23. April 2026

Geschichten über Trachten, Hanf und Rama-Schachteln: Aufschlussreiches Kulturreferentenseminar

Wann waren Sie das letzte Mal in einer Ausstellung? Wie sind Sie daraus nach Hause gegangen? Informiert, nachdenklich oder eher angeregt? Ausstellungen können einiges in uns auslösen, wenn sie gut gemacht sind. Wie man möglichst viel aus siebenbürgisch-sächsischen Trachtenecken & Co. rausholen kann und was es zu beachten gibt, war Thema beim Kulturreferentenseminar „Die Kunst des Ausstellens“ vom 20.-22. März im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) in Ulm.
So große Ausstellungsstücke hat man freilich ...
So große Ausstellungsstücke hat man freilich selten: Teilnehmende und Referentinnen des Kulturreferentenseminars vor und in einer Ulmer Schachtel. Foto: Philipp Zanker
Wobei wir auch schon beim ersten, na ja, „Problem“ wären, und zwar bei der Tracht. Sie ist unbestritten das beliebteste Teil, das die Siebenbürger Sachsen herzeigen, wenn es darum geht, sich zu präsentieren. Ebenfalls recht weit oben rangieren Stickereien und andere Handarbeiten. „Leider“ sind diese Sachen derart wertvoll, kunstvoll gefertigt und schön anzusehen, dass wir am Ende allzu gerne vergessen, dass der schiere Anblick unserer Schätze nicht ausreichend ist – jedenfalls nicht, wenn unser Anspruch ist, dass wir dem Betrachter auch etwas vermitteln. Was sagt es über unser Selbstverständnis oder unsere Geschichte aus, wenn wir neben ein Kleidungsstück schreiben: „Leinen, weiß, rot bestickt, 19. Jahrhundert, Teil der Frauentracht“? Eher wenig, oder?

Wie wäre es demgegenüber mit Geschichten im Stile von: „Wegen des herrschenden Mangels in den 1970ern war kein schwarzes Garn mehr erhältlich, und Katharina Schuster musste den Kissenbezug mit dunkelgrauem Faden fertig sticken.“ Oder: „Nachdem die zwölfjährige Maria Fleischer das Muster schon viermal unter Tränen wieder aufgetrennt hatte, nahm ihr Vater es ihr aus der Hand und stickte es kurzerhand für sie fertig.“ Persönliche Geschichten helfen, den Gegenstand besser zu begreifen und uns emotional zu berühren. Zu den wichtigsten Lehren des Seminars gehört also eindeutig: Wir müssen (und können!) mehr Geschichten erzählen. Was wissen wir über den Menschen hinter dem Objekt? Wie nutzte er das Objekt und welche Bedeutung hatte es für ihn?

Während Henrike Hampe, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DZM, sich in ihrem Workshop insbesondere auf das biografische Arbeiten konzentrierte und aufzeigte, wie viel eine (Frauen-)Tracht jenseits der Materialkunde noch alles erzählen kann, gab Dr. Stefanje Weinmayr den Teilnehmenden eine grundlegende Einführung ins Ausstellungsmachen. Als Referentin der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern ist sie es gewohnt, Laien kurz und verständlich die wesentlichen Fragen zur Gestaltung einer gelungenen Ausstellung mitzugeben: Was? Warum? Für wen? Die drei Fragen klingen reichlich banal, häufig wird es aber doch unterlassen, sich die Zielgruppe genauer anzusehen und sich über die beabsichtigte Wirkung bzw. die zentrale Botschaft der Ausstellung Gedanken zu machen. Die Erzählung und die Bezüge zwischen den Objekten sind jedoch mindestens genauso wichtig wie die Präsentation der Objekte auf Augenhöhe und die Schriftgröße der Begleittexte.

Was Dr. Weinmayer den Teilnehmenden darüber hinaus mitgegeben hat: Weniger ist mehr! Auch wenn es uns allen schwerfällt, Objekte abzulehnen und auszusortieren, so führt doch kein Weg daran vorbei, wenn die Ausstellung aussagekräftig sein und eine Geschichte erzählen soll. Ein weiterer Trumpf ist es, neben der Präsentation auch Möglichkeiten der Partizipation zu bieten. Ob das nun Stationen zum Ausprobieren, Anfassen und Mitmachen sind oder der Aufruf, sich mit seiner eigenen Geschichte einzubringen: Wer mitmachen kann, verankert das Gesehene besser im Gedächtnis. Zudem können diese Erinnerungen und Erfahrungen die aktuelle oder zukünftige Ausstellung bereichern. Ganz wichtig ist beim Sammeln dieser Erzählungen jedoch, dass sie ordentlich dokumentiert werden – und dass man sich die Genehmigung einholt, die Geschichten später zu verwenden.
Die Kulturreferentin für den Donauraum, Dr. ...
Die Kulturreferentin für den Donauraum, Dr. Swantje Volkmann, führte die Gäste durch die sehenswerte Dauerausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum. Foto: Dagmar Seck
Fragen stellen und Geschichten sammeln, da denkt man sofort an die Großelterngeneration, die noch eine Welt erlebt hat, die es so heute nicht mehr gibt, oder? Das siebenbürgische Dorf, das Vieh, die Weinherstellung, die Hanfbearbeitung, der Abend in der Rokestuw… Doch wissen Sie, welche Welt heute ebenfalls nicht mehr existiert? Die des sozialistischen Rumäniens. Wer heute in seinen 50ern oder 60ern ist, ist bereits Zeitzeuge und hat Dinge erlebt, die bisher nur ziemlich schlecht dokumentiert sind. Sie haben Siebenbürgen als Jugendlicher oder als junger Erwachsener erlebt? Fühlen auch Sie sich angesprochen und halten Sie Ihre Erinnerungen und Geschichten aus dem Alltag bitte fest! Welchen (symbolischen) Wert hatte eine Rama-Schachtel aus Deutschland in den 1980ern? Was haben Sie in der Schule oder an der Arbeitsstätte alles erlebt? Was war in Ihrer Auswandererkiste? Ausstellungsobjekte aus der Zeit vor der Wende zu finden, ist unter Umständen nicht so einfach, Fotos gibt es dafür umso mehr. Die Geschichten sind in jedem Fall erzählenswert!

Nicht zuletzt mit Blick auf unsere jüngeren Besucher sollten wir uns nämlich fragen: Können die zum bäuerlichen Leben in Siebenbürgen eine Beziehung aufbauen? Reichen denen Tracht und Hanf oder brauchen sie andere, aktuellere Elemente, um ein Verständnis für das Verhalten und die Weltsicht ihrer (Groß-)Eltern zu entwickeln? Natürlich gibt es auch heute 40-jährige Großstadtbewohner, die sich für das Weinkeltern interessieren. Andere fragen sich jedoch vielmehr: Was hatte es mit den Halstüchern der Pioniere auf sich? Und welches Kleidungsstück eignete sich am besten, um Lebensmittel aus dem Betrieb zu stehlen?

Dass wir uns besser nicht nur auf das Leben im Dorf konzentrieren sollten, merkte Dr. Swantje Volkmann, die Kulturreferentin für den Donauraum am DZM, bereits am ersten Abend an – und eröffnete damit für den Rest des Wochenendes wichtige Perspektiven. Ihrer Einladung an die Bundeskulturreferentin unseres Verbandes war es auch zu verdanken, dass die Siebenbürger Sachsen überhaupt zu Gast bei den Donauschwaben waren. Mit kurzweiligen Führungen durch die Ausstellungen zur donauschwäbische Geschichte sowie zur Donau sorgte sie dafür, dass wir den Blick über den Karpatenbogen warfen und in andere Welten eintauchten. Walter Tonțas Vorstellung des Kultur- und Dokumentationszentrum der Landsmannschaft der Banater Schwaben rundete das Wochenende mit Infos und Gesprächen über die Strukturen jener Landsmannschaft, die uns bis heute am nächsten steht, ab.
Beim praktischen Ausprobieren wird klar: Eine ...
Beim praktischen Ausprobieren wird klar: Eine Frauentracht stellt nicht immer nur ein Objekt mit einer Geschichte dar, manchmal besteht sie aus sieben Objekten mit sieben Geschichten. Foto: Heike Mai-Lehni
Das Seminar endete mit einer praktischen Übung: Alleine oder in Kleingruppen sollten die Teilnehmenden ein oder zwei ihrer mitgebrachten Objekte präsentieren – so, als seien sie Teil einer Ausstellung, d.h. auch mit der Idee für einen Begleittext. An dieser Stelle zeigte sich noch einmal, vor welchen Herausforderungen Laien wie Profis stehen: Was genau soll der Besucher an dieser Stelle über die Siebenbürger Sachsen erfahren? Welcher Aspekt der Objektgeschichte ist erzählenswert? Wie beschränkt man sich aufs Wesentliche? Und ganz wichtig: Kann es sein, dass wir häufig Dekoration und Ausstellung verwechseln?

Donauschwäbische Geschichten, nette Kontakte, neue Erkenntnisse, interessante Anregungen und Impulse, die noch eine ganze Weile nachhallen: Von diesem intensiven und zugleich äußerst abwechslungsreichen Wochenende in Ulm konnten die Teilnehmenden viel mitnehmen. Auf die Umsetzung in den Kreis- und Landesgruppen bin ich extrem gespannt! Dem Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen sei für die Förderung aus Mitteln des Bayerischen Sozialministeriums herzlich gedankt.

Ich für meinen Teil habe in Ulm nicht nur enorm viel gelernt und gleichermaßen amüsante wie unglaubliche Anekdoten gehört, sondern mir auch ein neues Ziel gesteckt: Ab heute wird mitgeschrieben! Ich will in Zukunft nicht nur die Fragen notieren, die mir über meine Herkunft bzw. Herkunftsregion gestellt werden, um festzuhalten, was die Leute eigentlich an den Siebenbürger Sachsen interessiert. Ich will daneben auch Geschichten sammeln. Geschichten aus einer Zeit, die ich knapp verpasst habe, die aber deutliche Spuren in unserem Familienleben und unserer Familienüberlieferung hinterlassen hat. Den Anfang macht nun eine Sammlung von Kleidungsstücken, mit denen in den Jahren des Mangels Lebensmittel vom Feld oder der Arbeitsstelle gestohlen wurden: Karotten im Stiefel, Äpfel im Rocksaum, Trauben in der Pluderhose, Butter unterm Helm, Schnaps unterm BH, Zwiebeln in den Socken unter der Schlaghose … Fortsetzung folgt.

Dagmar Seck

Schlagwörter: Kulturreferenten, Seminar, Trachten

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