22. Februar 2026

Hegt wird gesangen!: Lob des Bauernstandes

„Medche, wällt te’n Kanter niëhn?“ (Mädchen, willst du den Kantor frei’n?) ist ein altes Volkslied, das erstmals von Friedrich Wilhelm Schuster (1824-1914) in Mühlbach (10 Strophen) und Georgsdorf (8 Strophen) belegt wurde. Schuster weist auf das Alter des Stoffes hin, zumal z.B. in Ludwig Uhlands Sammlung ein Lied, das unserem sehr ähnlich ist, mit 1544 datiert ist: „Mein müterlein das fraget aber mich/ ob ich wolt ein schreiber?/ ,Awe nein!‘, sprach ich,/ näm ich denn ein schreiber zu einem manne,/ so hiesz man mich frau schreiberin …“
Dieses Dialoglied mit der flotten Melodie im hüpfenden Rhythmus wird als Scherz- und Spottlied gesungen, es hat jedoch einen sozialkritischen Inhalt, denn es zeigt, dass früher (15. bis erste Hälfte des 20. Jahrhunderts) die Identität der Frau über den Beruf des Mannes definiert wurde. Durch die Ehe übernahm die Frau auch den Stand, den Ruf und die Aufgaben des Mannes. Sie wurde mit dem Berufstitel des Mannes benannt und nicht mit ihrem eigenen Namen, übernahm nicht selten Pflichten im Gewerbe des Mannes, in der Werkstatt, die oft Teil des Haushalts war. Dieses Lied gewährt uns einen kulturgeschichtlichen Einblick in die verschiedenen Berufe einer dörflichen Gemeinschaft und die Verteilung der Geschlechterrollen.

Lehrer, auch Rektorlehrer, und Kantoren wurden aus jährlich festgelegten Beiträgen der Bauern, von der Gemeinde mehr schlecht als recht bezahlt, vor allem die Kantoren galten als Hungerleider. In den unterschiedlichen Varianten des Textes kommen noch andere Handwerker vor: Glöckner, Tischler, Müller, Fischer, Kürschner u.a.

Der sozialdidaktische Inhalt des Liedes wird erst in der letzten Strophe anschaulich: Ein Bauer soll’s sein! In den verschiedenen Varianten des Liedes finden wir: Em hießt mich dro de Gebeïerän … uch fleißij (kernich) Kiureschnegderän; … uch fleißij Wiërtän (Man nennt mich dann die Bäuerin und fleißige, kernige Kornschneiderin; … und fleißige Wirtin). Die Arbeit der Bäuerin wurde sozial hoch bewertet, der Bauernstand als der stabilste, sicherste und angesehenste.

Als Lob des Bauernstandes stellt dies Lied, humorvoll getarnt, klare soziale Hierarchien auf: Es macht deutlich, dass Handwerker viel Arbeit, wenig Status haben und meist arm sind, es idealisiert die Bäuerin und spiegelt die dörfliche Hierarchie: Bauer – Handwerker – Pfarrer – Prediger – Schulmeister (Lehrer), Kantor.

Friedrich Wilhelm Schuster, fotografiert von ...
Friedrich Wilhelm Schuster, fotografiert von Theodor Glatz. Visit, um 1865. Bildarchiv Konrad Klein (Original: NL Dr. Hans Plattner).
Friedrich Wilhelm Schuster (*1824 Mühlbach, †1914 Hermannstadt) besuchte das Gymnasium in Hermannstadt und Schäßburg. Johann Karl Schuller, sein Deutschlehrer am Hermannstädter Gymnasium, machte ihn auf die Volksdichtung aufmerksam. Der bekannte Schäßburger Historiker Karl Gooß riet ihm 1844, in Leipzig zu studieren. Dort befasste sich Schuster mit den Schriften des Märchensammlers Jakob Grimm. Mit befreundeten Studenten, dem späteren Volksmärchensammler Josef Haltrich (1822-1886) und dem Sagensammler Friedrich Müller (1828-1915), entschloss er sich, das siebenbürgisch-sächsische Volkslied zu dokumentieren. Zurück in der Heimat wurde er Lehrer und später Rektor des Mühlbacher Gymnasiums. Ab 1869 war er Stadtpfarrer in Broos. Ab 1906 lebte er bis zu seinem Tod 1914 in Hermannstadt.

Seine lyrischen Dichtungen und sein Drama fanden bei den Zeitgenossen einen gewissen Anklang, die Nachwelt schätze Schuster jedoch für seine Sammlung „Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder, Sprichwörter, Räthsel, Zauberformeln und Kinderdichtungen“, Hermannstadt 1865. Das Werk widmete er seinen Studienfreunden Haltrich und Müller, die ihn bei seiner Arbeit unterstützt hatten. (Josef Haltrichs Märchensammlung „Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenland in Siebenbürgen“ war – auf Vermittlung der Brüder Grimm – bereits 1856 erschienen; Friedrich Müller: „Siebenbürgische Sagen“, Kronstadt 1857, 2. Aufl. Wien 1885.)

Gottlieb Brandsch, um 1910. Bildarchiv Konrad ...
Gottlieb Brandsch, um 1910. Bildarchiv Konrad Klein (0riginal in Familienbesitz)
Gottlieb Samuel Brandsch (*1872 Mediasch, †1959 Hermannstadt) zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der siebenbürgisch-sächsischen Kulturgeschichte. Als Theologe, Pädagoge, Historiker, Musik- und Volksliedforscher widmete er sein Leben der Bewahrung und Erforschung des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes.

Nach dem Besuch des Mediascher Gymnasiums studierte er zwischen 1890 und 1894 Theologie, Philosophie, Literaturgeschichte und klassische Sprachen in Berlin, Jena, Leipzig und Klausenburg. Parallel dazu bildete er sich autodidaktisch musikalisch weiter. Danach wirkte er als Lehrer in Broos, Schäßburg und Mediasch. Von 1900 bis 1907 unterrichtete er am ev. Landeskirchenseminar in Hermannstadt, bevor als Pfarrer in Treppen (1907), Kleinscheuern (1911) und Schirkanyen (1924) wirkte. 1936 trat er in den Ruhestand. Drei Jahre später folgte er dem Ruf an das Brukenthal-Museum in Hermannstadt, wo er bis 1947 die Handschriftenabteilung leitete, als die sächsischen Kultureinrichtungen durch den neuen rumänischen Staat aufgelöst wurden.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg gestaltete er maßgeblich die große Jubiläumsausstellung „Deutsches Musikleben in Siebenbürgen“ zum 100-jährigen Bestehen des Hermannstädter Musikvereins „Hermania“. Die siebenbürgische Geschichtsschreibung, Musikhistoriographie, Volkskunde und Brauchtumsforschung verdanken Brandsch bedeutende Impulse. Sein besonderes Interesse galt der musikalischen Praxis, der Erforschung historischer Quellen, der Pflege des Volksgesangs und der Weitergabe musikalischer Bildung an Jugend und Allgemeinheit. Er veröffentlichte zwei wichtige Liederbücher: „Liederbuch für die Volksschulen“ (Druck und Verlag von W. Krafft, Sibiu-Hermannstadt 1923) und das Taschenbuch „Liederbuch für die deutsche Jugend in Rumänien“ (Kommissionsverlag Buchhandlung F. Kamilli, Schäßburg, 1925), in die er alte Volkslieder in Mundart und die neuen Liedschöpfungen von Hermann Kirchner, Carl Römer und Georg Meyndt einfügte.

Als Volksliedforscher dokumentierte und edierte er alte siebenbürgische Volkslieder sowie das Liedgut der letzten zwei Jahrhunderte. 1931 erschien der erste Band seines großen Projekts: „Siebenbürgisch-deutsche Volkslieder. Band 1: Lieder in siebenbürgisch-sächsischer Mundart“. Weitere Bände konnte er zu Lebzeiten nicht mehr veröffentlichen. Das hochdeutsche Lied­repertoire aus Brandschs handschriftlichem Nachlass wurde in den 1970er und 1980er Jahren von seinem Neffen Walter Brandsch – Philologe und Volkskundler – wissenschaftlich ediert und in drei Bänden veröffentlicht (Deutsche Volkslieder aus Siebenbürgen, Neue Reihe I-III; antiquarisch noch erhältlich). Walter Brandsch initiierte zudem den Reprint des vergriffenen ersten Mundartbandes und wurde für seine Verdienste um das deutsche Liedgut in und aus Siebenbürgen im Jahr 2000 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Der Musikwissenschaftler Karl Teutsch (1934-2021) dokumentierte Brandschs wissenschaftliches Gesamtwerk anlässlich seines 50. Todestages in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 5 vom 31. März 2009, S. 6. Brandschs Forschungen bildeten die Grundlage für spätere Sammlungen, darunter „Siebenbürgen, Land des Segens“ von Dr. Erich Phleps (1895-1976), Wort und Welt Verlag Innsbruck (ab 1951 in vier Auflagen erschienen), sowie „E Liedchen hälft ängden – Alte und neue Lieder aus Siebenbürgen“ (Hgg. Angelika Meltzer und Rosemarie Chrestels, 2017, 2018, 2020). Auch der Komponist und Musikforscher Hans Peter Türk griff auf Brandschs Materialien zurück und bearbeitete acht seiner überlieferten Lieder für Chor, Flöten und Orffinstrumente (Hans Peter Türk, Siebenbürgisch-sächsische Volkslieder aus der Sammlung Gottlieb Brandsch, Schiller Verlag Hermannstadt 2012, ISBN 9783941271784, 7,00 Euro). Die Musikgruppe „De Līdertrun“ ließ zahlreiche der von Brandsch bewahrten Mundartlieder und Balladen wieder erklingen. Unter siebenbuerger.de/go/2L167 finden Sie drei Aufnahmen (Singkreis Kampestweinkel, Hildegard Bergel-Boettcher, Schäßburger Kammerchor) in unterschiedlichen Textvarianten.

Einen aufschlussreichen Einblick in das Leben des Dorflehrers Alfred Ernst Ungar nach dem 1. Weltkrieg bieten seine Aufzeichnungen „Lehren – Lieben – Lehren“, Honterus-Verlag Hermannstadt 2022, ISBN 978-606-008-079-4, 19,19 Euro, www.buechercafe.ro.

Angelika Meltzer

Schlagwörter: Hegt wird gesangen, Lieder, Mundart

Bewerten:

8 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.