9. Dezember 2010

Georg Guist und die Seinen bieten Ferien auf dem Bauernhof in Kärnten

Der Bergbauernhof „Ederhias“ in Obergail mit seinem bald 160 Jahre alten Hauptgebäude gehört zu Liesing, dem Hauptort der Gemeinde Lesachtal im südwestlichsten Teil Kärntens, eingeschlossen von den Lienzer Dolomiten (Osttirol) und den Karnischen Alpen, die mit einem etwa 20 Kilometer langen Gebirgskamm die Grenze zu Italien (Friaul) bilden.
Was man auf den Heckscheiben der PKW hier häufig lesen kann, klingt vielleicht zu absolut: „Lesachtal – das naturbelassenste Urlaubstal in Europa“ (manchmal wird auch „… umweltfreundlichste“ hinzugefügt). Dieser Superlativ wurde im Ausleseverfahren von zahlreichen Reisejournalisten zuerkannt und von der Kärntner Regierung offiziell anerkannt. Fünf Hauptorte mit 27 Weilern bilden die Gemeinde, die wenig mehr als 1 500 Einwohner hat. Obergail (unten im Tal fließt die Gail), in der Mitte zwischen dem Wallfahrtsort Maria Luggau und Birnbaum gelegen, ist eine der in prächtiger Berglandschaft entstandenen Streusiedlungen mit je fünf bis 30 Gehöften in 800 bis 1200 Meter Höhe.

An den Ederhias erinnert sich keiner mehr, er bleibt aber Traditionsname. Wer hier als Feriengast einkehrt, der wohnt beim Guist. Ja, das ist ein Familienname aus Siebenbürgen, genauer: aus Großscheuern, wo neben Fuss, Gabel, Gierlich und Grau eben die Guist zuhause waren. Den jetzt 85-jährigen Georg Guist hat es im Oktober 1949 hierher verschlagen und seither ist er da. 1943 musste er, kaum 17-jährig, zu den Waffen. Nach abenteuerlicher, zeitweise schrecklicher Kriegsgefangenschaft – fünf Jahre in Serbien und in bosnischen Bergwerken – durfte er nicht zurück nach Rumänien. Ein Freund und Leidensgefährte brachte ihn nach Liesing. „Sag, dass du ein Österreicher bist“, wurde ihm geraten. Der Bauernsohn, der er ja war, kann sich gleich verdingen, als Knecht auf dem Ederhais-Hof. Vier Jahre später heiratet Georg Guist die Tochter des Bauern. Die für das Standesamt notwendigen „Papiere“ schickt ihm sein Bruder aus Großscheuern. Allerdings kommt auch ein Brief mit skeptisch klingendem Inhalt von Vater Guist. Dann fährt der Schwiegervater aus dem Lesachtal selber nach Siebenbürgen, unangemeldet. Zufällig gibt es an jenem Wochenende eine sächsische Hochzeit in Großscheuern, zu der man ihn natürlich einlädt. Der Besucher aus Kärnten ist begeistert. Und sein Schwiegersohn, den er für seine Leistung schon immer geschätzt hat, erhält Pluspunkte, nun, nachdem man die Verwandtschaft kennt.

Enge Beziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg waren damals nicht gut möglich. Georg Guist wird, als er den Hof übernimmt, von der Nachbarschaft Obergail, die heute 16 Familienoberhäupter zählt, zu deren Obmann gewählt, ein Amt, das er fast 30 Jahre ausübt. Mit Erfolg, wenn man weiß, wie schwierig das Leben der Bergbauern einst war und wie anders es nun schon seit geraumer Zeit geworden ist. Ein Dokumentarfilm, den die Feriengäste in Liesing zu sehen bekommen, zeigt, was alles früher mit Wasserkraft bewältigt wurde: vom Wasser betriebene Seilwinden, um schwere Lasten den Berg hinauf zu bringen; sogar gepflügt wurde mit Wasserkraft an der Seilwinde! Fünf alte Wassermühlen in Maria Luggau sind auch heute noch betriebsbereit, nicht nur als Touristenattraktion. Lorenz, d e r Amateur-Dokumentarist vor Ort, zeigt an den Kulturabenden, die in der Urlaubszeit jeden Donnerstag im „Mühlenstüberl“ stattfinden, seine Dias von dazumal: Mini-Getreidefelder in über 1000 Meter Höhe, Hafer, Roggen, aber auch Weizen; Ernten mit der Sichel, Garbenbinden und -stapeln, Ackern mit dem Pferd (wer eines hatte), Düngen, Heumahd und das Überwintern mit dem Vieh. Dann die beschwerliche Waldarbeit …
Tüchtig und rüstig. Georg Guist beim Heumachen. ...
Tüchtig und rüstig. Georg Guist beim Heumachen. Foto: Ewalt Zweyer
Erst nach 1960 kam elektrischer Strom ins Tal. Von Liesing nach Obergail musste eine Straße in Serpentinen gebaut werden und eine Brücke über die Gail. Das alles erfolgte in nachbarschaftlicher Handarbeit, ohne Baumaschinen, denn solche gab es noch nicht. Auf dem Bauernhof bei Guist haben heute alle Räume Zentralheizung, es gibt fließendes Wasser in den Ferienwohnungen, einen angenehmen Komfort, freilich ohne Übertreibungen. Georg Guist senior hat vor Jahren schon eine Quelle am Waldrand aufgefangen und eingefasst, ein Sammelbecken von 16 Kubikmetern für die Wasserleitung gebaut, an die sich die Nachbarn anschließen konnten. Für die Bewirtschaftung von zehn Hektar Wiesen, und nicht nur dafür, gibt es den Traktor und anderes modernes Gerät, aber auch ein Dutzend Heurechen stehen bereit. Die meisten Feriengäste helfen beim Heumachen gerne mit.

Also doch Veränderungen im „naturbelassensten Urlaubstal Europas“?

Ja, aber in Grenzen. Was muss sein? Was darf sein? Hier gibt es nicht, wie drüben in Südtirol, in Schenna zum Beispiel beim Innerhofer-Sepp, den modern ausufernden Tourismus mit jeder Art von Fremdnutzung der Natur. Im Lesachtal gibt es kein Hotel, keinen Skilift, keinen Shuttle-Bus, keine Nachtbar, doch – allein in Obergail – drei gemütliche Gaststätten. Wer da konsequent und mit Erfolg gegen diverse Versuche einer Störung der traditionellen Almwirtschaft angekämpft hat, das war immer wieder Georg Guist senior.

Nun bietet die Gemeinde Lesachtal für Ferien auf dem Bauernhof von Mai bis Oktober immerhin etwa 1500 Betten an. Einige Gastgeber vermieten auch im Winter. Die Bauern haben ihre Stammgäste. Dies gilt besonders für Familie Guist. Und das sind Georg senior und Georg junior, der den Hof übernommen hat, seine Frau Maria Guist, die Seele des Familienbetriebs, und ihr Sohn Martin, der wie sein Vater auch Bergführer ist. Georg junior hat die Schreinerei erlernt und es bis zum Gesellen gebracht. Einen Meisterbrief braucht er nicht. Denn Meister sind sie eigentlich sowieso, die Guisten. Hand in Hand bewirtschaften drei Generationen Wiese und Wald (25 Hektar), einen stattlichen Viehbestand und alles, was dazu gehört. Ein neues Haus mit zwei Ferienwohnungen und Zimmer über der Schreinerwerkstatt und dem Tischtennisraum haben sie in traditionellem Holzbau – wunderschön die Kassettendecken! – fast nur in Eigenleistung errichtet, zuletzt dann noch das schmucke „Austragshaus“ für die Zeit, wenn Martin mal den Hof übernimmt.

Stammgäste, zu denen auch ein ehemaliger EU-Diplomat aus Luxemburg mit Gattin gehört, kommen alljährlich wieder, einige sogar schon zum 25. Mal. Sie erhalten dann Ehrenabzeichen und Treue-Urkunde, die der Bürgermeister oder sein Stellvertreter in feierlichem Rahmen überreicht.

Wie sollte man nicht verlockt sein, voraus zu buchen, hier, wo man aktive Erholung von bester Art genießt?! Ausflugsmöglichkeiten mit Steinpilz, Parasol und Pfifferlingen in Mengen und sozusagen vor der Nase. Heidel- und Preiselbeeren vom Obergailer Berg, geführte Klettertouren, das Erlebnisbad unten im Tal, das für die Gäste der Familie Guist gratis ist, das anspruchsvollere Tuffbad nicht weit vom Ort, die „Spielscheune“ und das „Märchenland“ für die Kinder, mit „Goldcamp“, „Druidenküche“ und „Philosophenecke“ sowie kunstvoll aus Baumstämmen, -ästen und -wurzeln geschnitzten Fabelwesen und Tierfiguren, dann die traditionelle Fahrt zu einem Gebirgssee auf der Alm, und der Würstel- und Liederabend am Lagerfeuer vor dem Ferienhaus – gesungen wird auch das Siebenbürgenlied. Und die Kinder können ihr Programm mit den Ziegen und Katzen haben, ja, sie dürfen auch versuchen, eine Kuh zu melken. Das alles wirkt magnetisch im „Versteckten Paradies“. Ebenso die Theater- und Musikdarbietungen der überraschend zahlreichen und begabten Laiengruppen, die ihre Gäste erfreuen. Nicht nur im „Mühlenstüberl“, wo es allerdings besonders angenehm zugeht und wo alles – Küche und Kultur – Niveau hat.

Mit 85 noch immer sehr tüchtig

„Opa Georg“ der mit seinen 85 Jahren jeden Morgen ab 6.00 Uhr und abends bis zur Vesper eigenhändig sein Stallprogramm durchzieht, der tagsüber in Haus und Hof nach dem Rechten sieht und für die Gäste kompetente Auskunft bereit hat, ist auch heute Respektperson am Ort. Genauso wie sein Sohn, der „Junior“, der schon gut über die 50 ist und das Amt des Obmanns der Nachbarschaft übernommen hat. Der Opa hat fünf Kinder – außer dem Sohn sind es vier Töchter, 16 Enkel und 17 Urenkel. Eine der Töchter und ihr Mann sind Landwirte bei Regensburg in der Oberpfalz. Die meisten aber sind im Lesachtal geblieben. So die Töchter Elfriede und Pauline mit Familien.

Elfriede, die Lehrerin, hat es auch zu einiger Berühmtheit in ortsspezifischer Sache gebracht. Mit dem Brotbacken im Holzofen nämlich. Nachdem eine Ethnologin aus Japan wiederholte Male zum Studium im Lesachtal weilte und darüber (in deutscher Sprache!) ein Buch mit dem Titel „Brot – Teil des Lebens“ geschrieben und veröffentlicht hat, wurde in diesem Jahr in Tokio ein aus dem Lesachtal stammender Holzofen in Betrieb genommen. Zur Einweihung flog die Liesinger Blaskappelle als Begleitung einiger Brotbäckerinnen nach Tokio, alles auf Einladung und auf Kosten der Japaner! Das Brotbacken mit Sauerteig nach althergebrachter Art und lokalen Rezepten hat im Lesachtal Kultwert. So ist auch das Dorf- und Brotfest, das am ersten Sonntag im September in Liesing gefeiert wird, Höhepunkt des Jahres für die ganze Gegend.

Georg Guist, der Opa, ist freilich als einziger im Lesachtal ein Siebenbürger Sachse und evangelisch. Das hat ihn nicht daran gehindert, die 1832 erbaute römisch-katholische Kapelle von Obergail, die vor der Einfahrt zum „Ederhias“ steht, 1988 zu renovieren. Im sonnigen Korridor des Ferienhauses zeugt der gerahmte große Bilderbogen „Heimat Siebenbürgen“ davon, dass er seine Herkunft nicht verleugnet. Im Gegenteil, es wird oft daran erinnert. Und Tochter Elfriede hat in ihrem Haus in Niedergail der großen Trachtenpuppe in Großscheuerner Mädchentracht einen Ehrenplatz gegeben. Ein wohltuendes Beispiel, wie ein Siebenbürger Landsmann, stets fleißig, klug und wach, sich in neuer Heimat integriert und bewährt hat.

Ewalt Zweyer

Schlagwörter: Österreich, Landwirtschaft, Reise, Porträt

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