1. Juli 2026

Gedicht von Hellmut Seiler

Hellmut Seilers Gedicht „take it or leave it“ erschien erstmals 1980 in der Anthologie „die bewegung der antillen unter der schädeldecke“, hrsg. von Walter Fromm.
Faksimile des Gedichtanfangs in der Anthologie ...
Faksimile des Gedichtanfangs in der Anthologie „die bewegung der antillen unter der schädeldecke“
take it or leave it
(greif zu oder lass es bleiben)


was du jetzt vor dir siehst nimmt seinen anfang.
es hat nichts mit dir gemein. die erektion der
pappeln findet hier nicht statt ebensowenig wie
der grüne mond oder apfel im violetten himmel

acht uhr früh oder die schnapsfahnen der pendler
darunter. was du jetzt vor dir siehst hat nichts
mit der planerfüllung zu tun und dein chef schimpft
dich nicht aus. es kann dich etwas angehn und du

kannst dich wegwenden. du brauchst keine angst zu
haben. vergebens schaust du dich nach etwas essbarem um.
die lern- produktions- und scheidungsprozesse werden
nicht immer komplizierter. du kannst hier nicht rauchen

und es gibt kein freibier und keine freizeit. schlag
löcher kommen keine vor oder schlagworte oder andre
totschläger. gitarre spielen kannst du hier auch nicht
lernen. es ist keine rede vom beilegen irgendwelcher

zwischenstaatlicher konflikte. wo du dies jetzt vor dir
hast kannst du nicht einfach abhaun oder witze reißen
oder sonst was unvernünftiges tun. alles ist erlaubt und
mit seiner frau schlafen kannst du auch nicht. w. benjamin

fehlt die befreiung der vernunft von ihrem hass auf sich
selbst ästhetik als strategie zu verwirklichung der
wünsche und die andern großen begriffe. ihre deckung findest
du nicht. was du vor dir siehst hat keine entsprechung

im kaderwelsch. es tut dir keineswegs leid darum. das wort
brauchst du nicht zu ergreifen wenn du von dem was du
jetzt vor dir siehst nichts begreifst. wo du jetzt drauf
stehst oder gehst ist ein freilichtmuseum mit freiem

eintritt wo du eines der exponate bist oder eine winzige
eisscholle bei besten wetteraussichten. hören und sehen
muss dir nicht vergehn nicht mal den verstand brauchst du
zu verliern schweigegeld anzunehmen auf eine prämie zu

warten oder den samstagabend. was du jetzt vor dir siehst
kriegt einer sobald wieder aber auch nicht fertig. es spielt
deine gefühle auch nicht weiter herunter und richtet glieder
nicht auf macht keine versprechungen und hält keine aus

reden parat. es in allen einzelheiten beim namen nennen
richtet es zugrunde. die arbeitsstunden brauchst du nicht
einzuhalten dir den tag verscheißen an jemand kritik üben
oder an jemand glauben, es überfliegt in seinen einzelheiten

wie aasgeier das leichenfeld deiner abgestandenen hoffnungen
und sieht einem stellenweise unblutigen nervenkrieg nicht
unähnlich. du brauchst nicht gleich zuzustimmen und dich in
deiner fremdheit zu vervollkommnen, trübe aussichten brauchen

dich nicht zu klaren entscheidungen zu bringen oder um die
geduld. unterdrückter zorn nicht in ohnmächtige wut auszuarten
besoffenheit in fröhlichkeit selbstkontrolle in schmerz oder
erinnerungslücken in ein weltbild, es steht dir frei anderen

den spiegel vorzuhalten oder ihn zu zertrümmern. wo du dies
jetzt vor dir hast sitzt du in keinem großartigen beatkeller
und hörst inagadadavida kannst auch ch. kukowski vergessen
oder vivaldi oder rudi deutschke nach seiner letzten dusche

in amsterdam. stehst du an keinem fenster bist auch noch nicht
weg vom fenster. vorläufig holt dich keiner. im moment ist auch
alles klar und in ordnung. was du jetzt vor dir siehst befreit
dich keineswegs und setzt dir keine grenzen macht dich nicht

froher oder unglücklicher als du schon bist. deine besseren
erfahrungen stellen sich nicht als täuschungen heraus. gleich
bleibt sich ob du dich der kunst verschreibst ohne welche
zu machen oder ob du welche machst ohne dich ihr zu verschrieben

zu haben. aus der realität der gegenwart fällst du in die
fiktion zukunft die eine erfindung der vergangenheit ist.
was du jetzt vor dir siehst läßt dir keine ruh und dich auch gar
nichts gutes erwarten. dabei brauchst du dich keineswegs auf

alles gefasst machen, du hast deine fragen und die antworten
die du nicht erwartest in dem was du jetzt rundum laut tönen hörst.
da gibt es dich gar nicht und du machst dir nichts draus. was du
jetzt vor dir siehst lässt keine zweifel oder solidarität oder zuver

sicht oder schwarzseherei aufkommen. was du jetzt vor dir siehst erspart
dir keine zweifel oder solidarität oder zuversicht oder schwarzseherei
es bringt keinen auf trab oder auf den hund. du trägst keine jeans
und keine verantwortung. heuchelst keine begeisterung und meuchelst

keinen. vertraust den eigenen worten nicht nimmst sie auch nicht
zurück. bist kein fußgänger mehr oder parteigänger oder blindgänger.
verlierst keinerlei wertmaßstäbe fällst nicht der verzweiflung anheim
oder dem suff oder irgendeinem sittenkodex zum opfer. blöde fressen

regen dich nicht auf. in dem was du jetzt vor dir hast bleiben sie
sich gleich. du brauchst nicht reinzufetzen und dir dabei was vor
zumachen. die neuere geschichte aufzuarbeiten ohne davon überzeugt
zu sein das sei mehr als das aufstreifen einer vorhaut. in dem was

du jetzt vor dir siehst hast du deinen platz nicht. deine zelte
schlägst du darin nicht auf oder deine augen und dein wasser nicht
ab. brauchst keinem die füße zu waschen nicht hinterfotzig zu sein
oder unmäßig dreck zu fressen. du bist kein sozialer alleskleber

die lichtrechnung zu bezahlen erübrigt sich wo du die jetzt vor
dir hast drehst du eben die gebrandmarkten väter deiner gedanken
auch nicht auf sparflamme bist also kein energiesparer so gesehn.
jede anstrengung löst sich in wohlgefallen auf diverse arten von

hunger beschreibt nur wer sie nie so richtig verspürt hat. natürlich
hast du keinerlei hunger inmitten einer landschaft von verneinungen.
nicht nackt oder hilflos stehst du da und kannst auch nicht anders.
nicht aufgeben und auch nicht weitermachen bist kein spaßvogel und

auch nicht allein oder du selber. ein virtuose des überlebens bist du
ebensowenig wie eine nullität. kannst dich auch nicht einfach hinsetzen
und nachdenken. den gnadenstoß brauchst du nicht extra zu erwarten.
in dem was du jetzt so vor dir hast kannst du keinesfalls sichergehn

dein leben renke von selber sich ein. es hat dir rein gar nichts voraus
es gibt keine lösungen und hat schon vor geraumer weile seinen anfang
genommen …

Schlagwörter: Gedicht, Hellmut Seiler

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