Am ersten Februarwochenende, Sonntagabend, begrüßte Studienleiter Gustav Binder in der Bildungs- und Begegnungsstätte „Der Heiligenhof“ in Bad Kissingen die 50 Teilnehmer des Seminars „Siebenbürgen, Banat und Altrumänien. Eine Spurensuche in Wort und Bild“. Wenn Siebenbürgen und Banat sich begegnen und ihre gemeinsame Vergangenheit als Teil des k.u.k.-Bereichs aufarbeiten, dann stehen historische und aktuelle Entwicklungen sowie das Kulturerbe der Regionen Siebenbürgen, Banat und Altrumänien im Mittelpunkt.
Wissenschaftler aus Deutschland, Rumänien und der Schweiz boten unterschiedliche Perspektiven und fundierte Einblicke in Vergangenheit und Gegenwart dieser historischen Regionen und ihrer Geschichte. Dagmar Dusil aus Bamberg/Hermannstadt eröffnete den Abend mit einer Lesung aus ihrem Roman „Das Geheimnis der stummen Klänge“, der sich mit dem langen Prozess der Vergangenheitsbewältigung beschäftigt.
Der erste Seminartag begann mit einem Vortrag von Dr. Dietmar Gross, Lichtenfels/Deutsch-Weißkirch, der das Publikum in die faszinierende Naturlandschaft Rumäniens mit seiner Bild- und Wortpräsentation „Naturräume Rumäniens“ entführte. Als erfahrener Natur-Reiseführer, der bei der bayerischen Forstverwaltung tätig war und mehr als 1 800 Touren durch den Karpatenraum, das Donaudelta auf dem Territorium Rumäniens in all den Jahren nach der Wende führte, zeigte er Streifzüge zu den Sehenswürdigkeiten des Landes: von der Maramuresch, Oberwischau, den Urwäldern Slătioara, Strâmba, den Eichenwäldern des Mureschtals, dem Buchenurwald, den Nera-Quellen, den Moorgebieten und Schlammvulkanen von Buzău bis zu den Ost- und Südkarpaten, den elf Nationalparks des Landes sowie dem Donaudelta mit seiner Fauna und Flora.
Seminarteilnehmer mit Gustav Binder beim Besuch von Bad Kissingen
Es folgte der Vortrag der Handwerkerschule aus Bayern (www.handwerkerschule.eu), die in Siebenbürgen tätig ist, präsentiert von ihrem Leiter Wolfgang Weigl. Im Workcamp in Martinsdorf sind jeden Sommer Jugendliche bei der Renovierung der Kirchenburg tätig. Unter Anleitung von Fachleuten und einer Sozialpädagogin wird das siebenbürgische Kulturgut für die Nachwelt nachhaltig zugänglich gemacht. Eine Sommerschule ähnlicher Art wurde von Alexander Kloos aus der Schweiz mit zahlreichen Bildern und Plänen vorgestellt. Die praktische Arbeit am Objekt mit Putz, Malerei, Architektur, Restauration erzielte gute Ergebnisse. Mehr als 120 Studierende aus acht Ländern nahmen bisher teil. Ihr Einsatzort war Schmiegen (Şmig), wo Bausubstanz gesichert und Fachnetzwerk hergestellt wurde. Etwa 70 Hochschulen für Kunst und Restaurierung in Europa nehmen teil. Die Studenten haben die Möglichkeit zu einer einmaligen Arbeit mit dem Motto „Erhalten durch Konservieren“ an mittelalterlicher Originalsubstanz, die es in Europa sonst kaum noch gibt. „Die von der EU unterstützten Workcamps machten deutlich, wie engagiert Jugendliche mitarbeiten. Besonders motivierend ist für sie das Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe erfolgreich zu erfüllen“, so Kloos.
Der dritte Seminartag stand im Zeichen des Banats und bewegender Zeitzeugenberichte. Katharina Kilzer las aus dem Buchprojekt „Die Deutschen aus dem Banat und ihre Geschichten“. Persönliche Erlebnisse schilderten unter anderem Bischof Sebastian Kräuter, der Banater Forumsvorsitzende Dr. Johann Fernbach sowie Christina Renard und Ana Cocron mit französischen Wurzeln. Auch die Banater Berglanddeutschen, darunter Böhmen aus Wolfsberg, Weidenthal und Lindenfels, blickten auf ihre ereignisreiche Vergangenheit zurück – wie die Banater Schwaben verließen sie schließlich ihre Heimat. Horst Samson, Dichter und Journalist, präsentierte sein Essay über Heimat. Heimat bedeutet für Menschen Unterschiedliches; sie bleibt bestehen, teils als Utopie. Sie begleitet uns wie ein Manifest und Schatten – überallhin. Nach Heidegger könnte Heimatlosigkeit ein globales Phänomen sein. Für Samson ist Heimat mehr als Ort oder Sprache.
Unter den Gästen des Seminars war eine Gruppe Schüler und Lehrer des deutschen Gymnasiums „Liviu Rebreanu“ in Bistritz. Das frühere Gymnasium mit dem ersten Schulleiter Josef Fischer blickt auf eine lange Tradition zurück. Deutsch ist immer noch Unterrichtssprache. Das aus der österreichisch-ungarischen Zeit stammende Schulgebäude war ursprünglich ein lutherisches Gymnasium und wurde während des Königreichs Rumänien in eine rumänische Schule umgewandelt. Nach der Renovierung konnten die Schüler die Schule seit 2025 nutzen, wie im gezeigten Film ersichtlich.
Als einer der bedeutendsten Gäste berichtete der Abgeordnete Ovidiu Ganţ über Situation und Anliegen der deutschen Minderheit. Den Teilnehmern erläuterte er ausführlich seine Rolle als Vertreter dieser Gemeinschaft im rumänischen Parlament und seine Aufgaben in den Bereichen Bildung, Kultur sowie Restitution und Entschädigung der Deportierten. Der Parlamentarier aus Detta hat bereits mit drei Staatspräsidenten und sieben Premierministern zusammengearbeitet. Die zahlreichen Fragen verdeutlichten das große Interesse der Anwesenden an diesen Themen.
Am letzten Tag stand die Präsentation der Kunstfotografien von Toni Pal aus Bistritz im Mittelpunkt: Unter dem Titel „Der Mensch, das Land, die Ewigkeit“, vorgestellt von Hermine Pal, wurden eindrucksvolle Alltagsszenen und Porträts gezeigt. Professor Dr. Frank-Lothar Kroll referierte zudem über das Haus Hohenzollern-Sigmaringen und den letzten rumänischen König Michael I.
Viel Aufmerksamkeit erhielt auch der Vortrag von Mathias Beer aus Tübingen zur Geschichte der Landler, den Transmigranten in Siebenbürgen, die sich besonderen Herausforderungen bei der Besiedlung gegenübersahen. Abgerundet wurde die Vortragsreihe durch filmische Beiträge von Peter Miroschnikoff und Christel Ungar-Ţopescu über Siebenbürgen, Bistritz und das Banat. Themen waren unter anderem der 90. Geburtstag Eginald Schlattners, die Kirchenrestaurierung in Bistritz sowie das Banatschwäbische Museum in Charlottenburg. Abschließend diskutierten die Teilnehmer die gewonnenen Erkenntnisse und Möglichkeiten zum Erhalt kultureller Werte in Minderheitengebieten.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist
nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.