30. März 2018

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Schmiergeld für die Ausreise

Wenn man Banater Schwaben glauben darf, dann ist in den 1980er Jahren so gut wie niemand aus Rumänien ausgereist, wenn er nicht „schmierte“, das heißt, wenn er nicht beträchtliche Summen an Leute zahlte, von denen man glaubte, sie hätten bei der Securitate Einfluss auf die Genehmigung von Ausreiseanträgen. Dieses Schmiergeldunwesen gab es auch in Siebenbürgen. Im Banat war es aber viel stärker ausgeprägt. Zu den berühmtesten Schmiergeldkassierern zählte der „Gärtner“ in Temeswar.
Seine „Tarife“ lagen zuletzt bei 16000 DM für einen Akademiker und 8000 DM für alle anderen. Das ist deutlich mehr als der „offizielle“ Ablösebetrag, den Bonn an Bukarest für deutsche Aussiedler zahlte; zuletzt waren es 8950 DM pro Person. Zu dem Schmiergeld in DM kamen erhebliche Beträge in Lei. Dass wir über das Schmiergeldunwesen im Banat einigermaßen im Bilde sind, verdanken wir aber nicht der Auskunftsfreudigkeit der Banater Schwaben, denn sie schweigen nach wie vor hartnäckig.

Einige Details über das Thema „Schmiergeld für die Ausreise“ veröffentlichte die rumänische Zeitung Timișoara International zu Beginn des Jahres 1994. In den Berichten ging es um hereingelegte Banater Schwaben, also um Leute, die geschmiert hatten, aber bis zum Sturz Nicolae Ceauşescus 1989 dennoch nicht ausreisen durften. Nach der rumänischen Revolution wandten sie sich an rumänische Gerichte, an die deutsche Botschaft in Bukarest sowie an den damaligen rumänischen Präsidenten Ion Iliescu und forderten ihr Geld zurück. Die Zeitung Timișoara International erfuhr davon, recherchierte weiter und enthüllte in mehreren aufeinander folgenden Ausgaben Einzelheiten über dieses Geschäft. In der Ausgabe vom 12. März 1994 veröffentlichte sie eine Liste mit 117 Namen von Leuten, die vom „Gärtner“ betrogen worden waren. Die Liste enthält genaue Angaben zu den entscheidenden Fragen: Wer hat ihm wann wie viel Schmiergeld für wie viele Personen gezahlt? Timișoara International enthüllte auch die Klarnamen der großen Banater Schmiergeldkassierer. Der „Gärtner“ hieß mit richtigem Namen Nicolae Căpraru. Außer ihm gab es in Temeswar aber noch den „Notar“ George oder Gheorghe Bogdan, den „Juristen“ Sava Simcelescu oder den Miliz-Hauptmann Viorel Bucur. Dem Netzwerk, das Bucur führte, gehörten dreizehn „Mitarbeiter“ an. Sie hatten die Aufgabe, das Schmiergeld von den Ausreisewilligen zu kassieren und bei Bucur abzuliefern. Auch die Klarnamen dieser „Mitarbeiter“ enthüllte Timișoara International. Darunter sind rumänische Namen ebenso wie deutsche oder arabische.

Dass wir die Namen der großen Schmiergeldkassierer in Arad kennen, verdanken wir dem deutschen Rechtsanwalt und CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Heinz Günther Hüsch. Dr. Hüsch verhandelte im Auftrag der Bundesregierung von 1968 bis 1989 mit Bukarest über die Ausreise von Deutschen aus Rumänien. In seinen Verhandlungen mit der rumänischen Seite protestierte er wiederholte Male gegen das Schmiergeldunwesen. Er nannte auch die Namen und Adressen der Schmiergeldkassierer. In Temeswar waren es die schon erwähnten Căpraru und Bogdan, in Arad Gheorghe Benea und Boc. Diese Namen tauchen auch in einem Protestschreiben auf, das die Bundesregierung 1983 durch Vertreter der deutschen Botschaft im Bukarester Innenministerium übergeben ließ. Wie Boc mit Vornamen hieß, wissen wir aber bis heute nicht.

Einiges über das Schmiergeldunwesen wissen wir darüber hinaus aus der Erinnerungsliteratur. In Chroniken von Banater Ortschaften, zum Beispiel Sackelhausen oder Alexanderhausen, oder in Autobiographien berichten Banater Schwaben, wann sie wen mit wie viel Geld bestochen haben, um selbst ausreisen zu dürfen oder um die Ausreise von Angehörigen zu erreichen.

Demgegenüber wissen wir über Schmiergeldzahlungen in Siebenbürgen fast nichts. Vor zwölf Jahren berichtete der inzwischen verstorbene rumänische Historiker Mihai Pelin, dass es in Hermannstadt einen Schmiergeldkassierer gab, den die Sachsen unter dem Namen „Schwarzer Mann“ („omul negru“) kannten. Einen weiteren Schmiergeldkassierer gab es Pelin zufolge in Agnetheln. Dieser Mann soll unter dem Namen „magaziner“ bekannt gewesen sein, zu Deutsch in etwa „Lagerhalter“. In einem Interview von 2006 für das rumänische Fernsehen nennt Pelin aber für keinen der beiden Männer einen Klarnamen. Auf einer Rumänien-Tagung, die im Februar 2018 in Bad Kissingen stattfand (Bericht in der SbZ Online vom 19. März 2018), bestätigten Teilnehmer, dass es den „Schwarzen Mann“ in Hermannstadt tatsächlich gegeben habe. Einzelheiten wollte aber niemand preisgeben. „Ich weiß, wer er ist. Aber ich nenne seinen Namen nicht. Viele hier kennen ihn und wären geschockt, wenn sie ihn hörten.“ Mehr als Aussagen dieser Art kamen weder in den Wortmeldungen nach dem Vortrag über das Thema „Freikauf Rumänien“ noch in Einzelgesprächen. So spannend solche Andeutungen auch klingen mögen, „letztlich führen sie nicht weiter, nennen wir nicht Ross und Reiter“.

Ernst Meinhardt




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Schlagwörter: Rumänien, Rumäniendeutsche, Ausreise, Securitate

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