17. November 2010

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Zum 100. Geburtstag der Dramatikerin Maria Haydl

Wer sich in diesem Herbst aufmachte, um in Siebenbürgen das „sächsische Vaterunser“ zu hören, hatte Glück. Er konnte das Gebet, das einst von Broos bis Draas in Mundart ertönte, gleich zweimal vernehmen: am 3. Oktober in Hermannstadt, gesprochen von Pfarrer Walther Seidner, und am Reformationsgottesdienst (31. Oktober) im benachbarten Michelsberg, gebetet von Pfarrer Wolfgang Rehner.
Pfarrer Seidner sprach das „sächsische Gebet“, dem Viktor Kästner (1826 -1857) im Gedicht „Sachsesch“ ein Denkmal gesetzt hatte, am Grab der Mundartdramatikerin Maria Haydl (1910 – 1969), deren Geburtstag sich in diesem Jahr zum hundertsten Male jährte. In der Gedenkfeier, die anschließend in der Johanniskirche in Hermannstadt stattfand, erinnerten sich Dr. Gerhard Konnerth und die Schriftstellerin Ricarda Terschak in ihren Ansprachen an die Zeit, als sie die Lehrerin beziehungsweise Freundin Maria Haydl kennen und schätzen lernten. „Zum Schweigen waren wir verurteilt und begannen zu schreiben. Maria schrieb, ohne zu wissen, ob es noch jemanden geben würde, der ihre Texte liest“, erinnerte sich Terschak. „Der Vereinsamung, der Gefahr preisgegeben, saßen wir auf Koffern: Gehen wir? Bleiben wir?“

Maria Haydl im Jahr 1943. Foto: Gisi Raikich ...Maria Haydl im Jahr 1943. Foto: Gisi RaikichBeide, Maria Haydl und Ricarda Terschak, blieben in Siebenbürgen. Haydl schrieb Theaterstücke in sächsischer Mundart und deutscher Sprache, die auf den Dorfbühnen gespielt wurden und großen Anklang fanden. Das bekannteste dürfte „Und wonn hië dennich kit“ sein, das das Thema des Heimkehrers aus dem letzten Krieg behandelt. „Versäck deng Gläck“, „Meng Vueter“, „De Breokt än der Wengkoff“ und „Wō blëiwen de Männer?“ sind weitere Stücke, deren Stoffe und Motive der siebenbürgisch-sächsischen Welt, die im Wandel begriffen war, entnommen wurden und Ende der 1950er und Mitte der 1960er Jahren entstanden sind. Es sei ihr gelungen, „im Spezifischen das allgemein Existenzelle darzustellen“, heißt es im Vorwort zu ihrem Sammelband „Und wonn hië dennich kit. Heitere und ernste Bühnenstücke in siebenbürgisch-sächsischer Mundart“ (Eigenverlag, Hermannstadt 2006). Gleichzeitig sei sie gerade dadurch „der Gefahr einer Ideologisierung entgangen“, wird noch gesagt. Dass das in jenen Jahren nicht einfach war, darauf machte Terschak aufmerksam: „Wir wussten auch, dass es Komplikationen geben würde. Was man als Wert erkannt, nicht mehr achten zu dürfen, Wertloses in hohen Tönen preisen zu müssen. Die Umpolung aller Werte protestlos ertragen zu müssen.“ Pfarrer Walther Seidner hielt am 3. Oktober 2010 ...Pfarrer Walther Seidner hielt am 3. Oktober 2010 eine Andacht in sächsischer Mundart am Grab der Mundartautorin Maria Haydl in Hermannstadt. Foto: Andrey Kolobov Dr. Konnerth deutete in seiner Rede auf einen anderen Aspekt jener problematischen Zeit hin, mit der sich ein sächsischer Autor innerlich auseinanderzusetzen hatte: „Unbegreiflich erscheint uns heute die gewaltige Heimsuchung unserer Eltern und Großeltern, unserer Lehrer und Betreuer, das für uns damals undurchdringliche Verhängnis Deportation in die Zwangsarbeit nach Russland, und ebenso unbegreiflich das Wunder des inneren Widerstands und der Kraft unserer Großeltern und Lehrer, sich aus dieser unverschuldeten Not zu befreien.“ Haydls Theaterstücke sind teils aus dieser Not entstanden, sie war eine der wenigen Schriftsteller bzw. Schriftstellerinnen, die der oft allein gelassenenen sächsischen Landbevölkerung einen Hoffnungsschimmer zeigten. Dass ihre Stücke heute bei den sächsischen Aussiedlern in Deutschland eine Neubelebung erfahren, hängt wohl auch mit dem Gefühl des Verlustes zusammen, aus dem sie in schmerzlicher Weise entstanden sind.

Pfarrer Walther Seidner machte in seiner eingangs gehaltenen Predigt zur Gedenkfeier auf das Leben der Mundartdichterin, auf ihr Schicksal aufmerksam: Maria Haydl wurde am 23. September 1910 in Arbegen geboren. Ihr Vater Friedrich Emil Haydl war Lehrer und Pfarrer, ihre Mutter Maria Regina entstammte dem Bauernstand. Die junge Maria besuchte das Gymnasium in Hermannstadt und studierte darauf Mathematik in Klausenburg. Hier lernte sie ihren Ehemann, den Kaufmann und Puppenspieler Walter Hatzack kennen, von dem sie sich 1949 allerdings trennte. Vier Kinder entstammen der Ehe. Als Mathematiklehrerin arbeitete Maria Haydl in Hermannstadt, wo sie sich aktiv am literarischen Leben der Stadt beteiligte. Zwischen 1958 und 1960 war sie zuständig für die Kulturtätigkeit in den Kulturheimen des Rayons Hermannstadt. 1953 erschien ihr Jugendroman „Andreas“ (Bukarest 1953), der ihr die Mitgliedschaft im rumänischen Schriftstellerverband einbrachte. Einen zweiten Roman – „Muscheln aus Sulina“ – vollendete sie in einer Zeit, in der sie mit einer schweren Krankheit kämpfte. Sie starb am 28. September 1969 in Hermannstadt.

1968, ein Jahr vor ihrem Tod, erschien in der „Hermannstädter Zeitung“ ihre Erzählung „Eine Truhe voll Kupferkreuzer“. Im Prosa- und Gedichtband mit dem gleichen Titel, der 16 Erzählungen und fünf lyrische Texte enthält (Maria Haydl, Eine Truhe voll Kupferkreuzer. Prosa und Gedichte. Illustrationen von Ricarda Terschak, Eigenverlag, Hermannstadt 2008), macht Dr. Gerhard Konnerth im Vorwort auf die Widersprüche in den Prosadichtungen aufmerksam. Die moralisch-ethische Einstellung der Autorin werde erst hintergründig offenkundig, erlaube ihr aber mit den ihr zur Verfügung stehenden literarischen Möglichkeiten, sich politisch nicht artikulieren zu müssen. Es sei dies nämlich ihre Antwort auf die raue Wirklichkeit ihrer Zeit gewesen. Ricarda Terschak bemerkte abschließend in ihrer Gedenkrede über Maria Haydl: „Sie steht vor uns wie ein Baum, der soviel erbrachte, wie ihm aufgetragen war.“

Der Band „Eine Truhe voll Kupferkreuzer“, der noch aufliegt, kann über folgende Adresse bestellt werden: Uwe Hatzak, Lortzingstraße 5, 90429 Nürnberg, Telefon: (09 11) 3 22 32 48. Unkostenbeitrag in Deutschland (inklusive Versand): 11,85 Euro.

FS.

Schlagwörter: Mundartautoren, Hermannstadt

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