13. Februar 2009

Radio im Kalten Krieg: „Kreuzzug für die Freiheit“

Einem spannenden Kapitel der jüngsten Zeitgeschichte hat sich Regisseur Christian Bauer mit seiner TV-Dokumentation über 60 Jahre „Radio Freies Europa“ und „Radio Liberty“ zugewandt. Der arte-Film beleuchtete wohl erstmals umfassend im deutschen Fernsehen ein Thema, das ehemaligen Osteuropäern noch viel sagt, den meisten „alten“ Bundesbürgern hingegen gar nichts. Denn die beiden US-Sender strahlten ihre Programme – vorwiegend von deutschem Boden aus – ausschließlich hinter den Eisernen Vorhang in die fünf nichtdeutschen Satellitenstaaten Moskaus aus.
Der parodistisch anmutende Titel „Liebesgrüße nach Moskau“ – eine Persiflage des James Bond-Streifens „Liebesgrüße aus Moskau“ war gut gewählt und deutete an, dass die historiographische Darstellung nackter Realität mehr Faszination und Spannung aufkommen lassen würde als der heißeste Polit- oder Spionagethriller mit Agenten aus der Kälte. Und tatsächlich: Die in der Dokumentation erwähnten Spione des KGB und der Securitate in den Redaktionsräumen des Radiosenders RFE/RL waren „echt“ – so echt wie die Bombe des Top-Terroristen Carlos, die 1981 vor dem RFE-Gebäude in München hochging.

Eine Million Dollar soll der rumänische Geheimdienst „Securitate“ dem Terroristen für die Ausführung seines Verbrechens bezahlt haben. Wer den Nimbus eines osteuropäischen Diktators destruierte, wer an der Fassade des real existierenden Sozialismus sägte, wer als „Dissident“ mit RFE zusammenarbeitete, wer aufklärte, der wurde mehr oder weniger dramatisch beseitigt, wie beispielsweise der Redakteur Emil Georgescu, der in der gleichen Zeit brutal mit dem Messer niedergestochen wurde,. Fiktion war das nicht, worüber da berichtet wurde, sondern nackte Realität jüngster Zeitgeschichte – nicht in einer entlegenen Bananenrepublik, sondern an einem idyllischen Ort vor der Haustür, im Englischen Garten im Herzen der Weltstadt München.
Das Sendegebäude von Radio Free Europe (RFE) ...
Das Sendegebäude von Radio Free Europe (RFE) wenige Stunden nach dem Anschlag vom 21. Februar 1981. Die Zehn-Kilo-Bombe riss ein 18 qm großes Loch in die Außenmauer, knickte Betonpfeiler um und zerstörte sämtliche Fenster in der näheren Umgebung. Foto: Konrad Klein
Bauers Film ging chronologisch vor und behandelte mehr als ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte, die Ost-West-Konfrontation, die Aufstände in Berlin 1953, in Budapest 1956, den „Prager Frühling“ 1968 bis hin zu „Solidarnosc“ und dem Sturz des letzten Diktators in Europa. Diese turbulenten Zeiten innerhalb von neunzig Minuten Sendezeit einzufangen und dabei noch die aktive Rolle von RFE/RL darzustellen – ein Ding der Unmöglichkeit? So schien es auf den ersten Blick zumindest für die „eingeweihten“ Zuschauer, für die das alltägliche Hören von RFE (siehe dazu die aktuelle Umfrage der Siebenbürgischen Zeitung Online) teils nostalgischer Kult war, teils das geistig-politische Brot, das sie aßen, um in finsterer Zeit politisch-moralisch bestehen und widerstehen zu können. Trotzdem muss man anerkennend feststellen, dass es den Autoren um Christian Bauer gelungen ist, ein umfassendes Bild über das zu vermitteln, was den Mythos „RFE“ (im Securitate-Jargon nur „Cobra“ genannt) ausmachte und weshalb über den Umbruch nach 1989 hinaus am Sendeauftrag für Osteuropa festgehalten wurde.

RFE/RL begann im Jahr 1951 in der Tradition des Senders BBC zunächst als CIA-finanzierter Propaganda-Sender, mit diversen Kinderkrankheiten behaftet, geprägt von einem politisch wenig ausgereiften Konzept, die „strenge Wahrheit“ nicht so genau nehmend. In der politischen Auseinandersetzung des Westens mit Sowjetkommunismus und Stalinismus in Osteuropa hatte die „ideologische Konfrontation“ zunächst Priorität, wobei im geistigen Disput zwischen „Wahrheit und Lüge“ abendländische Wertvorstellungen propagiert wurden.

Keinen Geringeren als den künftigen US-Präsidenten Ronald Reagan zeigt der Bericht – wohl erstmalig? – als Kopf und Motor der antikommunistischen Kampagne „Kreuzzug für die Freiheit“. Im symbolischen wie ideologischen Kreuz-Zug des freien Westens gegen Hammer und Sichel während der McCarthy-Ära heiligte der edle Endzweck zunächst noch die Mittel. Als die übereifrigen RFE-Kommentatoren über den Ungarn-Aufstand im Jahr 1956 berichteten, ging der Schuss dann nach hinten los. Der RFE-Leitung und den politischen Verantwortlichen im State Departement wurde klar, dass sie die Strategie mussten. Die emotional engagierten „Idealisten“ aus den Redaktionsstuben von RFE im Englischen Garten hatten Hoffnungen geweckt, die Washington politisch nicht einlösen konnte. Das später über soliden Journalismus erarbeitete Vertrauen in die Sender RFE/RL führte zu einer langjährigen Zusammenarbeit mit Oppositionellen. Während „Ost-Dissidenten“ RFE-Informationen nutzten, um in den totalitären Systemen Osteuropas überhaupt politisch opponieren zu können, gaben die RFE-Redakteure (in der Regel exilierte Osteuropäer) ihr Wissen über östliche Menschrechtsaktivitäten an westliche Journalisten weiter und sorgten damit für jenen freien Informationsfluss, der Ost-Akteure (oft politische Häftlinge oder Dissidenten unter Hausarrest) in wahrsten Sinne des Wortes am Leben hielt. Die fruchtbare Symbiose von RFE/RL und Dissidenz kam in dem Bericht etwas zu kurz. Ohne diesen unkonventionellen Ost-West-Dialog jenseits der großen Politik wären die Bürgerrechtsaktivitäten in Osteuropa kaum möglich gewesen. Durch seine gezielte Berichterstattung zum Thema „Menschenrechte“ gerade in der Ära von US-Präsident Jimmy Carter nach der KSZE-Sicherheitskonferenz in Helsinki 1975 ermöglichte RFE/RL die Bürgerbewegung „Charta 77“, die in Rumänien zur humanitären Bewegung des kommunismuskritischen Schriftstellers Paul Goma führte, bald darauf zur Gründung der Freien Gewerkschaft rumänischer Werktätiger (SLOMR) im Jahr 1979 in Bukarest und schließlich zur „Solidarnosc“ in Polen, die das Land selbst und das Gesicht Europas verändern sollte.

Der angesichts einer komplexen Materie recht knapp bemessenen Sendezeit ist es sicher zuzuschreiben, dass einige zentrale Aspekte der Ost-West-Konfrontation, die über das Radio ausgetragen wurden, nur marginal behandelt wurden. Dessen ungeachtet konnten die wesentlichen Grundzüge der RFE-Aktivitäten auch dem weniger informierten West-Zuschauer vermittelt werden.

Jede „nationale Abteilung“ des Senders Freies Europa war „eine Welt für sich“. Und die Charaktere dahinter, Leute wie der Siebenbürger Sachse Hans-Joachim Acker alias „Ion Ioanid“, verkörperten eine „eigene Story“, die Stoff liefert für einen guten Agenten-Roman. Neu auch für Eingeweihte: Der Sender war tatsächlich von KGB-und Securitate-Spionen „unterwandert“, Agenten, die sich nicht scheuten, auch „über Leichen zu gehen“ und Kollegen ans Messer zu liefern, wenn die Staatsräson der östlichen Diktaturen es erforderlich machte. Exemplarische Vergeltungsaktionen der östlichen Geheimdienste wurden im Film angesprochen, etwa der weltweit beachtete „Rizinus“-Anschlag des bulgarischen Geheimdienstes auf den regimekritischen Dissidenten Georgi Markow (er war auch BBC-Mitarbeiter) im Jahr 1978 bzw. das spektakuläre Attentat des Top-Terroristen „Carlos“ auf das RFE-Redaktionsgebäude im Februar 1981. So demonstrierte die „Securitate“ ihre Entschlossenheit, selbst im Ausland gegen Ceauşescu-Gegner vorzugehen.

Gerade deshalb hätte eine „Botschaft“ des Films deutlicher ausfallen können, an die Ohren der Westbürger gerichtet, die nicht wissen, dass Freiheit kein Gut ist, das einem einfach zufällt, sondern täglich neu erobert und erhalten werden muss: Jeder RFE-Mitarbeiter riskierte – nicht anders als die Dissidenten im Osten – bei der Ausübung seines Berufes, sprich bei der freien Verbreitung von politischen Fakten und Wahrheiten, kaum weniger als sein Leben. Die im Film erwähnten „rätselhaften“ Todesfälle von drei Direktoren der rumänischen Abteilung verweisen darauf. Wie die Bürgerrechtler im Osten waren alle RFE und RL- Mitarbeiter überzeugte „Idealisten“, die ihre Arbeit nicht nur gewissenhaft, aus Pflicht machten, sondern aus Leidenschaft und Altruismus. Nicht schiere „Hetze“ trieb sie an (wie oft unterstellt wird), sondern das Bewusstsein, den Menschen im Osten Fakten und „Wahrheiten“ zu verkünden bis hin zum „Wort Gottes“ aus der Bibel, das in den sibirischen Weiten des sowjetischen Gulags nur über „Radio Freiheit“ empfangen werden konnte.

Carl Gibson

Der Autor (Hoemepage: www.gibsonpr.de) ist ehemaliger Bürgerrechtler und war gelegentlicher Interview-Partner von Radio Europa Liberă zwischen 1979 und 2008.

Schlagwörter: Medien, Kommunismus, Vergangenheitsbewältigung

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