8. Februar 2026
Die „Eifeler Regel“
Freundlich werde ich im Internet mit „Geaden Morjen“ begrüßt. Das ist sehr schön, aber noch schöner wäre gewesen, wenn dort „Geade Morjen“ gestanden hätte. Dabei hat sich der Schreiber, es war tatsächlich ein Er, doch gerade um korrektes Schreiben des Sächsischen bemüht. (Wenn ich aus schreibökonomischen Gründen im Folgenden einfach „sächsisch“ schreibe, dann ist damit immer „siebenbürgisch-sächsisch“ gemeint.)

Eine Regel gibt es nun aber in unserem Dialekt, die sogenannte N-Regel, die gleichermaßen im verwandten Luxemburgisch vorkommt und dort genau beschrieben wird. Und da der Gebrauch sich mit dem in unserm Dialekt üblichen deckt, kann der Wortlaut unverändert für unser Sächsisch übernommen werden. Ich zitiere im Folgenden aus dem Band 104 aus der Reihe Kauderwelsch des REISE KNOW-HOW Verlag Peter Rump GmbH: Joscha Remus: Lëtzebuergesch – Wort für Wort, Bielefeld, 2. Auflage 2001, Seite 23. Dort vermerkt eine Randnotiz: „Die N/Regel wird auch als ,Eifeler Regel‘ bezeichnet.“ Und unter der Überschrift „die N-Regel“ heißt es: „Grundsätzlich schreibt man am Ende einer Silbe ein n nur dann, wenn auf das n entweder die Selbstlaute (a, e, i, o, u) oder die Mitlaute d, h, n, t, z folgen. Dies gilt auch vor Sprechpausen (vor einem Komma, einem Strichpunkt und am Satzende.) Die N-Regel dient vor allem der besseren Anbindung und der flüssigeren Aussprache.“
Und wie kann ich mir das merken? Ich hatte mir dazu einen Merkvers ausgedacht, den die verstorbene Germanistin Hanni Markel spaßig fand und den ich hier gerne wiedergeben will:
Det NoberTreng Huet en Dacken Zop.
Dett sen är fåw uch net är siwwen,
bä dese wid det n geschriwwen.
Im zweiten Teil berichte ich über ein paar praktische Beispiele für die Anwendung der Eifeler Regel und eine nette Anekdote.
Siwwe Kruëden – Eifeler Regel Teil II
Viele Siebenbürger Sachsen kennen wahrscheinlich das scherzhafte Lied Siwwe Kruëde, siwwe Kruëde schloppen durch den Zong … Andere Variante: schloppten … (Sieben Kröten, sieben Kröten schlüpfen/schlüpften durch den Zaun.) Die letzte war zum Durchschlüpfen allerdings zu dick. Da es sich um ein Scherzlied handelt, setzen auch wir unsere Betrachtung auf scherzhafte Weise fort.Wir stellen uns nämlich vor, die Kröten hätten ihre unglückliche Schwester nicht allein zurücklassen wollen. So hocken (hochen) sie nun alle sieben vor dem Zaun. Und wir erinnern uns: Nur fünf Mitlaute, nämlich d, h, n, t und z erlauben vor sich ein Endungs-n. V gehört nicht dazu. Deshalb kann es vor dem vir dem Zong nicht hochen heißen, sondern hoche vir dem Zong. Nun setzen wir noch eins drauf und lassen zusätzlich sieben Hühner anmarschieren. Deren H (Hiëhnen) erlaubt das Endungs-n und gibt es dem siwwe wieder zurück: siwwen. Wir könnten also singen: Siwwen Hiëhne … flejjen iwern Zong.
Bekanntlich steht das Endungs-n immer vor Vokalen. Und hier hört der Spaß nun auf, wenn es um eine der am häufigsten gebrauchten Grußformeln geht: Guten Tag. Beim Vokal in Owend ist der Sachverhalt klar. Es heißt: Geaden mundartlich abgewandelt auch gaden Owend oder in der Kurzform: Geanowend. Und weil das D in Dååģ (Tag) zu den n-freundlichen Konsonanten gehört, heißt es entsprechend auch Geaden Dååģ oder kurz: Geandååģ. Anders das M in Morjen: Es „duldet“ kein vorangehendes Endungs-n. Wir sagen daher Geade Morjen, schreiben aber – das ist immer häufiger zu beobachten – Geaden Morjen. Wie kommt es, dass wir anders schreiben als wir reden? Da wirken zwei Tatsachen zusammen: Zum einen sind Sprachregeln im Gehirn abgespeichert und werden beim aktiven Reden unbewusst aktiviert. Wir merken gar nicht, dass wir sie verwenden. Dazu eine kleine Anekdote: Im Laufe eines Gespräches über die Eifeler Regel versicherte eine Zuhörerin: „Mir riëde net esi.“ Sie hatte nicht bemerkt, dass sie gerade eben die Eifeler Regel verwendet hatte: Statt riëden hatte sie riëde gesagt. Zum anderen haben wir kein sächsisches Schriftbild gelernt und greifen daher im Bedarfsfall auf das Schriftdeutsche zurück. Das ist deshalb falsch, weil wir damit denen, die unsern Dialekt kennen lernen möchten, ein verfälschtes Bild desselben zeigen, wenn wir nicht so schreiben, wie wir tatsächlich (aus-)sprechen.
Zum Schluss sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt, dass das Endungs-n immer dort steht, wo der Redefluss unterbrochen wird. Das ist am Ende von Sätzen und Nebensätzen immer der Fall, bei Ausrufen gelegentlich und nicht immer vor dem Komma. Bei unserm Ausgangstext Siwwe Kruëde, siwwe Kruëde zeigt das Komma zum Beispiel nur die Wiederholung an und hat auf die Schreibung keinen Einfluss.
Je nachdem zu welcher Tageszeit Sie diesen Text lesen, grüßt Sie mit einem Geade Morjen, Geandååģ oder Geanowend
Ihr/Euer Bernddieter Schobel
Schlagwörter: Mundart
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