8. März 2026

Ein Jahr Hermannstadt: Annette Königes berichtet aus dem Leben einer „Heruntergekommenen“

Nach Rumänien zurückkehren? Niemals! Zu Besuch ja – ab und zu – aber doch nicht dort leben, wieder, nachdem ich 1981 heilfroh war, in die Freiheit und in das Land meiner Sprache auszuwandern, das „Elend“ hinter mir zu lassen, um an der Seite meines Mannes in Deutschland ein neues Leben aufzubauen.
Die Zeidner Hans und Annette Königes gehören zu ...
Die Zeidner Hans und Annette Königes gehören zu den „heruntergekommenen“ Sachsen, die nach vielen Jahren Deutschland einen Neustart in Siebenbürgen wagten – im Bild in der ev. Stadtpfarrkirche in Hermannstadt.
München wurde zu meiner zweiten Heimat – es ist tatsächlich möglich, mehrere Heimaten zu haben, – in der ich mich wohl fühlte, wo ich Wurzeln schlug, wo meine Kinder geboren sind, wo wir ein Haus bauten und einen großen Freundeskreis immer noch haben. Ich wurde sogar Stadtführerin und brachte Menschen aus aller Welt „mein“ München näher, aber auch in München lebenden Siebenbürgern unter dem Motto: Wer Wurzeln schlagen will, sollte den Boden gut kennen. Ich lernte also den Boden gut kennen und schlug Wurzeln. Die Zukunft war klar. Bis zu unserer Rente haben wir die Schulden für das Haus abbezahlt, so dass wir dann entspannt und ohne Sorgen das Alter genießen können, in der Nähe unserer Kinder, unserer Enkel und unserer Freunde. So der Plan. Soweit so gut. Und jetzt? Wir sind im Alter angekommen, aber nicht in unserem Haus (das ist vermietet), nicht bei unseren drei Kindern und zwei Enkeln, nicht bei unseren Freunden.

„Siehe, ich mache alles neu“, ist heuer die Jahreslosung der Evangelischen Kirche. Für uns hat das Neue im Januar 2025 begonnen – in Rumänien, in Siebenbürgen, in Hermannstadt. Eigentlich schon im Sommer 2024, während des großen Sachsentreffens dort, als Hans, mein Gatte, von der Landeskirchenkuratorin gefragt wurde, ob er sich nicht um die Öffentlichkeitsarbeit der Landeskirche kümmern möchte, nachdem er ein Leben lang als Journalist gearbeitet hat. Für mich, die ich im Tourismus tätig war, würde sich wohl auch etwas finden.

Kommt nicht in Frage! Das war unsere erste Reaktion. Wir konnten uns das erstmal gar nicht vorstellen, zumal wir noch nie den Gedanken hatten, wieder in Rumänien zu leben. Auf der Heimfahrt nach München haben wir viel diskutiert und uns schließlich darauf geeinigt, dass wir das Experiment wagen wollen. Ein Jahr erstmal, dann schauen wir weiter.

Am 9. Januar 2025 ließen wir alles zurück und machten uns auf in das Abenteuer Hermannstadt und Landeskirche. Nun ist ein Jahr vergangen, das zweite hat begonnen. Wir bleiben noch. Hans war sofort mitten drin und voll beschäftigt, um in seine neue verantwortungsvolle Rolle hineinzuwachsen. Mir fiel der Anfang etwas schwerer. Ich hatte viel Freizeit, aber kaum Veranstaltungen, kaum Ablenkung, keine Aufgaben.

Also bewarb ich mich als Kirchenführerin bei der Evangelischen Stadtpfarrkirche. Ab ersten März konnte ich meine neue Arbeit antreten im schönsten Gebäude der Stadt. Die frisch renovierte Stadtpfarrkirche erfüllt mich mit Freude und Stolz. Ich darf hier arbeiten und diesen wunderbaren gotischen Bau mit all seinen Schätzen den Gästen näher bringen. Dazu gehört immer auch die Siedlungsgeschichte der Siebenbürger Sachsen.

Ich habe sehr viel gelernt in diesem ersten Jahr. Schließlich möchte man die Fragen der Gäste beantworten können, etwa: Was heißt lutherisch, wer sind die Protestanten, was ist der Unterschied zwischen den Orthodoxen, den Katholiken, den Protestanten, warum sind die Sachsen ausgewandert und vieles mehr. Mit jeder Frage lernte ich dazu und es hört nie auf.

Es ist mir ein besonderes Anliegen, die rumänischen Gäste für den herausragenden Wert der Kulturgüter, die die Siebenbürger Sachsen hinterlassen haben, zu sensibilisieren. Aber auch internationale Gäste lassen sich begeistern. Ganz besonders genieße ich die persönlichen Gespräche. Ich frage oft Gäste, wieso sie sich Rumänien als touristisches Ziel ausgewählt haben, wie es ihnen gefällt, was sie besuchen … Immer wieder kommt es zu interessanten Gesprächen. Ja, ich habe meinen Platz gefunden.

Es ist aber nicht nur die Arbeit, die unserem Leben hier einen Sinn gibt. In der Freizeit gehen wir oft aus, nehmen an vielen Veranstaltungen teil, lernen interessante Menschen kennen mit unterschiedlichsten Lebensläufen. Zurückgekehrte Sachsen, aber auch Deutsche, Holländer, Österreicher, die sich dauerhaft hier niedergelassen haben. Wir haben auch einige Bukarester Rumänen kennengelernt, die die Lebensqualität in Siebenbürgen schätzen und hier interessante Projekte umsetzen.

Und ja, manchmal vermisse ich meine Freundinnen aus München, selbstverständlich auch die Nähe zu unseren Kindern und Enkeln. Aber Hermannstadt hat ja einen Flughafen mit guter Anbindung. Also verbringe ich öfters mal eine Woche in München und – wir haben oft Besuch von Freunden und Bekannten. Immer wieder kommt mal eine WhatsApp: Wir sind gerade in Hermannstadt. Seid ihr da? Können wir uns sehen? Meist gibt es dann eine Führung in der Kirche mit anschließender Einkehr in einem Café.

Ich kann nicht sagen, dass ich hier zuhause bin. Dafür bin ich noch nicht lange genug hier. Ich bin aber auch keine Touristin. Dafür bin ich zu lange hier. Da unser Haus in München vermietet ist, fühle ich mich mittlerweile eher in München als Touristin.

Wie unsere Zukunft aussieht, wissen wir nicht. So klar es für uns einmal war, so unklar ist es heute. Ein eigenartiges Gefühl, mit bald 70 Jahren, wenn man eigentlich zur Ruhe kommen will, die Zukunft so offen zu wissen. Zurück zum Jetzt: Solange wir gesund sind, machen wir hier in Hermannstadt weiter. Danach schauen wir mal.

Annette Königes (gekürzt aus Hermannstädter Zeitung)

Schlagwörter: Erfahrungsbericht, Hermannstadt

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