29. Januar 2006

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Dracula - Pilatus: Ein neu entdecktes "verkleidetes" Porträt des Vlad Ţepeş

In Wien gibt es zwei „verkleidete“ Porträts des Wojwoden Vlad Dracula (1431?–1476), der auch als Vlad der Pfähler –rumänisch: Vlad Ţepeş– bekannt ist. Beide Tafeln stammen aus spätgotischen Flügelaltären und wurden zu Lebzeiten des berühmt-berüchtigten Walachen-Fürsten gemalt. Die eine zeigt ihn in der Rolle eines heidnischen Römers unter dem Kreuz auf Golgatha, die andere als den Statthalter Aegeas von Patras, der den Apostel Andreas kreuzigen lässt. Auf die Existenz der beiden um 1460/70 gemalten Bilder, die sich in der Kirche Maria am Gestade und im Depot der Österreichischen Galerie befinden, hat Konrad Klein in einem ausführlichen Artikel in der „Siebenbürgischen Zeitung“ vom 31. Oktober 2002 hingewiesen. Hier soll ein drittes zeitgenössisches Dracula-Porträt dieser Art vorgestellt werden.
„Verkleidete“ Bildnisse oder Kryptoporträts, in denen prominente Zeitgenossen als Heilige oder mythologische Helden dargestellt wurden, kommen im 15. Jahrhundert öfter vor als man denkt. Weitaus seltener sind Kryptoporträts mit einer negativen Bedeutung, wie sie im Fall des Pfählers anzunehmen ist. Angesichts der Wiener Altartafel in Maria am Gestade und der Herkunft der Andreas-Marter aus dem Zisterzienserstift Lilienfeld möchte man die in ihnen versteckten Darstellungen des grausamen Wojwoden als ein österreichisches Phänomen betrachten. In Österreich haben sich auch die meisten der bekannten Porträts aus späterer Zeit erhalten: das Brustbild in Schloss Ambras, zwei Miniaturen im kunsthistorischen Museum Wien und das lebensgroße Porträt in der Ahnengalerie der ungarischen Fürsten Esterházy auf Burg Forchtenstein.

Christus vor Pilatus. Meister der Tafeln von Velenje, um 1463. Tempera auf Holz, 83,5 x 51,5 cm. Nationalgalerie Laibach (Narodna galerija Ljubljana).
Christus vor Pilatus. Meister der Tafeln von Velenje, um 1463. Tempera auf Holz, 83,5 x 51,5 cm. Nationalgalerie Laibach (Narodna galerija Ljubljana).

Seit kurzem ist ein weiteres, vermutlich in Wien entstandenes Kryptoporträt Draculas bekannt. Es fand sich in einer von vier spätgotischen Altartafeln in der slowenischen Nationalgalerie in Laibach (Ljubljana). Dargestellt ist die Passionsszene „Christus vor Pilatus“ (Abbildung 1): Soldaten schleppen den gefesselten Jesus von Nazareth vor den Thron des römischen Statthalters. Pilatus verhört den Gefangenen und lässt sich von einem Hohen Priester die Anklage erläutern. Durch ein Fensterchen in der Thronarchitektur sehen wir die Frau des Pilatus, die ihn davor warnte, Jesus zu verurteilen. Warum aber trägt Pilatus die Züge und die charakteristische Perlenmütze des Fürsten Vlad Dracula? Vermutlich deshalb, weil Pilatus ein heidnischer Herrscher war, der Jesus Christus kreuzigen ließ. Dracula war zwar griechisch-orthodoxer Konfession, doch wurde ihm unchristliche Mordlust und Konspiration mit dem türkischen Feind vorgeworfen.

Die vier Laibacher Altartafeln kamen Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Wiener Franziskanerkloster – dem früheren Büßerinnenkloster zu St. Hieronymus – über den Kunsthandel in das untersteirische Schloss Wöllan/Velenje. Seit 1936 befinden sie sich im Besitz der Nationalgalerie. Zwei in Wien verbliebene Tafeln hängen heute als Leihgabe der Franziskaner im Dom- und Diözesanmuseum. Aus stilistischen Gründen werden die sechs erhaltenen Bilder um 1460 datiert und einem unbekannten Maler aus Wien, Franken oder Bayern zugeschrieben.

Vladislaus Dracula. Süddeutscher Miniaturmaler, um 1600. Wasserfarben auf Papier; Stammbuch des Nikolaus Ochsenbach, Blatt 74, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart.
Vladislaus Dracula. Süddeutscher Miniaturmaler, um 1600. Wasserfarben auf Papier; Stammbuch des Nikolaus Ochsenbach, Blatt 74, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart.
Spätere Dracula-Bildnisse stellen die Identifizierung der Pilatus-Figur mit dem Wojwoden außer jeden Zweifel. Gut vergleichbar ist die um 1600 gemalte Miniatur aus dem Stammbuch des Tübinger Schlosshauptmannes Nikolaus Ochsenbach in der Württembergischen Landesbibliothek (Abbildung 2). Dabei beschränken sich die Übereinstimmungen nicht nur auf die Adlernase, den breiten Schnurrbart und das spitze Kinn. Beide Köpfe tragen auch dieselbe Mütze mit Perlenbändern, Brosche und Federschmuck. Natürlich können zeitlich so weit auseinanderliegende Darstellungen stark variieren, zumal es keine verbindliche Vorlage gab, nach der sich die Künstler zu richten hatten. Einmal erscheinen Kinn und Lippen weich und wuchtig, ein anderes Mal hart und spitz.

Nun ist das „verkleidete“ Dracula-Porträt in Laibach nicht nur ein kulturhistorisch interessantes Phänomen, sondern auch für die Datierung und Lokalisierung des gesamten Flügelaltars von Relevanz. Im November 1462 wurde Vlad Dracula vom Ungarnkönig Matthias Corvinus als Verräter und dämonischer Tyrann denunziert. Vor dieser Kampagne ist seine Darstellung als Pilatus unwahrscheinlich. Auf der anderen Seite spricht der Stil des Gemäldes für eine Datierung nicht weit von der Jahrhundertmitte. Es liegt daher nahe, seine Entstehung in den Jahren um 1463 zu vermuten.

Das hat wiederum Konsequenzen für die Lokalisierung, denn in Bayern oder Franken war Dracula zu dieser Zeit noch wenig bekannt (die frühesten erhaltenen Drucke mit den Geschichten seiner Gräueltaten entstanden erst fünfzehn Jahre später). Für eine Entstehung in Wien spricht nicht nur die Herkunft aus dem dortigen Franziskanerkloster, sondern auch der Umstand, dass 1463/64 der Meistersänger Michel Beheim am kaiserlichen Hof die blutig-schaurigen Geschichten vom Wojwoden „Trakle“ vortrug. Die in der Forschung umstrittene Frage nach der Herkunft des unbekannten Malers bleibt davon jedoch unberührt. Dieser könnte durchaus in Nürnberg, München oder Regensburg geschult worden sein, bevor er in Wien arbeitete. Für „verkleidete“ Dracula-Porträts lässt sich aber nur in Österreich eine Tradition feststellen.

Erwin Pokorny

Der Autor lebt als freier Kunsthistoriker in Wien. Zwei Aufsätze über Dracula-Bildnisse erscheinen 2006 im „Jahrbuch des kunsthistorischen Museums Wien“ und in der slowenischen Fachzeitschrift „Umetnostna kronika“.

Links zu Online-Literatur über den historischen Vlad Dracula

Konrad KLEIN: Vlad Ţepeş alias Dracula: "Ein rötlich-mageres Gesicht von drohendem Ausdruck"

Helmut BIRKHAN: Der grausame Osten. Mentalitätsgeschichtliche Bemerkungen zum Dracula-Bild bei Michel Beheim

David B. DICKENS and Elizabeth MILLER: Michel Beheim, German Meistergesang, and Dracula

Heiko HAUMANN "Dracula und die Vampire Osteuropas. Zur Entstehung eines Mythos" (in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, 28, 2005, Heft 1, S. 1-17) - kann man zwar nicht online lesen, aber auf Prof. Haumanns Homepage als PDF-Datei herunterladen

Raymond T. McNALLY & Benjamin-Hugo LEBLANC: Dracula at Forchtenstein. A Newly Discovered Portrait of Vlad Tepes in Austria

Ray PORTER, The Historical Dracula

Constantin REZACHEVICI: From the Order of the Dragon to Dracula

Russische Dracula-Erzählungen von 1486/1490 mit englischer Übersetzung

Schlagwörter: Dracula, Kunst

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