4. Februar 2026

„althin“ – ein Gedicht von Frieder Schuller

Literaturmenschen, wenn sie sich denn respektieren, schicken sich gelegentlich Gedichte zu. So geschah es, dass ich nach einem Besuch in Maulbronn Frieder Schuller ein spontan entstandenes Gedicht zusandte. Es geschah, dass Frieder Schuller mir nun nach Neujahr eine Mail schickte, darin das neben stehende Gedicht ...
Der Titel „althin“ öffnet einen Resonanzraum, der das gesamte Gedicht still unterlegt und seine Bewegungen deutlicher konturiert. Er wirkt wie ein altes, fast vergessenes Wort, das zugleich vertraut und fremd klingt. In seiner Kürze und Härte trägt es etwas Archaisches, etwas, das aus einer früheren Sprachschicht herüberweht. Gerade dadurch bildet es einen Kontrapunkt zu den zarten, beweglichen Bildern des Gedichts. „Althin“ lässt sich als eine Art Verdichtung von „allenthalben“, „allzeit“, „allhier“ oder „allhin“ hören – ein Wort, das Richtung, Zeit und Herkunft zugleich andeutet, ohne sich festzulegen. Es klingt wie ein Ort, der keiner ist, wie ein Zustand, der nicht mehr ganz erreichbar ist. In diesem Schwebezustand passt es genau zu der Bewegung, die das Gedicht beschreibt: ein tastendes Zurückgehen in die Kindheit, ein vorsichtiges Wiederbetreten eines Raumes, der nicht mehr derselbe ist.
Der Schriftsteller und Filmemacher Frieder ...
Der Schriftsteller und Filmemacher Frieder Schuller bei der Filmvorführung "Der Glockenkäfer" in Düsseldorf-Garath. Foto: Rainer Lehni
Das Gedicht entfaltet sich wie ein leiser innerer Film, in dem Erinnerungen, Festtagsrituale und eine fast traumhafte Bildlogik ineinander übergehen. Gleich zu Beginn setzt das lyrische Ich einen Ton aus Scheu und Erwartung: „mit lampenfieber / such ich einen logenplatz im kinderzimmer“. Diese beiden Zeilen öffnen einen Raum, in dem Kindheit nicht einfach erinnert, sondern wie ein Theaterstück betreten wird. Der „Logenplatz“ verweist auf Distanz und Beobachtung, das „Kinderzimmer“ auf Intimität und Ursprung. Zwischen beiden entsteht Spannung. Wenn es dann heißt, „es gab da einen vorhang / und ich fürchte er wird heute reissen“, wird die Zerbrechlichkeit dieser inneren Bühne sichtbar. Der Vorhang ist die dünne Membran zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen Festtagszauber und der Angst, dass dieser Zauber nicht mehr trägt.

Die folgenden Bilder bewegen sich wie eine nächtliche Prozession durch diesen Raum. Besonders eindrücklich ist die Personifikation des Festes, wenn „auf zähenspitzen geht ein weihnachtesbaum / vorbei in die nacht“. Der Weihnachtsbaum schleicht sich davon, als wäre er eine Figur, die ihren Auftritt beendet hat. Ihm folgen „erinnerungen im maisblätterschuh“, ein Bild, das archaische, ländliche Kindheit evoziert und zugleich eine gewisse Verletzlichkeit trägt. Auch der Engel, der „seine zelte abbricht“, verstärkt das Motiv des Abzugs: Die festlichen Gestalten verlassen die Szene, das Ritual löst sich auf.

Kurz scheint das Fest noch einmal aufzuleuchten, wenn es heißt, „doch das fest wartet auf gäste“, doch dieser Moment hält nicht. Das Fest „verschwindet dann wie ein blasser mond“, ein Vergleich, der die Flüchtigkeit und das Verblassen der festlichen Stimmung betont. Zurück bleiben nur die Kerzen, die „als siebenschläfer“ leuchten – ein paradoxes, poetisches Bild, das Licht und Schlaf, Wachsein und Rückzug miteinander verschränkt. Die Kerzen sind die letzten Hüter einer Wärme, die bereits im Verschwinden begriffen ist. Besonders zart ist die Bewegung des „goldenen strichs im schnee“, der „heim / ins farblose“ geht. Das Goldene – Symbol für Glanz, Festlichkeit, Kindheitsmagie – zieht sich zurück in eine farblose Welt, die nüchterner wirkt, erwachsener. Dass dieser Strich dennoch „winkt komm mit“, verleiht dem Gedicht eine leise Ambivalenz: Die Erinnerung ruft, aber wohin? In die Vergangenheit, in die Nacht, in eine innere Landschaft, die nicht mehr ganz bewohnbar ist.

Der Schluss führt diese Ambivalenz in eine existenzielle Dimension. Das Bild vom „gänseschritt hinter dem christkind“ wirkt zugleich liebevoll und unbeholfen, als folge man einem Glauben, der nicht mehr selbstverständlich ist. Dann tritt „ein dunkler schwan“ auf, ein Symbol, das Schwere, Unvorhersehbarkeit oder Trauer tragen kann. Mit der letzten Zeile, „und das jahr / wird kommen ohne notausgang“, kippt das Gedicht endgültig aus der Sphäre des Festlichen in eine nüchterne Erkenntnis: Das neue Jahr ist unausweichlich, es bietet keine Hintertür, keinen Fluchtweg. Die Kindheitsmagie ist verflogen, und was bleibt, ist der Weg nach vorn – ohne Ausweg, aber mit der stillen Würde der Bilder, die das Gedicht hinterlässt.

Josef Balazs




Lesen Sie im Folgenden das Gedicht


Frieder Schuller


althin

mit lampenfieber
such ich einen logenplatz im kinderzimmer
es gab da einen vorhang
und ich fürchte er wird heute reissen
auf zähenspitzen geht ein weihnachtesbaum
vorbei in die nacht
gefolgt von erinnerungen im maisblätterschuh
ein erster engel bricht seine zelte ab
doch das fest wartet auf gäste
verschwindet dann wie ein blasser mond
nur kerzen leuchten noch als siebenschläfer
der goldene strich im schnee geht heim
ins farblose und winkt komm mit
im gänseschritt hinter dem christkind
ein dunkler schwan und das jahr
wird kommen ohne notausgang

Schlagwörter: Schuller, Gedicht, Lyrik, Balazs

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