2. Februar 2010

"Die Stimme der Deportierten": Horst Göbbel über die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller

Horst Göbbel referierte am 11. Januar im Haus der Heimat über „Die Stimme der Deportierten“ zum Thema „Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und ihre ‚Atemschaukel‘“. Die Union der Vertriebenen und Aussiedler (UdV) Nürnberg hatte zu dem Vortrag eingeladen.
In seiner Begrüßung berichtete der UdV-Vorsitzende Werner Henning über Aktuelles im Hinblick auf Erika Steinbach und den freien Sitz im Stiftungsrat der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Nach dem Hinweis, „heute vor 65 Jahren“ habe in Siebenbürgen die Aushebung der zur Deportation vorgesehenen Deutschen begonnen, führte Göbbel zunächst gründlich in die Geschichte und Regularien der Ver­leihung des Nobelpreises ein und stellte fest, dass Herta Müller mit ihren 57 Jahren noch sehr jung für so eine gewichtige Auszeichnung sei. Unter den mit Bildern aus den Medien vorgestellten Reaktionen auf die Verleihung des Nobelpreises waren auch die von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Marcel Reich-Ranicki. Der Referent hatte zum Thema eine Fülle von Titelseiten parat, auch aus Rumänien und von der Homepage der HOG Nitzkydorf, des Heimatortes der Nobelpreisträgerin. Das Publikum konnte an­schließend mehrere Videopassagen sehen, die Herta Müller vor ihrer Haustür nach Bekanntwerden der großen Auszeichnung, in Stockholm bei ihrer Vorlesung, bei der Pressekonferenz sowie bei der Preisverleihung mit Schwedens König zeigten.

Müllers tiefe Freundschaft zum siebenbürgisch-sächsischen Dichter Oskar Pastior, mit dem sie 2004 das Arbeitslager Nowa-Gorlowka besuchte, in dem der 17-jährige Pastior fünf Jahre das Schicksal tausender Deportierter geteilt hatte, ließ den Entschluss reifen, gemeinsam ein Buch über die Deportation zu schreiben. Nach dem überraschenden Tod Oskar Pastiors 2006 erarbeitete Herta Müller das Buch alleine. Dieses Werk, das unter dem Titel „Atemschaukel“ im Sommer 2009 erschien, war möglicherweise ausschlaggebend für die Nobelpreisverleihung 2009 an Herta Müller. Göbbel zitierte aus der „exzellenten Buchbesprechung“, die Michael Markel zur „Atemschaukel“ – noch vor Bekanntwerden des Literaturnobelpreises – in der Siebenbürgischen Zeitung im September 2009 veröffentlichte. Schon hier wird deutlich gezeigt, welch überragendes Kunstwerk Herta Müller zustande gebracht hat.
Vortrag im Haus der Heimat: Werner Henning ...
Vortrag im Haus der Heimat: Werner Henning begrüßt die Zuschauer, links im Bild Horst Göbbel. Foto: Doris Hutter
Dann las Göbbel eine Passage aus dem Buch („Interlope Gesellschaft“), die deutlich macht, woher die Deportierten stammten und wie auch der Zufall manchen Menschen in die Deportation geschickt hatte. Die sprachliche Kompetenz der Nobelpreisträgerin wurde an der Passage zu Irma Pfeiffers Tod im Kapitel „Eintropfenzuvielglück für Irma Pfeiffer“ verdeutlicht. Der Referent rundete den Vortrag mit einem Videoausschnitt von der Verleihung des Franz-Werfel-­Menschen­rechtspreises an Herta Müller am 1. November 2009 in der Frankfurter Paulskirche ab, in dem man die Ansprache von Erika Steinbach, der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, verfolgen konnte. Unter anderem bemerkte sie, dass Herta Müller dem vielfältigen Schrecken von Deportation sensibel und schonungslos Ausdruck verliehen und damit den Opfern ein unvergängliches Denkmal gesetzt habe. So, wie Herta Müllers „Atemschaukel“ ein solches Denkmal für all die Deportierten in die Sowjetunion darstelle, meinte Göbbel, so möge das Deutschlandhaus in Berlin, ähnlich wie das Holocaustmahnmal, ein Mahnmal gegen jedwede Art von Vertreibung werden.

In der nachfolgenden Diskussion wurde Herta Müller auch im Kontext ihres Verhältnisses zu den Landsmannschaften beleuchtet, ein Thema, das uns noch eine Weile beschäftigen wird. Werner Henning dankte dem Referenten herzlich für den interessanten Vortrag.

Doris Hutter

Schlagwörter: Nürnberg, Herta Müller, Vortrag

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