16. Juni 2020

Zeit der Entgrenzung und des Wandels: Das Münchner Verbandsblatt in den frühen Jahrzehnten nach der Wende

Wenn der Schreiber dieser Zeilen die gut zwei Jahrzehnte charakterisieren sollte, in denen er für die Siebenbürgische Zeitung verantwortlich zu zeichnen hatte, würde er zwei Begriffe wählen, die seine Arbeit bestimmt haben: „Entgrenzung“ und „Wandel“. Für ihn, der aus einem Pressewesen kam, in dem totalitärer Zwang, Gängelung und Zensur geherrscht hatten, denen man als Zeitungsmacher mit Kompromissen und Winkelzügen zu begegnen suchte, wurde die unbehinderte Meinungsäußerung zur Erfahrung von Freiheit, die man nach Kräften nutzen durfte. Dazu kam bei seinem Antritt die Wende in Osteuropa, auch in seinem Herkunftsland, die dem Blatt, für das er zu schreiben hatte, neue Ausrichtungen und Wandlungsfähigkeit abforderten.
Hannes Schuster ...
Hannes Schuster
Bis dahin hatte sich die Zeitung in der Hauptsache als wichtigstes Mittel gruppenspezifischer Kommunikation und Selbstdarstellung der in Deutschland und Österreich ansässig gewordenen Siebenbürger Sachsen verstanden, deren Gemeinschaftsleben sie breit reflektierte. Hinzu kamen ab etwa Mitte der 1970er Jahre mit der fortschreitenden Radikalisierung der Ceauşescu-Diktatur kritisch-polemische Texte des damaligen Chefredakteurs Hans Bergel, die mit aller publizistischen Schärfe die inhumanen ­Auswüchse des rumänischen Nationalkommunismus gegeißelt hatten. Die Situation im Herkunftsland änderte sich jedoch im Dezember 1989 schlagartig mit dem Sturz des Regimes. Rumänien unternahm erste Schritte hin zur Demokratisierung seiner Gesellschaft und öffnete seine Grenzen.

Nun begann das, was als „Exodus“ der Siebenbürger Sachsen bezeichnet wurde: Innerhalb von gut zwei Jahren siedelten Tausende von ihnen aus oder stellten Anträge zur Aufnahme in Deutschland. Dem musste die Redaktion Rechnung tragen. Einerseits versuchte die Bundesregierung, mit einschlägigen Entscheidungen und Maßnahmen den massenhaften Zuzug zu bremsen. Dagegen schrieb die Zeitung mehrfach an und pochte auf das Recht der freien Wahl des Wohnorts. Auf der anderen Seite brachten die Neuankömmlinge enge, noch relativ lebendige Bindungen an ihr Herkunftsland mit, die von der Redaktion nicht außer Acht gelassen werden durften. Und da der freie Informationsfluss aus Rumänien nun möglich war, legte sich das Blatt einen festen Korrespondenten in Siebenburgen zu. Bereits im Februar 1990 wurde dafür der Hermannstädter Journalist Martin Ohnweiler gewonnen, der ab dann für jede Ausgabe jeweils eine Nachrichtenspalte und einen längeren, aktuellen Bericht aus Siebenbürgen lieferte. Für das Weiterbestehen dieser Offenheit sorgte mit Erfolg Siegbert Bruss, der, nach dem allzu frühen Tod Ohnweilers, die nutzbringende Zusammenarbeit mit einer Reihe von neuen siebenbürgischen Korrespondenten pflegte und heute noch umsichtig pflegt.

Natürlich haben Ohnweiler und die Redaktion in München ihre Offenheit, wie das im deutschen Pressewesen üblich ist, von Anfang nicht als nur affirmative Berichterstattung verstanden, sondern dort, wo Anlässe gegeben waren, sich auch kritische Anmerkungen erlaubt. Das hat wiederholt zu Unmutsäußerungen bei einigen Vertretern der in Siebenbürgen verbliebenen Landsleute geführt. Die Anmerkungen reichten von herabwürdigenden Leserbriefen über Klageschriften an die deutsche Botschaft in Bukarest und bis zu einem Brief an die Führung des Verbands, der Fakten aus dem Leben des Schreibers dieser Zeilen grob entstellte, um ihn in den Augen des Herausgebers zu kompromittieren. Die Redaktion und ihre Korrespondenten sind jedoch ihrer Linie treu geblieben in der festen Überzeugung, auf diese Weise der gemeinsamen guten Sache eher zu dienen.
Dinkelsbühl 1990, ein Gipfeltreffen, von dem ein ...
Dinkelsbühl 1990, ein Gipfeltreffen, von dem ein Jahr zuvor noch niemand zu träumen gewagt hätte: Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit Thomas Nägler, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, und Dankwart Reissenberger, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft. Unter den Ehrengästen, 2. Reihe, v.l.: Brukenthalschuldirektor Hermann Schmidt, Stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Ingrid von Friedeburg-Bedeus, Volker Dürr, Stellvertretender Bundesvorsitzender, und Doina Nägler. Foto: Konrad Klein
Auch sind die Spannungen der frühen Zeit in den 1990er Jahren zunehmend abgebaut worden. Das lag vor allem an dem Verband und den Initiativen seiner Bundesvorsitzenden, die Schritt für Schritt für die Annäherung zwischen der Landsmannschaft, wie der Verband damals noch hieß, und dem Siebenbürgenforum, der Organisation der im Herkunftsland verbliebenen Landsleute, beförderten. Das begann mit Initiativen wie der Gründung der „Saxonia“-Stiftung in Kronstadt unter dem Bundesvorsitzenden Dankwart Reissenberger, setzte sich unter Volker Dürr fort, der besonders die Zusammenarbeit mit der Heimatkirche vorantrieb und unter dem das Forum Mitglied der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen wurde, und gipfelte in zahlreichen Initiativen von Bernd Fabritius, der sich auf sehr zahlreichen Tätigkeitsfeldern um eine enge Kooperation mit dem Forum und mit dem Herkunftsland überhaupt verdient gemacht hat. Heute sind im Verband Wandel und Entgrenzung weitestgehend institutionalisiert.

Doch nicht nur die Initiativen und Aktionen in dieser Richtung hat die Siebenbürgische Zeitung publizistisch aktiv begleitet, sondern sie war auch mit zum Teil problematischen Entwicklungen in der Bundesrepublik selbst, speziell in deren Aussiedlerpolitik konfrontiert. Hier war in vielen Fällen ihr kritischer Geist gefragt. So beispielsweise im Zusammenhang mit dem sogenannten „Kriegsfolgenbereinigungsgesetz“, das zum 1. Januar 1993 in Kraft treten sollte. Bereits im September 1991, also ein Jahr vor den entscheidenden Debatten im Bundestag, war dem Verantwortlichen Redakteur der Wortlaut des neuen Gesetzentwurfes zugespielt worden. Sofort protestierte das Blatt gegen die im Entwurf vorgesehene strenge Beschränkung des Spätaussiedlerzuzugs. Damit handelte sich die Redaktion Dementis aus Bonn und, aus der Deutschen Botschaft in Bukarest, den Vorwurf der „Panikmache“ ein, hatte doch Außenminister Hans-Dietrich Genscher gerade bei seinem jüngsten Besuch in Rumänien versprochen: „Das Tor bleibt offen!“, was sich dann als leeres Versprechen herausstellen sollte. Das Forum sprach sogar von einer „grundlosen Verhetzung der Bleibewilligen“ in Rumänien durch das Münchner Blatt. Dieses sollte dennoch mit seinen Warnungen Recht behalten, und es war den Demarchen des Verbands und seines Bundesrechtsreferenten Johann Schmidt sowie den publizistischen Feldzügen der Zeitung zu verdanken, dass die Einschränkungen insoweit abgemildert wurden, als die Durchführungsbestimmungen zum Gesetz die „Vereinsamung“ in den von Deutschen fast gänzlich verlassenen ländlichen Ortschaften Siebenbürgens als „Benachteiligung“ und damit als hinlänglichen Aussiedlungsgrund anerkannten. So blieb das vielzitierte „Tor“ einen schmalen Spalt breit „offen“, der noch von manchen Landsleuten genutzt werden konnte.

Lediglich mit einem nur geringfügigen Teilerfolg endeten die publizistischen Feldzüge der Siebenbürgischen Zeitung allerdings gegen die um die Mitte der 1990er Jahre zum Nachteil der Spätaussiedler verhängten Rentenkürzungen, die im September 1996 durch das „Wirtschafts- und Beschäftigungsförderungsgesetz“ in Kraft traten. Die Redaktion begleitete kontinuierlich die Aktionen des Verbands, der gegen die Kürzung über eine eigens dafür geschaffene „Interessengemeinschaft“ auch den juristischen Weg durch die Instanzen beschritt, doch alle Bemühungen blieben ohne das erhoffte Ergebnis, obzwar es für bestimmte Übergangszeiten geringfügige Nachzahlungen gab.
Chefredakteure unter sich: Als diese Aufnahme auf ...
Chefredakteure unter sich: Als diese Aufnahme auf dem Heimattag von 2010 in Dinkelsbühl entstand, war der ehemalige Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung Hannes Schuster (rechts) bereits acht Jahre im Ruhestand. Aber auch Siegbert Bruss, der neue, machte einen entspannten Eindruck. Foto: Konrad Klein
Im Rückblick waren die beiden Jahrzehnte nach der Wende eine bewegte Zeit für das Blatt, mit guten Ergebnissen in der Interessenvertretung der Landsleute, aber auch mit weniger erfolgreichen Unternehmungen. Bescheinigen kann man ihm trotzdem anstandslos, dass seine Leser ihm dennoch in beachtlicher Zahl die Treue gehalten haben, Landsleute, in deren Dienst es sich nach wie vor weiß.

Für den Schreiber dieser Zeilen waren die Jahre in der Redaktion ebenso bewegt, mit Herausforderungen, denen er zu entsprechen hatte, mit Stunden des Suchens und der Genugtuung, vor allem aber mit der Freude am freien, zwanglosen Äußern von eigenen Gedanken und Überzeugungen.

Hannes Schuster

Schlagwörter: Siebenbürgische Zeitung, Jubiläum, Hannes Schuster, Geschichte

Bewerten:

22 Bewertungen: +

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.