1. Juli 2026
Hellmut Seiler ist verstummt, seine Gedichte sprechen weiter
Die Welt „ist ein freilichtmuseum mit freiem eintritt, wo du eines der exponate bist“.
Wenige Tage nach seinem plötzlichen Tod am 16. Juni liest sich Hellmut Seilers zweisprachiger Gedichtband „Aufhebung der Schwerkraft. Suspendarea gravitaţiei“ unter einem veränderten Lesehorizont. Der Band ist dadurch nicht nachträglich zu einem Vermächtnis geworden. Doch die Frage, was mit diesem Dichter verloren geht, begleitet jetzt auch die Lektüre seiner Gedichte. Diese kreisen seit jeher um Erinnerung, Alter, Verlust, politische Erfahrung und die Gegenwart des Vergangenen. Manche Sätze lesen sich nun mit neuer Eindringlichkeit.

Das Gedicht beginnt mit dem enigmatischen Satz „was du jetzt vor dir siehst nimmt seinen anfang“. Damit eröffnet es ein prozessuales Voranschreiten, bei dem der Gegenstand der Suche bewusst unbestimmt bleibt, sich aber im Verlauf der zahlreichen Verneinungen entfalten kann. Indem alles Verfügbare, Benennbare und ideologisch Vorgegebene ausgeschlossen wird – Gegenstände, Erfahrungen, Ideologien, Kunstbegriffe, politische Sprache, Alltag, Hoffnungen, Lösungen werden als völlig irrelevant deklassiert – nähert sich das lyrische Ich allmählich einem Kern. Die schier endlose Ausschlussreihung zählt alles Vernachlässigbare und Unwichtige nach einem immer gleichen Muster auf: „trübe aussichten brauchen // dich nicht zu klaren entscheidungen zu bringen oder um die / geduld. unterdrückter zorn nicht in ohnmächtige wut auszuarten / besoffenheit in fröhlichkeit selbstkontrolle in schmerz oder / erinnerungslücken in ein weltbild, es steht dir frei anderen // den spiegel vorzuhalten oder ihn zu zertrümmern …“ So entsteht ein offener Raum der Wahrnehmung, der sich einer platten Deutung sperrt.
Dieser Wahrnehmungsraum umfasst alles, was noch zu erwarten ist: ALLES minus all das vom Gedicht Ausgeschlossene, das Uneigentliche. Absolutheitsanspruch schwingt mit. Was nun aber ist dieses unbestimmte Etwas: Es „… überfliegt in seinen einzelheiten // wie aasgeier das leichenfeld deiner abgestandenen hoffnungen / und sieht einem stellenweise unblutigen nervenkrieg nicht / unähnlich …“ Vor dem geistigen Auge des jungen Hellmut Seiler entfaltet sich eine abgründige Lebensrealität, die es zunächst nach der Ausschlussmethode zu definieren gilt. Nachdem alles ausgeschlossen ist, womit sich das lyrische Ich nicht befassen will, wird am Schluss die Anfangsbewegung wieder aufgenommen. Was so geheimnisvoll zu Beginn des Textes seinen Anfang genommen hat, endet in einer offenen Schließung: „in dem was du jetzt so vor dir hast kannst du keinesfalls sichergehn / dein leben renke von selber sich ein. es hat dir rein gar nichts voraus /es gibt keine lösungen und hat schon vor geraumer weile seinen anfang / genommen …“ In einer deutenden Engführung kann man die Aussage des Textes auf die im rumänischen Sozialismus herrschenden malignen Realitäten reduzieren. Aber mit dem Abstand von fast einem halben Jahrhundert betrachtet, lässt sich das umkreiste „Etwas“ durchaus als allgemeine Lebensrealität festmachen. In den Schlusszeilen verdichtet sich nämlich die existentiell-poetologische Grundbewegung des Gedichts. Was vor dem lyrischen Ich liegt, bleibt ungewiss und entzieht sich jeder sicheren Erwartung. Das Leben erscheint weder als planbarer Weg noch als Instanz höheren Wissens. Damit verabschiedet das Gedicht jede Hoffnung auf endgültige Lösungen oder Sinnformeln. Die geheimnisvolle Lebensrealität hat längst begonnen, bevor das Ich sie zu begreifen vermag, und setzt sich als offener, unabgeschlossener Prozess fort. In der Schwebe zwischen Verunsicherung und stiller Akzeptanz entwirft Seiler das Bild einer Existenz, die ohne Gewissheiten auskommen muss und gerade darin ihre Wahrheit findet. Mit dem ominös-unergründlichen Etwas, das seinen Anfang genommen hat, ist weder ein einzelnes Ereignis noch eine Lösung gemeint, sondern ein fortdauernder Prozess des Sehens, Denkens und Schreibens. Der Gegenstand des Gedichts wird durch Verneinungen umkreist, aber nie positiv bestimmt. So kann man nur ahnen: Es ist das authentische Leben und seine literarische Überhöhung, die der damals junge Autor als Entwicklungsweg vor sich sieht, indem er erst einmal radikal alles ausschließt, was nicht dazugehören wird – und das ist beinahe alles, was sich nicht in der Sprache seiner künftigen Gedichte sagen lässt. Dieses Kronzeugengedicht liefert die zentrale Deutungsformel für das gesamte Werk Hellmut Seilers.

In „Die Taschenuhr“ fällt dem Sprecher beim Aufräumen eine Uhr in die Hände. Sie erinnert an den Großvater, Lehrer und Prediger, „gleichermaßen verehrt und / gefürchtet“ (S. 6). Das Gedicht bleibt jedoch nicht bei der Erinnerung stehen. Hinter dem Rückdeckel arbeitet die „Unruh“, die schließlich „die Zeit zwischen uns auflöst / und mich zur Erkenntnis zwingt, dass nichts / außer dieser Unruh uns mehr trennt“ (S. 8). Das technische Bauteil, die Unruh, und der gleichlautende seelische Zustand fallen in einem Wort zusammen. Homonymie, Ambiguität – Hellmut Seiler baut auf ihrer sinnstiftenden Wirkung. Die Gedichte über den Großvater bilden einen Mittelpunkt des Bandes. In „Mein Großvater und ich“ erscheint das Haus des Großvaters, einst „das achtunggebietendste / in der Gemeinde“ (S. 14), das enteignet, zurückgegeben und schließlich verkauft wird. Der Eigentumswechsel verdichtet sich in der Formulierung vom „sanften Übergang materieller Werte / in die Wertlosigkeit“ (S. 16). Der Kierkegaard-Spruch, der das Gedicht beschließt, „Verstehen lässt sich das Leben nur / rückwärts gelesen; leben aber muss man es / vorwärts“ (S. 16), wirkt hier wie der Schlüssel zu einer Biographie, die mehrfach von politischen Umbrüchen durchkreuzt wurde und dennoch im Rückblick nicht disruptiv wie die Zeitläufte, sondern folgerichtig und stimmig erscheint – das alleinige Verdienst eines starken Charakters. Die lyrische Stimme lässt in den Großvatergedichten ihrem siebenbürgischen Geschichtsstoizismus freien Lauf.
Mit den Familiengedichten verbindet sich allmählich die Geschichte des Landes. Die Vergangenheit erscheint nicht allein als Erinnerung, sondern als politische Erfahrung, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen. Die Diktatur tritt als nachwirkende Erfahrung auf. Das Misstrauen endet nicht mit dem politischen System. Besonders eindringlich ist „Die Wohnblockverantwortliche“. Während die Blockwartin den Dichter im Treppenhaus aufhält, wird in seiner Wohnung eine Wanze versteckt, „in die Empfangsbuchse fürs Radio“ (S. 106). Das Gedicht endet mit einem wütenden Fluch, etwas recht Seltenes bei dem auf Humor und Ironie bedachten Hellmut Seiler: „Mögest du unsanft im Grab rotieren / bis ans Ende der Tage!“ (S. 108) Die lange zurückgehaltene Wut erhält hier ihre sprachliche Form. Das Gedicht verzichtet auf Anklage und Kommentar. Der Zorn selbst genügt.
Wo Erinnerung und Geschichte ihre Gewissheiten verlieren, richtet sich der Blick immer wieder auf die Sprache. Mehrere Gedichte fragen danach, wie Gedichte überhaupt entstehen und was sie vermögen. Das Gedicht zeigt sich beim trivial bedingten nächtlichen Aufstehen als „Goldklumpen in der ungefähren Form / meines Herzens im Zustand der Schwerelosigkeit / gewichtslos wie eine tanzende Seifenblase“ (S. 38), von dem er sich befreien muss. Schreiben wird als körperliche Notwendigkeit dargestellt. Auch „Verlagsverhandlung“ formuliert eine Poetik: „Das Gedicht ist – unangefochten – / die höchste Form der Sprachkunst. / Jedes Gedicht birgt in sich ein Risiko, / jeder Dichter – ein Risikofaktor“ (S. 40). Die Selbstbeschreibung des Dichters bleibt frei von Feierlichkeit. „Die Stille und die Worte“ und „Beim Beobachten einer Leserin“ kreisen um diese Frage. Die Wörter werden von der Stille verschluckt, schweben später „an kleinen Fallschirmen“ herab (S. 46), während in dem anderen Gedicht die Buchstaben reglos daliegen, „keiner der Buchstaben regt sich“, es ist „to-ten-still“ (S. 52). Erst der Blick der Leserin setzt das Gedicht in Bewegung.
Der Ernst dieser Gedichte wird immer wieder durch komische oder absurde Szenen unterbrochen. In „Große Oper“ singt ein Grizzly in British Columbia Rossinis „Largo al factotum“ „aus voller Brust, akzentfrei“ (S. 90). Die Antwort darauf lautet: „Ich habe eher mit Rigoletto gerechnet…“ (S. 90) Das Eichhörnchen, das dem Sprecher „die Zunge“ zeigt und ihm „eine Nase“ dreht (S. 88), gehört auch in diese Reihe. Die Tiere fungieren nicht als Allegorien. Sie bringen eine Form von Wirklichkeit ins Spiel, die sich der historischen und biographischen Schwere entzieht.
Ähnlich verfahren die Liebesgedichte. In „Ich weiß nicht“ sind es „fahrige Züge“, „feine Fältchen“, „spitze Schreie“ und „das / ewigfrische Salz“ (S. 54), die eine Beziehung gegenwärtig machen. In „Gelegenheit macht Liebe“ gesteht der Sprecher, dass ihm der Gang einer Frau „für den Augenblick den Atem“ nimmt und er bedauert, „dass ich mich zu benehmen verstand“ (S. 58). Diese Gedichte verzichten auf große Gefühle und gewinnen gerade dadurch ihre Intensität.
Gegen Ende des Bandes tritt der Verlust dessen, wer man einst war, stärker hervor. In „Weil es am Ort“ kehrt der Sprecher an einen vertrauten Platz zurück. Der Nussbaum steht noch, die Umgebung scheint dieselbe geblieben zu sein. Dennoch endet das Gedicht mit den Zeilen: „ich suche mich selber bin aber jetzt / nicht mehr da bin jemand anderes“ (S. 128). Keine Wiederfindungssentimentalität, sondern Nüchternheit und Ehrlichkeit markieren den Duktus. Auch das letzte Gedicht des Bandes inszeniert eine Suche. „Kein Gedicht“ beginnt mit der Feststellung: „Dies ist kein Gedicht. / Es ist eine Vermisstenanzeige: / Gesucht wirst darin, lieber Leser, / Du“ (S. 132).
In „Ernüchterung“ (112) beschreibt die lyrische Stimme einen Flug. Es sind Momente in einem „überwirklichen Schwebezustand“, „einen Augenblick kurz diese vermessene Anwandlung von Glück“ im Zustand der „Schwerelosigkeit“. Die letzten Zeilen bringen dann die Zurechtrückung nach der Seiler-Formel: „fallen zuletzt/ aus allen Wolken und/ landen schließlich./ Wohlbehalten./ Im Terminal 1.“ Die Aufhebung der Schwerkraft bleibt vorübergehend. Das lyrische Ich verlässt den Boden nicht dauerhaft. Dauerzustand ist nämlich der Steinboden des Terminals.
Die Zweisprachigkeit des Bandes entspricht einer Lebens- und Erfahrungsgeschichte, die sich zwischen Ländern, Sprachen und politischen Systemen bewegt. Besonders stolz war Hellmut Seiler mit gutem Grund darauf, dass dieses deutsch-rumänische Lyrikbändchen im Verlag Junimea in Jassy erschienen ist, dem berühmten Verlag Mihai Eminescus, des rumänischen Nationaldichters.
Was mit Hellmut Seiler verloren geht, zeigt auch der aktuelle Gedichtband eindrücklich: Es verstummt eine Stimme, die sich den großen Gesten stets verweigert hat. Es ist ein Dichter entschwunden, der flugs „Zweiheimischkeit“ diagnostizierte, wenn man weder hüben noch drüben einheimisch war; einer, der ohne Umschweife den „Gmeinplatzhirschen“ erkannte, wenn jemand sich zu sehr mit Plattitüden in den Vordergrund spielte; einer, der für Verluste eine fast mystische Gleitformel finden konnte, nämlich „den sanften Übergang materieller Werte / in die Wertlosigkeit“; einer, für den die „Unruh“ einer alten Taschenuhr die Zeit nicht taktete, sondern aufhob.“
Mit Hellmut Seiler verliert auch die Erinnerungs-„Bewegung“ an Rolf Bossert eine ihrer rührigsten Stimmen – eine beeindruckende Geste der Freundschaft, getragen von seltener Empathie und menschlicher Integrität.
Hellmut Seiler gehörte weder zu den lauten politischen Autoren noch zu den Sprachvirtuosen, die sich selbst in den Vordergrund spielen. Seine Gedichte leben von Genauigkeit, Lakonie, einem oft trockenen Humor und durchaus auch von Sprachwitz. Sie sprechen von Diktatur und Überwachung, ohne Anklagegestus; von Verlust und Alter, ohne Sentimentalität; von Liebe, ohne Pathos, aber voller Sinnlichkeit.
Vermissen wird man vor allem seinen Ton. Die Fähigkeit, historische Erfahrung auf einen Gegenstand, eine Beobachtung oder einen beiläufigen Satz zu konzentrieren. Die Aufmerksamkeit für die Bewegungen der Sprache. Die Bereitschaft, Komik und Schmerz nebeneinander stehen zu lassen – in Gedichten, die nie laut werden müssen, um im Gedächtnis zu bleiben.
Hellmut Seiler hat zu Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn in „take it or leave it“ eine Inventur all dessen vorgenommen, was er in seinen Gedichten nicht in den vorgegebenen Sprach- und Wahrnehmungsmustern, sondern anders, eigenständig und selbstbestimmt sehen wollte. Daran hat er sich bis zu seinen letzten Wortmeldungen gehalten. Geradlinig, aufrichtig, ja stur – siebenbürgisch-sächsisch eben!
Walter Fromm
Hellmut Seiler: „Aufhebung der Schwerkraft/ Suspendarea gravitației“. Traducere din limba germană de Cosmin Dragoste, Editura Junimea, Iaşi (Rumänien) 2026, ISBN 978-973-37-3058-3Schlagwörter: Gedicht, Hellmut Seiler, Besprechung
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