23. April 2026
Geschichten über Trachten, Hanf und Rama-Schachteln: Aufschlussreiches Kulturreferentenseminar
Wann waren Sie das letzte Mal in einer Ausstellung? Wie sind Sie daraus nach Hause gegangen? Informiert, nachdenklich oder eher angeregt? Ausstellungen können einiges in uns auslösen, wenn sie gut gemacht sind. Wie man möglichst viel aus siebenbürgisch-sächsischen Trachtenecken & Co. rausholen kann und was es zu beachten gibt, war Thema beim Kulturreferentenseminar „Die Kunst des Ausstellens“ vom 20.-22. März im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) in Ulm.

Wie wäre es demgegenüber mit Geschichten im Stile von: „Wegen des herrschenden Mangels in den 1970ern war kein schwarzes Garn mehr erhältlich, und Katharina Schuster musste den Kissenbezug mit dunkelgrauem Faden fertig sticken.“ Oder: „Nachdem die zwölfjährige Maria Fleischer das Muster schon viermal unter Tränen wieder aufgetrennt hatte, nahm ihr Vater es ihr aus der Hand und stickte es kurzerhand für sie fertig.“ Persönliche Geschichten helfen, den Gegenstand besser zu begreifen und uns emotional zu berühren. Zu den wichtigsten Lehren des Seminars gehört also eindeutig: Wir müssen (und können!) mehr Geschichten erzählen. Was wissen wir über den Menschen hinter dem Objekt? Wie nutzte er das Objekt und welche Bedeutung hatte es für ihn?
Während Henrike Hampe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DZM, sich in ihrem Workshop insbesondere auf das biografische Arbeiten konzentrierte und aufzeigte, wie viel eine (Frauen-)Tracht jenseits der Materialkunde noch alles erzählen kann, gab Dr. Stefanje Weinmayr den Teilnehmenden eine grundlegende Einführung ins Ausstellungsmachen. Als Referentin der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern ist sie es gewohnt, Laien kurz und verständlich die wesentlichen Fragen zur Gestaltung einer gelungenen Ausstellung mitzugeben: Was? Warum? Für wen? Die drei Fragen klingen reichlich banal, häufig wird es aber doch unterlassen, sich die Zielgruppe genauer anzusehen und sich über die beabsichtigte Wirkung bzw. die zentrale Botschaft der Ausstellung Gedanken zu machen. Die Erzählung und die Bezüge zwischen den Objekten sind jedoch mindestens genauso wichtig wie die Präsentation der Objekte auf Augenhöhe und die Schriftgröße der Begleittexte.
Was Dr. Weinmayer den Teilnehmenden darüber hinaus mitgegeben hat: Weniger ist mehr! Auch wenn es uns allen schwerfällt, Objekte abzulehnen und auszusortieren, so führt doch kein Weg daran vorbei, wenn die Ausstellung aussagekräftig sein und eine Geschichte erzählen soll. Ein weiterer Trumpf ist es, neben der Präsentation auch Möglichkeiten der Partizipation zu bieten. Ob das nun Stationen zum Ausprobieren, Anfassen und Mitmachen sind oder der Aufruf, sich mit seiner eigenen Geschichte einzubringen: Wer mitmachen kann, verankert das Gesehene besser im Gedächtnis. Zudem können diese Erinnerungen und Erfahrungen die aktuelle oder zukünftige Ausstellung bereichern. Ganz wichtig ist beim Sammeln dieser Erzählungen jedoch, dass sie ordentlich dokumentiert werden – und dass man sich die Genehmigung einholt, die Geschichten später zu verwenden.

Nicht zuletzt mit Blick auf unsere jüngeren Besucher sollten wir uns nämlich fragen: Können die zum bäuerlichen Leben in Siebenbürgen eine Beziehung aufbauen? Reichen denen Tracht und Hanf oder brauchen sie andere, aktuellere Elemente, um ein Verständnis für das Verhalten und die Weltsicht ihrer (Groß-)Eltern zu entwickeln? Natürlich gibt es auch heute 40-jährige Großstadtbewohner, die sich für das Weinkeltern interessieren. Andere fragen sich jedoch vielmehr: Was hatte es mit den Halstüchern der Pioniere auf sich? Und welches Kleidungsstück eignete sich am besten, um Lebensmittel aus dem Betrieb zu stehlen?
Dass wir uns besser nicht nur auf das Leben im Dorf konzentrieren sollten, merkte Dr. Swantje Volkmann, die Kulturreferentin für den Donauraum am DZM, bereits am ersten Abend an – und eröffnete damit für den Rest des Wochenendes wichtige Perspektiven. Ihrer Einladung an die Bundeskulturreferentin unseres Verbandes war es auch zu verdanken, dass die Siebenbürger Sachsen überhaupt zu Gast bei den Donauschwaben waren. Mit kurzweiligen Führungen durch die Ausstellungen zur donauschwäbische Geschichte sowie zur Donau sorgte sie dafür, dass wir den Blick über den Karpatenbogen warfen und in andere Welten eintauchten. Walter Tonțas Vorstellung des Kultur- und Dokumentationszentrum der Landsmannschaft der Banater Schwaben rundete das Wochenende mit Infos und Gesprächen über die Strukturen jener Landsmannschaft, die uns bis heute am nächsten steht, ab.

Donauschwäbische Geschichten, nette Kontakte, neue Erkenntnisse, interessante Anregungen und Impulse, die noch eine ganze Weile nachhallen: Von diesem intensiven und zugleich äußerst abwechslungsreichen Wochenende in Ulm konnten die Teilnehmenden viel mitnehmen. Auf die Umsetzung in den Kreis- und Landesgruppen bin ich extrem gespannt! Dem Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen sei für die Förderung aus Mitteln des Bayerischen Sozialministeriums herzlich gedankt.
Ich für meinen Teil habe in Ulm nicht nur enorm viel gelernt und gleichermaßen amüsante wie unglaubliche Anekdoten gehört, sondern mir auch ein neues Ziel gesteckt: Ab heute wird mitgeschrieben! Ich will in Zukunft nicht nur die Fragen notieren, die mir über meine Herkunft bzw. Herkunftsregion gestellt werden, um festzuhalten, was die Leute eigentlich an den Siebenbürger Sachsen interessiert. Ich will daneben auch Geschichten sammeln. Geschichten aus einer Zeit, die ich knapp verpasst habe, die aber deutliche Spuren in unserem Familienleben und unserer Familienüberlieferung hinterlassen hat. Den Anfang macht nun eine Sammlung von Kleidungsstücken, mit denen in den Jahren des Mangels Lebensmittel vom Feld oder der Arbeitsstelle gestohlen wurden: Karotten im Stiefel, Äpfel im Rocksaum, Trauben in der Pluderhose, Butter unterm Helm, Schnaps unterm BH, Zwiebeln in den Socken unter der Schlaghose … Fortsetzung folgt.
Dagmar Seck
Schlagwörter: Kulturreferenten, Seminar, Trachten
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