28. März 2026

MATRIX-Sonderheft zu Franz Hodjak: Gedichte statt Nachruf: die Syntax des Zufalls

Ein gutes Sonderheft ist nicht das, das am lautesten „Abschied!“ schreit, sondern das, das einen Autor im Moment des Verschwindens noch einmal in seiner Arbeit zeigt. Dieses MATRIX-Heft macht genau das: Es stellt Franz Hodjak nicht auf einen Sockel, sondern ins Zentrum seiner eigenen Praxis – erst die Gedichte, dann die Resonanzen darauf; und dazwischen, wie Atempausen, die Bilder von Astrid Hodjak.
Umschlag des neuen MATRIX-Sonderheftes, in dessen ...
Umschlag des neuen MATRIX-Sonderheftes, in dessen Mittelpunkt Franz Hodjak steht. Auf dem Titelbild der Autor bei einer Lesung aus Anlass der Verleihung des Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreises 2013 in Dinkelsbühl, aufgenommen von Konrad Klein (im Innenteil des Heftes eine Bildstrecke der ganzen Lesung).
Hodjaks Gedichte sind Weltbeobachtung im Modus der leisen Unbestechlichkeit. Sie nehmen den Alltag ernst – aber nicht als Idylle, sondern als Material, an dem sich das Existentielle reibt. Der „blaue Wind“ etwa treibt nicht romantisch, sondern wie ein unsichtbarer Hausmeister die Hinterlassenschaften des Lebens vor unsere Füße: Wegwerfzeichen, Zeitungsschnipsel, alte Schuhe, „ewige Lieblosigkeit“. Das ist typisch Hodjak: Er lässt das Große nicht als These auftreten, sondern als Drift im Kleinen. Das Leben stellt „aufs neue die Weichen“, trennt, was zusammengehört, führt zusammen, was nicht zusammengehört – und man versteht: Hier spricht jemand, der das Chaos nicht mehr skandalisiert, sondern registriert, mit einer Mischung aus Müdigkeit und wacher Ironie.

Diese Ironie ist nie nur Witz. Sie ist Erkenntnistechnik. In „Triptychon 9“ wird die Schöpfung als unvollendete Baustelle betrachtet, in der ständig etwas „kurzfristig einspringen“ muss. Und dann fällt der Satz, der alles ordnet und zugleich jedes Ordnungsversprechen entwertet: Egal, was passiert, es passiert nach den „exakten Berechnungen des Zufalls“. Das ist Hodjak in Reinform: eine Formulierung, die gleichzeitig tröstet und erschreckt, weil sie das Bedürfnis nach Sinn nicht verspottet, sondern ihm eine nüchterne Grammatik gibt. Und dann, als Nachsatz, diese leise Syntax des Chronologiebruchs: Morgen ist anders, als man gestern dachte – und manchmal weist gerade das Gestern weiter in die Zukunft als das Heute.

Überhaupt ist Zeit bei Hodjak kein Hintergrund, sondern ein handelndes Prinzip. Sie „geht durch uns hindurch“, sie nimmt „immer ein Stück“ mit, sie macht aus Hoffnung eine Art knappe Ressource. Aber Hodjak schreibt nicht das große, feierliche Memento mori. Er schreibt die alltägliche Erfahrung von Vergänglichkeit: auf Parkplätzen, in Cafés, in kleinen Routinen, in dem Moment, in dem man merkt, dass sogar die eigenen Sicherheiten nur Übergänge sind. Man könnte sagen: Hodjak ist der Dichter eines Aggregatzustands des Provisorischen, aber nicht mit resignierter Geste, sondern mit stoischer Genauigkeit.

Besonders deutlich wird diese Poetik im Block der Gedichte aus dem Nachlass. Hier spricht Hodjak noch einmal – und zwar mit einer Eindringlichkeit, die gerade aus ihrer Unaufgeregtheit kommt. Schon das erste Gedicht dieses Blocks beginnt wie eine schlichte Beichte: „Ich gebe zu…“ – Herbst, Rückblick, das Beobachten des Todes „bei der Arbeit“, die Frage, ob eine zweite Chance überhaupt noch eine Chance ist. Und dann dieses Bild der Welt als ein System aus Schlupflöchern: Man zwängt sich hindurch, weil die Welt „bloß aus Schlupflöchern besteht“. Das ist kein großes Finale, sondern die letzte, präzise Zuspitzung eines lebenslangen Tons: Existenz als Navigieren durch Engstellen.

Der Nachlass-Block zeigt Hodjaks Kunst, das Morbide ins Helle zu ziehen, ohne es zu verharmlosen. Er sitzt gern in alten Friedhöfen, trinkt Kaffee, spricht laut mit sich, weil hier „nichts fraglich“ und zugleich „nichts gewiss“ ist; der Tod gibt den Dingen „den Zauber zurück“, den draußen die Welt ihnen genommen hat – und mitten hinein in diese metaphysische Ruhe platzt eine konkrete Miniatur des Lebens (Blumen werden von Gräbern genommen, um Geburtstagstische zu schmücken). Hodjak kann das – das Sakrale und das Alltägliche so eng verschalten, dass kein Pathos übrig bleibt, nur ein präziser, fast zärtlicher Realismus.

Auch die anderen Nachlassgedichte arbeiten mit solchen Kippmomenten. Da ist das Jahr, in dem man „wie der Zahn der Zeit“ aussieht, dem wieder ein Stück abgebrochen ist; da ist Hoffnung als „Änderungsschneiderei“, die Glück verlängern und Unglück verkürzen könnte – nur kennt niemand die Adresse dieser Werkstatt. Da ist „etwas“, das unruhig zwischen den Augen hin- und hergeht und nicht findet, was es sucht: eine Art inneres Tier der Unruhe. Und schließlich: Hoffnung selbst, die sich „gehen lässt“, schlampig, und doch als Medium, durch das Möglichkeiten Wirklichkeit werden wollen. Diese Gedichte sind nicht „letzte Worte“, sondern letzte Präzision: der Versuch, den Rest Bestand zu benennen, ohne ihn zu vergolden.

Zu den Gedichten kommen die Kommentare – und das Heft macht hier etwas Kluges: Es legt sich nicht fest auf eine Deutung, sondern baut einen Resonanzraum aus unterschiedlichen Annäherungen. Immer wieder wird sichtbar, wie Hodjaks Schreiben aus einer Erfahrung von politischer Enge und sprachlicher Wachsamkeit kommt: Doppelbödigkeit, Allegorie, das Rechnen damit, dass Leser zwischen den Zeilen hören können. Zugleich wird betont, dass Hodjak diese Verfahren nicht abgelegt hat, sondern in die Gegenwart hinübergerettet: als eine Art überlebenskluge Poetik, die nie doziert, aber oft wie nebenbei „die Schuppen von den Augen“ fallen lässt. Diese Kommentierungen wirken am stärksten dort, wo sie nicht erklären wollen, sondern das Staunen über die Treffsicherheit dieser Gedichte erneuern.

Es deuten, kommentieren und gedenken: Traian Pop Traian (Editorial), Edith Ottschofski, Georg Aescht, Edith Konradt, Walter Fromm, Theo Breuer, Axel Helbig, Horst Samson und Matthias Buth.

Und dann sind da die Bilder von Astrid Hodjak, die den Band nicht „illustrieren“, sondern rhythmisieren. Sie erscheinen als Mischtechniken, oft in zerklüfteten Farbräumen, zwischen Struktur und Auflösung, mit Überlagerungen, Leerstellen, Zäsuren – Bilder als Niederschläge von Eindrücken und Empfindungen, nicht als Abbilder. Astrid Hodjak beschreibt den Prozess als Offenlassen: Zufälle werden zu Wegweisern, Überlagerungen zu Erinnerungen, Leerstellen zu Räumen des Atmens. Genau so wirken die Arbeiten im Heft: als visuelle Atemzüge, die das Gedicht nicht festnageln, sondern seine Schwebezustände sichtbar machen. Besonders schön ist, wenn Text und Bild direkt nebeneinanderstehen: Dann wird klar, dass beide Sprachen – die poetische und die malerische – aus derselben Grundhaltung kommen: Konzentration statt Dekoration.

Am Ende bleibt ein Heft, das nicht „Gedenken“ spielt, sondern Lesen erzwingt – im guten Sinn. Es zeigt Franz Hodjak als Dichter der Erdenschwere ohne Schwermut, als Meister der lakonischen Wendung, der dem Zufall ins Gesicht sieht und trotzdem – fast schon leise-verschämt – an einer kleinen inneren Landebahn festhält.

Walter Fromm

MATRIX – Zeitschrift für Literatur und Kunst, Nr. 3/2025(81). ISSN: 1861-8006, 202 Seiten, 15,00 Euro. MATRIX – Zeitschrift für Literatur und Kunst ist eine überregionale deutsche Literaturzeitschrift, die seit 2005 viermal im Jahr in der Edition MATRIX, einer Veröffentlichung des Ludwigsburger POP-Verlags, erscheint.

Schlagwörter: Zeitschrift, Hodjak, Lyrik

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