Lehrreicher Vortrag von Dr. Florian Kührer-Wielach im Haus des Deutschen Ostens in München
Der Saal im Haus des Deutschen Ostens in München war gut gefüllt am Abend des 13. März, als Florian Kührer-Wielach zu erzählen begann und die zahlreich erschienenen Gäste mitnahm auf eine Reise durch die Geschichte der deutschen Minderheiten in Rumänien. Im Mittelpunkt des Vortrags standen neben den Siebenbürger Sachsen vor allem auch weniger bekannte Gruppen wie die Landler, Zipser, Banater und Sathmarer Schwaben, Banater Berglanddeutschen sowie die Deutschen in Bessarabien, der Dobrudscha und der Bukowina.
Dr. Dr. h.c. Florian Kührer-Wielach, Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas (IKGS) an der LMU München, ist Historiker und ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet. In seinem Vortrag gab er einen fundierten Überblick über die Ansiedlung von Deutschen in Großrumänien und erläuterte anschaulich die historischen Hintergründe. Dabei ging er auf die verschiedenen deutschen Minderheiten ein, veranschaulichte anhand von Karten ihre Herkunft, Wanderungsbewegungen und zeitliche Einordnung der Siedlungen und hob die unterschiedlichen Prägungen der Gruppen hervor.
Der Referent Florian Kührer-Wielach mit Christine Hauptkorn (links) und Martina Schorsten von der Kreisgruppe München.
Foto: privat
Vereinfacht lassen sich zwei größere „Wellen“ deutscher Ansiedlung in den heutigen rumänischen Gebieten unterscheiden: Die erste startete bereits im Mittelalter, als Deutsche aus dem Rheinland sowie aus dem Gebiet links des Rheins der Einladung des ungarischen Königs folgten und sich innerhalb des Karpatenbogens ansiedelten. Dies waren bekanntermaßen die Vorfahren der heutigen Siebenbürger Sachsen. Sie sollten unter anderem das Gebiet wirtschaftlich erschließen sowie es gegen Angriffe verteidigen und erhielten im Gegenzug einige Privilegien, die ihre wirtschaftliche und kulturelle Selbstverwaltung sicherten. Ebenfalls in diesem Zeitraum ließen sich deutsche Siedler in der Zips, die damals im Norden des Königreichs Ungarn lag, nieder. Das Gebiet gehört heute zur Slowakei. Sie sollten im Bergbau mitwirken, wodurch sie zusätzlich auch im Banater Bergland zu finden waren.
Die zweite große Siedlungsbewegung begann im 18. Jahrhundert, als die Landler aus Oberösterreich vertrieben wurden und sich inmitten der Siebenbürger Sachsen niederließen, da sie als Protestanten im Zuge der Rekatholisierung des Habsburgerreichs umgesiedelt und in diesem Gebiet am Rand der Donaumonarchie zwangsangesiedelt wurden.
Im Banat waren sowohl Banater Berglanddeutsche als auch die zur Volksgruppe der Donauschwaben gehörenden Banater Schwaben ansässig. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich voneinander durch Herkunft, Siedlungsorte und Sprache. Während die Banater Berglanddeutschen aus Oberösterreich, der Steiermark und Böhmen stammten und sich im südlichen Teil des Banats, dem Bergland, ansiedelten, emigrierten die Banater Schwaben vorwiegend aus Süd- und Mitteldeutschland und ließen sich in der Tiefebene entlang der Donau nieder. Die Banater stellten unter den deutschen Minderheiten eine Besonderheit dar, da sie überwiegend katholisch geprägt waren. Auch die Sathmarer Schwaben zählen zu den Donauschwaben. Sie wanderten im Zuge einer Privatanwerbung durch Graf Károlyi aus Oberschwaben ins Sathmarer Land aus und stellten somit eine eigene, von Habsburg unabhängige Bewegung dar. Kührer-Wielach beschrieb das Banat als eine durchmischte Gegend mit Deutschen aus unterschiedlichen Herkunftsgebieten und Kulturen, während die Siebenbürger Sachsen eher isoliert waren.
Im Gegensatz zu den bereits beschriebenen deutschen Aussiedlern wiesen die Bessarabiendeutschen eine gänzlich andere Prägung auf. Sie wurden vom damaligen russischen Zaren angeworben und erhielten als Privilegien unter anderem Steuererleichterungen sowie eine Befreiung vom Militärdienst. Heute liegt das Gebiet größtenteils in der Republik Moldau und teilweise in der Ukraine. Auch in der Dobrudscha lebten deutschstämmige Siedler, die ersten von ihnen stammten aus dem benachbarten Bessarabien. In der Bukowina, dem Buchenland, fanden sich neben Deutschen vor allem auch Rumänen, Ruthenen (Ukrainer), Juden und Polen. Zuletzt nannte Kührer-Wielach die Deutschen aus dem „Altreich“ (rumänisch: Regat), dem ursprünglichen Königreich Rumänien, die sogenannten Regatdeutschen.
Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörten all diese Regionen unterschiedlichen Staaten an (Österreich-Ungarn, Königreich Rumänien, Russland, Osmanisches Reich). Durch die Pariser Friedensverträge von 1919 und 1920 wurden sie jedoch Rumänien zugesprochen, wodurch das sogenannte Großrumänien entstand. Konkret erhielt Rumänien aus der aufgelösten Habsburgermonarchie die Gebiete Siebenbürgen, die Bukowina sowie große Teile des Banats und aus dem Zarenreich Bessarabien. Dadurch verdoppelten sich sowohl die Fläche als auch die Bevölkerungszahl des Landes.
Der Referent beschrieb dies als Zusammenkunft von mindestens vier verschiedenen Mentalitäten und Verwaltungseinheiten und verglich den Staat mit einem „Flickenteppich“. Großrumänien wurde zu einem sogenannten Nationalitätenstaat oder Vielvölkerstaat, der sowohl ethnisch (ca. ein Drittel Nicht-Rumänen) als auch konfessionell (knapp ein Drittel der Bevölkerung war nicht-orthodox) diverser war als zuvor. Rumänien, das in der Zwischenkriegszeit durch Zentralisierung, Rumänisierung und Verstaatlichung geprägt war, unterzeichnete daraufhin am 9. Dezember 1919 einen Minderheitenschutzvertrag, der das Land dazu verpflichtete, allen Minderheiten die rumänische Staatsbürgerschaft zu geben. Ebenso sollten Gleichberechtigung und das Beibehalten ihrer eigenen Kultur und Sprache garantiert werden. Obwohl die Deutschen sich zwar als loyale Bürger des rumänischen Staates verstanden, wuchs in ihnen dennoch der Wunsch nach Autonomie und Mitbestimmung. So gründeten sie eine Partei, um Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen zu können, und entwickelten zunehmend ein Gemeinschaftsgefühl.
Besonders interessant war in diesem Zuge die Darstellung der Ergebnisse der Volkszählung von 1930. Zu dieser Zeit lebten rund 750000 Deutsche in Rumänien, wovon die Banater Schwaben (rund 237000) und Siebenbürger Sachsen (rund 230000) den größten Anteil ausmachten, während die Landler mit 6000 Personen die kleinste Gruppe waren.
Im 20. Jahrhundert folgten jedoch einschneidende Umbrüche. Mit dem Jahr 1940 begann die „Heim ins Reich“-Umsiedlung der Deutschen, von der vor allem die Bessarabien-, Bukowina- und Dobrudschadeutschen betroffen waren. Diese markierte auch das Ende jahrhundertealter deutscher Siedlungsgeschichte in Regionen wie der Dobrudscha. Mit der Deportation vieler Deutscher in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit und der darauffolgenden, von Flucht und Freikauf geprägten Zeit startete eine weitere Phase der Auswanderung. Bis zum vollständigen Wegzug eines Großteils der Deutschen sollte es jedoch noch bis nach der Wende 1989/90 dauern. Dieses Thema wurde nur kurz angeschnitten, bevor Florian Kührer-Wielach seinen Vortrag abschloss und darauf hinwies, dass viele der Anwesenden einen eigenen Bezug dazu haben und persönliche Erinnerungen damit verbinden.
Heute leben die meisten Nachfahren der einstigen Siedler in Deutschland und Österreich, während in Rumänien laut der letzten Volkszählung im Jahr 2022 noch ca. 22000 Deutsche vorzufinden sind.
Im Anschluss an den Vortrag nutzten einige Gäste die Gelegenheit, Fragen zu stellen und mit dem Referenten persönlich ins Gespräch zu kommen. Die Veranstaltung der Kreisgruppe München stieß auf großes Interesse und verdeutlichte die anhaltende Bedeutung dieses Kapitels europäischer Geschichte.
Ein herzliches Dankeschön gilt
Dr. Dr. h.c. Florian Kührer-Wielach für diesen interessanten und lehrreichen Vortrag!
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