24. September 2026

Wo die Kälte wohnt, hört man die Vögel noch zwitschern

Dagmar Dusil ringt in „Kalte Tage“ um den lyrischen Ausdruck für die Sedimentschichten des Erinnerns und die Einsamkeit des Sterbens.
Dagmar Dusil schreibt nicht unmittelbar über Krieg, Erinnerung oder Heimat. Sie schreibt darüber, wie all das im Menschen weiterwirkt, wie es sich in Bildern, Erinnerungen und Verletzungen einschreibt. Das ist der eigentliche Gegenstand ihrer Poesie. Sie interessiert sich für das Nachleben des historischen Ereignisses: für jene unsichtbaren Spuren, die es im Bewusstsein hinterlässt. Ihre Gedichte setzen dort ein, wo Chroniken enden und Archive verstummen – im Gedächtnis, in den Bildern, die bleiben, in den Wunden, die sich der Sprache entziehen und dennoch nach Worten verlangen. Geschichte wird bei ihr zur inneren Landschaft, zu einer Topographie des Erinnerns. Die im lyrischen Ich aufgetürmten Sedimentschichten der Lebenserfahrung drängen mit aller Macht ins verdichtete Wort.

„Die Nacht atmet Schnee, ich lausche, ich liege in der U-Bahn Station, ich bin halb Kind halb Ratte“ (S. 7). So beginnt Dagmar Dusils Gedichtband „Kalte Tage“ – ohne Vorlauf, ohne erklärende Einstimmung, mitten aus einer bedrohten Welt heraus. Das epische Gedicht erzählt aus der Perspektive eines Kindes, das mit Mutter und Großeltern vor den Bomben flieht, während der Vater als Soldat zurückbleibt. Die Großmutter versucht zu beruhigen, während die Wirklichkeit draußen jede Sicherheit widerlegt: „Hier sind wir sicher, draußen fällt Schnee, draußen fallen Bomben“ (S. 7). Das Drinnen als Schutzraum, das Draußen als tödliche Bedrohung – beides nur durch ein Komma voneinander getrennt.

Der Titel sollte nicht ausschließlich auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bezogen werden. Die Kälte dieses Bandes steht für Vertreibung, Alter, Sprachlosigkeit und das Sterben – für einen Zustand, der sich durch die Biografien zieht. „Mein Kinderzimmer ist eine offene Wunde“ (S. 8) gehört zu den stärksten Bildern des Bandes, weil es den Krieg nicht dort zeigt, wo er stattfindet, sondern dort, wo er eindringt: in den privaten Raum der Kindheit. Das Kinderzimmer, sonst Inbegriff von Schutz und Erinnerung, wird zum verletzten Körper. Darauf folgt der Satz der Trennung: „Mutter packt Taschen, wir gehen, fliehen, Vater muss bleiben“ (S. 8). Die karge Reihung der Verben verweigert jede Ausgestaltung; gerade dadurch wird der Verlust spürbar.

Das kurze Gedicht „Septembernächte klingen tief“, das dem Eröffnungstext folgt, verdichtet diese Grundstimmung in wenigen Zeilen: „Der Herr der Nacht schnitzt / Farbig letzte Tage“ (S. 10), heißt es dort, bevor der refrainartige Satz zurückkehrt, der dem Band seinen Titel gibt: „Es kommen kalte Tage“ (S. 10). Im Gedicht „Auf der Flucht“ wird diese Kälte körperlich spürbar: „Ich spüre die Kälte / Sie kriecht in mir hoch“ (S. 11). Wenige Zeilen später heißt es: „Die Seele ist ein unaufgeräumtes Zimmer / Das Leben fällt aus dem Rahmen“ (S. 11).

Ein zweiter Erzählstrang des Bandes führt in die Kindheit in Siebenbürgen. Ein Gedicht über Herkunft und Erinnerung beginnt mit einem Bild von großer Zartheit: „Meine Kindheit wohnte / in einem weißen Wollknäuel / in einer Lade die sie Schublade nannten“ (S. 26). Die Erinnerung entfaltet sich dabei wie eine Matrjoschka: Die Schublade öffnet sich zur Kommode, das Zimmer zum Haus, das Haus zur Stadt – bis die Bewegung wieder bei einem einzelnen Kind endet.

Im Gedicht „Als ein Seiltänzer“ verdichtet Dusil ein ganzes Auswandererschicksal in zwei Zeilen: „An einem Spinnfaden / Hing dein Leben“ (S. 28). Die Ankunft im Westen zieht ohne Pathos Bilanz: „Angekommen am Bahnhof des Ostens im Westen / mit fünfundzwanzig Jahren Verspätung“ (S. 23).

Gerade die Gedichte des Zyklus „Lost Places“ – Czernowitz, Dobring, Bad Hamruden, die verlassene Kirche von Tekendorf – zeigen, wie stark die Autorin aus Orten heraus erzählt. Landschaften, Gebäude und Erinnerungsräume treten dabei selbst als Sprechende auf, während die Autorin zurücktritt. In „Tekendorfs verlassene Kirche“ genügen wenige Zeilen für eine verschwundene Welt: „Gehäutet geschunden / Ohne Herz / Blinde Augen / Speichern die Zeit“ (S. 40). Die Kirche erscheint als geschundener Körper, ihre leeren Fenster als „blinde Augen“, die dennoch – in einer starken Paradoxie – die Zeit bewahren. Dieses Motiv kehrt in der „Uhr ohne Zeiger“ (S. 40) wieder: Was nicht mehr funktioniert, hält dennoch Erinnerung fest. Ähnlich konzentriert fällt der Blick auf Czernowitz, Paul Celans Geburtsstadt: „Du wartest auf dich / mit schwarzer Milch / Vergessen im fetzigen Sonnenlicht“ (S. 37). Und wenig später: „Aus goldenen Kuppeln / tropfen blaue Tränen der Nacht“ (S. 37).

Wo Dusil die siebenbürgische Landschaft beschreibt, bleibt sie diesem Verfahren treu. Idylle entsteht dabei nie: Schönheit und Verfall stehen unvermittelt nebeneinander. „Ich trinke die Landschaft“ (S. 45), heißt es einmal. Die Störche, die „im Takt der Zeit“ klappern (S. 45), geben dem Gedicht zunächst einen ruhigen, wiederkehrenden Rhythmus, bevor sich der Blick auf den Verfall richtet und die „bröckelnden Türme“ (S. 45) ihr Haupt neigen.

Auch der Krieg der Gegenwart findet seinen Weg in diese Landschaft – nicht als dramatische Szene, sondern als Fremdkörper zwischen den vertrauten Bildern: „Heere von Kukuruz / Stehn in Reih und Glied / Mit gezücktem Kolben / Im Nachbarland herrscht Krieg“ (S. 47). Das Bild der Maisfelder kippt ins Bedrohliche. Aus der Ordnung der Natur wird eine militärische Formation. Am Ende steht eine bittere Verdichtung: „Der Frieden vertrocknet / In Disteln am Wegesrand“ (S. 47). Im „Dorfbild“ wiederum wird Erinnerung zu einer Tätigkeit gegen das Vergessen: „Kalte Hände sammeln entsorgte Erinnerungen / Bündeln sie zu Reisigbesen, werfen sie ins Feuer“ (S. 49). Die Vergangenheit ist hier kein sicherer Besitz. Sie muss gesammelt, gebündelt, bewahrt werden – und bleibt zugleich gefährdet.

Als Klammer durchzieht die Farbe Blau den gesamten Band. Sie erscheint politisch im Zusammenhang mit der Ukraine, religiös in marianischen Bildern und immer wieder als sinnliche Wahrnehmung. In der „Etüde in Blau“ heißt es zunächst beinahe spielerisch: „Eine Handvoll Blau für den Blues / Für den Montag, die Blume und / Die Augen der Neugeborenen“ (S. 52). Doch der Ton verändert sich abrupt, wenn von einem erschossenen Häftling die Rede ist, „der den blauen Winkel trug“ (S. 52). Die Farbe wird hier zum Zeichen der Verfolgung und des Erinnerns, ohne dass das Gedicht eine Erklärung benötigt.

Besonders eindringlich wird der Band im abschließenden Zyklus „Szenen der Einsamkeit“. Der Höhepunkt des Zyklus liegt im Text „Auf der Palliativstation“. Zwei Menschen stehen sich dort vor einer Erfahrung gegenüber, für die Sprache kaum ausreicht: der Sterbende und der Überlebende, jenem wird das klagende lyrische Ich übertragen, dieser steht ohnmächtig vor dem, was sich nicht mehr wenden lässt. „Du und ich, wir zwei und Worte, die uns fehlen, die zu leer sind, um Inhalte zu tragen“ (S. 87). Ihre Sätze, heißt es, „überschreiten die Grenze nicht“ (S. 87). Die Nähe zwischen zwei Menschen bleibt bestehen und stößt doch an eine unüberwindbare Grenze: „Noch leben wir gegenseitig unsere Einsamkeit“ (S. 87). Nähe und Trennung finden hier eine genaue Formulierung. „Hörst du die Vögel zwitschern?“ (S. 87). Die Frage sucht keine Antwort. Sie hält lediglich fest, dass zwei Menschen angesichts des Todes dem Nichts und der Auslöschung eine sinnliche Urerfahrung der kleinen Lebensfreuden entgegensetzen können: das Vogelzwitschern. Dann ein Schlussakkord der Unentrinnbarkeit: „Der Tod raubt alle Worte und wird zum Hüter unserer Einsamkeit“ (S. 87).

Krieg, Erinnerung und Sterben laufen in demselben Erfahrungsraum zusammen, nämlich in der Erfahrung des Verlusts: Was geschieht mit Menschen und Orten, wenn ihnen etwas unwiederbringlich genommen wurde? Dagmar Dusil erklärt diese Erfahrungen nicht, sie zeigt, wie sie im Menschen fortwirken, auch wenn ihre sichtbaren Spuren längst verschwunden sind.

Beim Lesen dieses Bandes friert man. Zwischen dem ersten Bild des Bandes – „Die Nacht atmet Schnee, ich lausche, ich liege in der U-Bahn Station, ich bin halb Kind halb Ratte“ (S. 7) – und der späten Frage „Hörst du die Vögel zwitschern?“ (S. 87) spannt sich der gesamte Erfahrungshorizont dieser Lyrik. Am Anfang steht eine Sprache der Bedrohung und der Selbstentfremdung: Der Mensch ist auf einen Überlebenszustand reduziert, zwischen Kindsein und animalischer Existenz, zwischen Schutzbedürftigkeit und Ausgesetztheit. Das Bild der „Ratte“ trifft die radikale Erfahrung, aus der menschlichen Ordnung herauszufallen. Am Ende steht dagegen eine Sprache der äußersten Verknappung und Zuwendung. Die Frage nach dem Vogelzwitschern führt nicht aus der Wirklichkeit des Sterbens heraus, sondern verwandelt sie: Aus dem Lauschen auf die Gefahr („ich lausche“ am Anfang) wird ein Lauschen auf das Leben. Die Ohren, die zunächst Bomben, Kälte und Bedrohung wahrnehmen, richten sich am Ende auf einen letzten Rest von Schönheit und Urerfahrung des Lebens.

Man könnte Dagmar Dusils poetische Haltung auf den ersten Blick als bewusst traditionell bezeichnen: Sie vertraut auf das Bild, auf die Verdichtung von Schnee, Blau, Landschaft und Körper, von Häusern und verlassenen Orten, von Kindheit und Sterben – während die moderne Lyrik immer auch von einem tiefen Misstrauen gegenüber der Sprache geprägt ist. Doch gerade in diesem Spannungsfeld liegt die Eigenart ihres Schreibens. Ihre Bildsprache trägt schon die Erfahrung von Verlust, Zerstörung und Erinnerung in sich. Ungebrochene Weltzugewandtheit gibt es bei ihr nicht. Dusil hält an der Möglichkeit fest, dass Sprache etwas bewahren kann – nicht weil sie die Wirklichkeit wiederherzustellen vermag, sondern weil sie deren Spuren sichtbar macht.

„Kalte Tage“ erscheint damit auch als eine Selbstkuratur des eigenen lyrischen Weges, als Auslese der Bilder, Themen und Formen, die ihr Schreiben geprägt haben. Die Vielfalt des Bandes liest sich wie eine bewusst gesetzte Spurensicherung: Krieg und Kindheit, verlorene Orte und religiöse Fragen, Prosagedicht und Miniatur fügen sich zu einem Panorama, in dem die zentralen Motive dieses Werks noch einmal sichtbar werden. Dagmar Dusil legt damit die Linien frei, die ihr Schreiben über Jahre verbunden haben.

Walter Fromm

Dagmar Dusil: „Kalte Tage“. Gedichte und lyrische Prosa. Mit einem Nachwort von Britta Lübbers. Pop Verlag, Ludwigsburg, 2026, 98 Seiten, 16,50 Euro, ISBN 978-3-86356-436-0.

Schlagwörter: Dagmar Dusil, Roman, Besprechung

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