23. April 2010

Ana Blandianas Gedichte von Hans Bergel und Franz Hodjak übersetzt

Die Lyrik Ana Blandianas sei ein „permanenter rebellischer Akt der Absage“, schreibt Hans Bergel im Nachwort des 2009 im Johannis-Reeg-Verlag erschienenen Gedichtbandes „Die Versteigerung der Ideen“. Im vergangenen Jahr ist mit „Uhren auf Schienen“ ein zweiter Gedichtband von Ana Blandiana herausgekommen, im Verlag Ralf Liebe. Für Auswahl und Nachdichtung aus dem Rumänischen zeichnete Franz Hodjak.
Im zarten Alter von 17 Jahren veröffentlichte die in Temeswar geborene Dichterin mit dem bürgerlichen Namen Ottilia Valeria Coman in der Klausenburger Literaturzeitschrift Tribuna ihr erstes Gedicht mit dem Titel „Originalität“ („Originalitatea“) unter dem von ihr gewählten Pseudonym Ana Blandiana. Blandiana – ein Dorf in Transsylvanien – war der Geburtsort ihrer Mutter. Ihre Geschichtslehrerin schrieb an den Verlag, dass sich hinter dieser Autorin die Tochter eines „Vaterlandsverräters“ verstecke. Ihr Vater, ein in Czernowitz studierter Theologe, wurde von den Kommunisten ins Gefängnis gesteckt. Die Autorin erhielt daraufhin ihr erstes Veröffentlichungsverbot. Fünf Jahre später starb ihr Vater wenige Monate nach seiner Freilassung in Großwardein.

1964 gelang es ihr, die Aufmerksamkeit eines Literaturliebhabers in Klausenburg zu wecken, der ihre ersten Gedichte im Band „Erste Person Plural“ veröffentlichte, allerdings zensiert. Ana Blandiana war somit bereits als verbotene Autorin bekannt in der Literaturszene, bevor sie veröffentlicht wurde. Ob ihr dieser Zufall zu mehr Aufmerksamkeit für ihre Lyrik verholfen hat, mag sie heute nicht sagen. Er war jedoch die Voraussetzung für den Beginn einer Schriftstellerexistenz während und nach der kommunistischen Zeit Rumäniens. Blandiana dichtet weiter und definiert sich und ihr Volk stets neu durch ihre Gedichte („Wir sind ein Pflanzenvolk“). 45 Bücher hat sie veröffentlicht, darunter Übersetzungen nicht nur in fast allen europäischen Sprachen, sondern auch auf Koreanisch, Chinesisch und Hebräisch. Als anerkannte Autorin ist sie jedoch ihren Themen stets treu geblieben. Verwurzelt in der spirituellen und traditionellen Prägung durch ihre Heimat, schrieb sie unermüdlich gegen die existierende Wirklich­keit in Rumänien an, was ihr jedoch nicht immer nur Lob einbrachte.

Nun sind zwei weitere Lyrikbände auf dem deutschen Buchmarkt erschienen: „Uhren auf Schienen“ im Verlag Ralf Liebe – Auswahl und Nachdichtung aus dem Rumänischen von Franz Hodjak –, und „Die Versteigerung der Ideen. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Hans Bergel“ im Johannis-Reeg-Verlag. Bergel hat in seinem wunderbaren Lyrikband eine Auswahl aus mehreren Gedichtbänden der Autorin getroffen und 137 Gedichte ins Deutsche übertragen. Dazu gehören auch so bekannte Gedichte Blandianas wie „Wir sind ein Pflanzenvolk“, „Ich glaube“, „Am Strand“ „Kinderkreuzzug“, die bereits von anderen Autoren wie Franz Hodjak, Klaus Hensel, Horst Samson, Rolf-Frieder Marmont oder Dieter Schlesak übersetzt wurden. Da Hodjak stets von „Nachdichtung“ spricht und Wert darauf legt, dass die von ihm veröffentlichten Gedichte immer zweisprachig erscheinen, bleibt es dem Leser überlassen, diese „Nachdichtungen“ als solche zu bewerten.

Noch bevor ich die Übersetzungen Hans Bergels kannte, fand ich bereits Hodjaks 66 Nachdichtungen in „Engelernte“ (erschienen im Ammann-Verlag, Zürich 1994) stimmig, präzise und lyrisch-melodisch ansprechend. Hans Bergel jedoch schafft es, mit seinen Übersetzungen der Gedichte Blandianas in knapper melodischer Sprache die Ursprungsatmosphäre ihrer Lyrik, jene melancholische Nachdenklichkeit und Präzision spürbarer zu machen. Die Silbenzahl ist passend, der pathetische Ton der Gedichte Blan­dianas präsent. Zwar sind die Worte Bergels archaischer („sengende Sonne“ statt „zehrende Sonne“ bei Hodjak; „allabendlich“, „den aus der Zeit gefallenen Tag“ bei Bergel statt „jeden Abend“, „den Tag, den ich auf diese Weise aus der Zeit streiche“ in „Der Kalender“), jedoch atmosphärisch stimmiger!

So heißt es bei Hodjak im Gedicht „Ich glaube“: „Ich glaube, wir sind ein Volk von Pflanzen, / woher sonst die Ruhe, / Mit der wir dem Laubfall entgegensehn? / Woher der Mut, / uns die Rutschbahn des Schlafs hinunter gleiten zu lassen, … Ich glaube, wir sind Pflanzenvolk – / Wer hat jemals / einen Baum in der Revolte gesehn?“ (aus „Engelernte“). Dazu dichtet Hans Bergel: „Ich glaube, wir sind ein Pflanzenvolk, woher denn sonst die Ruhe, mit der wir der Entlaubung harren?/ Woher der Mut, dahinzugleiten auf des Schlafes Rutschbahn bis nahe an den Tod. / … Wir sind ein Pflanzenvolk, wer sah je einen Baum in der Revolte?“

Oder das aus einem Satz bestehende Gedicht „Buzeşti-Platz“ liest sich bei Hodjak: „Lass Herr, den Hund und das Kind / vom gleichen Stück Brot beißen / zwischen den Schutthaufen / und den Bergen von Müll / unter der zehrenden Sonne, die beide einschlafen lässt, zusammengerollt und versöhnt / mit dem kleinen Universum / des Stück Brots, / in dem noch die Zähne / des Engels sichtbar sind.“ Demgegenüber übersetzt Bergel das Gedicht „Piazza Busescht“: „Lass doch Herrin, den Hund und das Kind / beißen vom selben Stück Brot, / aus dem selben Haufen Abfall / und Dreck / unter der sengenden Sonne, / in der sie umschlungen / einschlafen mögen, versöhnt / mit der auf das Brotstück beschränkten Welt, / in dem noch die/ Zähne des Engels zu sehen sind.“

Ana Blandiana ist für mich die Autorin des Glücks in der Lyrik. Selbst in ihren düstersten Gedichten findet sie einen hellen Moment. Ihr reales Lächeln ist fast mythisch übertragen in ihren Gedichten: „Das Glück gleicht / einem poin­tillistischen Bild: / Kleine Farbenpunkte / ohne Beziehung zueinander / gewinnen manchmal Bedeutung, / manchmal auch nicht, lediglich der Schauer / einer unvollständigen Frage / bewirkend, / auf die du keine Antwort kennst, weil du die Frage nicht verstehst, du verstehst nur die Eindringlichkeit der Frage, der einige Punkte fehlen. („Einige Punkte“ – Bergel, Seite 143)

Der Verlust des Vaters, die Drangsalierungen durch die kommunistischen Machthaber, eine zeitweise ständige Bewachung durch den Geheimdienst, ein versuchter Mordanschlag in ihrem Wahldorf im Bărăgan – all das konnte diese aufrichtige Autorin nie erschüttern. Auch als man ihr nach der Wende die Präsidentschaft antrug, in der ersten bürgerlichen Regierung von 1996 nach der Abwahl von Präsident Iliescu, musste sie viel Häme einstecken, da ihr Wahlkandidat Constantinescu bald ins Zwielicht der politischen Öffentlichkeit geriet. Blandiana blieb die Botschafterin ihres Landes durch Schreiben und durch ihren Einsatz für die Bürgerfreiheiten und die Erinnerung in Rumänien, auch durch die Gründung einer Gedenkstätte in Sighet.

Katharina Kilzer



Ana Blandiana: „Uhren auf Schienen“, Gedich­te von Ana Blandiana – Auswahl und Nachdichtung aus dem Rumänischen von Franz Hodjak, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2009, 140 Seiten, Broschur. Preis: 15 Euro. ISBN 978-3-941037-46-5.

Ana Blandiana: „Die Versteigerung der Ideen. Gedichte. Aus dem Rumänischen von Hans Bergel“. Johannis Reeg Verlag, Bamberg 2009, 183 Seiten. Preis: 12,50 Euro zzgl. Versand. ISBN 978-3-937320-16-8.
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Schlagwörter: Rezension, Gedichtband, Rumänien

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Neueste Kommentare

  • 23.04.2010, 09:22 Uhr von bankban: Sehr schöne Rezension, hat mir sehr gut gefallen. Vielen Dank! [weiter]

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