2. März 2026

„Das kleingewürfelte Glück“: Themenabend anlässlich des 40. Todestages von Rolf Bossert

Vor vierzig Jahren beging der sprachgewandte Lyriker und Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat Rolf Bossert Selbstmord, kurz nachdem er aus Rumänien ausgereist war. Das Deutsche Kulturforum östliches Europa und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur nahmen dies zum Anlass, am Tag genau, am 17. Februar 2026, gemeinsam einen Themenabend für ihn in Berlin zu organisieren. Der Moderator des Abends, Autor, Übersetzer und Drehbuchautor Jan Koneffke, hatte eine Zeile aus einem Bossert-Gedicht als Titel ausgewählt: „,Wo sind wir, was wir sind‘. Existieren und Schreiben in der kommunistischen Diktatur“.
Herta Müller bei ihrem Vortrag. Foto: Edith ...
Herta Müller bei ihrem Vortrag. Foto: Edith Ottschofski
Die gut besuchte Veranstaltung – im Publikum saßen so manche Schriftstellerinnen und Zeitzeugen – begann mit einem Grußwort des stellvertretenden Direktors der Bundesstiftung, Dr. Robert Grünbaum. Dieser fragte sich, wie sich Menschen durch Freiheit eine innere Freiheit bewahren können, wenn die äußere Freiheit fehlt, wie Literatur Wahrheit aussprechen kann, wenn die Wahrheit selbst gefährlich ist?

Mit leiser und eindringlicher Stimme begann Herta Müller ihren Vortrag, bei dem allein schon der Titel funkelte: „Das kleingewürfelte Glück“. Und während man noch über die Möglichkeit, das Glück kleinzuwürfeln, grübelte, betonte Dr. Grünbaum, dass es neben der Freude auch eine Ehre sei, sie dabei zu haben. Die Nobelpreisträgerin hatte den Reschitzaer Autor gut gekannt und war mit ihm befreundet. Ein weiterer Weggefährte, Ernest Wichner, ebenfalls Mitbegründer der Aktionsgruppe Banat, würde nachher auf dem Podium sitzen.

Wie sich langsam und immer poetischer das Porträt Rolf Bosserts aus den Worten Herta Müllers herausschälte, bekam man eine Ahnung von dem, was den Banater Autor ausmachte. Vor allem auch davon, was eine Diktatur aus Freigeistern macht. Müller sprach von einem Übermut im Bewusstsein der eigenen Nichtigkeit, wobei sie den Größenwahn bei den Machthabern verortete: „Die Nichtigkeit tobte sich aus, überschätzt haben sich nur die, mit der Macht in den Händen, sie besaßen den Größenwahn, der unser Leben kontrollierte.“

Der am 16. Dezember 1952 in der Hüttenstadt Reschitza geborene Rolf Bossert, einer Stadt, „in der der Himmel nicht weiter nach oben reichte als die Seilbahn“, so die Rednerin, ging mit zwanzig Jahren nach Bukarest, um dort Germanistik und Anglistik zu studieren. Nach einer kurzen Zeit als Lehrer in Buşteni kehrte er nach Bukarest zurück, war dort zeitweise wohnungslos und kam zusammen mit seiner Frau bei Freunden, manchmal in unterschiedlichen Wohnungen unter. Schließlich bekam das Paar eine Wohnung und konnte seine Kinder nachholen. Ein einschneidendes Erlebnis war jedoch, dass Bossert nicht nur von der Securitate verhört, sondern im März 1981 zusammen mit Klaus Hensel auf offener Straße zusammengeschlagen wurde – wahrscheinlich auch von deren Handlangern. Dabei zog er sich einen doppelten Kieferbruch zu und verbrachte längere Zeit im Krankenhaus, in der Chirurgie und später in der Psychiatrie. 1984 stellte er einen Ausreiseantrag, verlor prompt seine Arbeitsstelle und konnte nicht mehr veröffentlichen. Kurz vor der Ausreise, Weih- nachten 1985, beschlagnahmte die Securitate all seine Manuskripte. Acht Wochen später wurde er tot unter dem Fenster seines Aussiedlerwohnheims in Frankfurt am Main aufgefunden, die Umstände seines Todes sind bis heute ungeklärt.

Herta Müller beschrieb den Freund als lebenshungrigen Menschen, „der in den Augenblick hineinsprang“ und sich das „kleingewürfelte Glück“ schnappte, „das nicht zu halten war“. Auch beschrieb sie seine Schlagfertigkeit im Wort als Dichter.

Bossert debütierte 1979 in Rumänien mit dem Gedichtband „Siebensachen“, schrieb und übersetzte auch Kinderbücher. In Deutschland erschienen 1986 „Auf der Milchstraße wieder kein Licht“ und 2006 eine gesammelte Ausgabe seiner Gedichte, herausgegeben von Gerhardt Csejka „Ich steh auf den Treppen des Winds“ (Verlag Schöffling, Frankfurt am Main).

Herta Müller machte in seiner Literatur eine Gleichheit der Zerrissenheit aus, in der „die Trauer ins Lachen (umschlägt) und das Lachen trauert“. Nach diesem berührenden Vortrag moderierte Jan Koneffke die Diskussionsrunde, in der neben Ernest Wichner die sowohl rumänische als auch deutsche Autorin Carmen-Francesca Banciu, der gebürtige Ost-Berliner Lyriker Uwe Kolbe sowie die ungarische Autorin und Dozentin Dr. Noémi Kiss zu Gast waren. Sie alle haben einen Bezug zu Rolf Bossert und fast alle auch einen Bezug zur Diktatur.

So saßen die Menschen aus den früheren drei „Bruderländern“ zusammen und die Erfahrungen mit Unterdrückung und Diktaturen ähnelten sich auf traurige Weise, nicht nur in der Grausamkeit der Täter, sondern auch in den Schicksalen der Literaten.

Der anschließende Dokumentarfilm, für den Jan Koneffke das Drehbuch geschrieben hat, „Mein Bukarest – Jan Koneffke über Rolf Bossert“, wurde an Originalschauplätzen gedreht und versuchte nachzuempfinden, was den Lyriker umgetrieben hat.

War es nun der rumänische Geheimdienst, an dem der junge Dichter zerbrochen ist, oder die unerträgliche Freiheit der westlichen Gesellschaft? Rolf Bossert hat seine Freunde ratlos zurückgelassen und berührt die junge Leserschaft bis heute. Jährlich bewerben sich viele junge Autoren für den Gedächtnispreis, der seinen Namen trägt.

Edith Ottschofski

Die Veranstaltung ist zu sehen auf dem YouTube-Kanal der Bundesstiftung Aufarbeitung unter http://youtu.be/s3_iIzPUZRU.

Schlagwörter: Rolf Bossert, Herta Müller, Literatur

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