alle waren sie wenigstens drei- oder viermal Menschen, und jeweils andere, weil sie verschiedene Sprachen konnten, Rumänisch, Deutsch und Ungarisch aber hatten sie alle auf Lager (…) Ein Freund unserer Familie wurde nicht müde zu behaupten, dass in Kronstadt selbst die Hunde in drei Sprachen bellen!“ Hier wird deutlich, wie eng das Leben des Einzelnen mit den Leben der anderen im eigenen Umfeld über Sprache und Kultur verbunden ist und eins ins andere fließt – erst recht in einer multilingualen Stadt wie Kronstadt. Ein geradezu sprechendes Beispiel dafür sind die im Winter vor den Schulen entstehenden Rutschbahnen. „Weil du nicht in Siebenbürgen aufgewachsen bist und keine Geschwister oder Cousins in der Honterus-Schule hattest“, lässt uns die Erzählerin wissen – nicht ahnend, dass dies für die Leser der Siebenbürgischen Zeitung nur bedingt gilt, „muss ich dir erklären, dass diese Bahnen Glitschen hießen, von glitschen wie rutschen. Auch die Wörter selbst rutschten in Kronstadt von einer Sprache in die andere, mit hoher Geschwindigkeit und Grazie, als trügen sie Schlittschuhe.“

„Unser Haus barg Geschichte mannigfachster Art und Geschichten ,von Leben und Tod‘. Es ließ, das war klar, alle gewähren.“ Gleiches gilt für „Wo die Hunde in drei Sprachen bellen“: Dieser Roman ist nicht einer, sondern mehrere: einer über den Beginn des Lebens und sein Ende, einer über Kindheit, einer über Häuser, Menschen und ihre Erinnerungen, ein Roman über „Braşov-Kronstadt-Brassó“, einer über das 20. Jahrhundert in diesem südosteuropäischen Fleckchen der Welt. Gemeinsam ist all diesen Romanen, die hier in einem vereint sind, der lyrische Erzählton, in dem die Sehnsucht nach der Vergangenheit vor dem geistigen Auge traumwandlerisch heraufbeschworen wird, durch flirrende Sommerluft ebenso wie durch winterlichen Nebel, die gleichsam zwischen dem Erzählten und den Lesenden stehen wie ein durchsichtiger Schleier.

Dass der gebürtige Zeidner Georg Aescht die rumänische Sprache beherrscht und sich in ihr heimisch fühlt, ist bekannt; bei der Übersetzung von Ioana Pârvulescus Roman fühlt er sich aber auch in der Geschichte (oder richtiger: den Geschichten) heimisch. Kronstadt, Rosenau, Zeiden, das Burzenland und seine Berge, die Küstenorte am Schwarzen Meer – man spürt förmlich, dass ihm die im Roman begangenen Wege ebenso vertraut sind wie die multiethnische, mehrsprachige Gesellschaft mit ihren Menschen, Mechanismen, Abläufen, ungeschriebenen Gesetzen, in der die Kinder Ana, Matei, Doru und Dina heranwachsen und die Erwachsenen spüren, „dass die Dinge sich fügen“.

„Das Haus ist dasselbe und immer anders. Und da es überlebt hat, konnten wir das auch. Da es seine Erinnerungen erhalten hat, würden wir die unseren auch erhalten. Da es allem widerstanden hat, konnten wir auch widerstehen.“ Diesem Roman allerdings sollte man nicht widerstehen, sondern ihn ganz und gar in sich aufnehmen und den vielen Erinnerungen aus vergangenen Welten und Zeiten, die sich in ihm offenbaren, nachspüren.

Doris Roth

Ioana Pârvulescu: „Wo die Hunde in drei Sprachen bellen“. Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2021, 368 Seiten, 25,00 Euro, ISBN 978-3-552-07228-2

Schlagwörter: Buch, Roman, Literatur, Kronstadt, Rezension, Georg Aescht, deutsch-rumänische Beziehungen

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Neueste Kommentare

  • 21.08.2021, 11:21 Uhr von Johann Kremer: vielen Dank für die anregende Rezension, liebe Doris. [weiter]
  • 21.08.2021, 09:34 Uhr von Äschilos: Ein willkommenes Buch - eine gute Rezension ! [weiter]

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