24. Juni 2025

Hans Bergels „Politische Schlagzeile“: engagierter und wortgewaltiger Kommentator des Zeitgeschehens

Hans Bergel hat als Chefredakteur der Siebenbürgischen Zeitung von 1971 bis 1989 in der Kolumne „Die politische Schlagzeile“ die Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in der Europäischen Gemeinschaft, in Rumänien, der Nato und weltweit kommentiert. Der Berliner Verlag Frank & Timme nimmt Hans Bergels 100. Geburtstag am 26. Juli dieses Jahres zum Anlass, ein Buch mit einer großzügigen Auswahl seiner gesellschaftskritischen Rubrik zu veröffentlichen. Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem Vorwort des Herausgebers Dr. Stefan Sienerth.
Stets ein unbestechlicher Beobachter des ...
Stets ein unbestechlicher Beobachter des Zeitgeschehens: Hans Bergel (hier mit seinem Tonbandgerät Uher Report) berichtete für den Bayerischen Rundfunk jahrelang auch vom Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl (1981). Foto: Konrad Klein
Mit Hans Bergel (1925-2022) hatte am 1. Januar 1971 die Schriftleitung der Siebenbürgischen Zeitung eine der interessantesten, vielseitig begabtesten und markantesten sächsischen Persönlichkeiten seiner Generation übernommen. Bis dahin hatte der nicht lange davor aus dem rumänischen Kronstadt am 9. März 1968 ausgesiedelte Schriftsteller und Journalist, u.a. als Maurer, Nachtwächter, Bürokraft und Ghostwriter gearbeitet. Nun erhielt er eine feste Anstellung im vertrauten Metier und konnte seine berufliche Tätigkeit nicht nur gewissenhaft und professionell ausüben, sondern auch über fast zwei Jahrzehnte das Profil des Periodikums dauerhaft und nachhaltig prägen.

Hans Bergel hat in dieser Periode die Zeitung, die seit 1950 als Vereinsorgan der „Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen in Deutschland“ in rund zwanzig Folgen pro Jahr herausgegeben wurde, sozusagen im Alleingang betreut und verantwortet. Die gesamte journalistische und organisatorische Arbeit wurde von ihm geleistet, zeitweilig bloß von einer Schreib- und Bürokraft in Teilzeit unterstützt. Sein Aufgabengebiet reichte vom Verfassen einer Unmenge von eigenen Beiträgen über das Beschaffen weiterer Materialien und deren Redigierung bis zur Gestaltung und Vorbereitung der Texte und Bildbeilagen für den Druck. Korrespondenz mit Vereinsmitgliedern und -vorgesetzten, Mitarbeitern und Lesern, mehrfache Korrekturgänge und Drucküberwachung sowie alles, was unter den damaligen Bedingungen zur Herausgabe und zum Vertrieb anstand, gehörte ebenfalls zu den Obliegenheiten des Redakteurs.

Die Siebenbürgische Zeitung war ursprünglich mit dem Ziel gegründet worden, die Anliegen der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen zu artikulieren, den vielfach nun in der Zerstreuung wohnenden und den durch zunehmende Aussiedlung dazugestoßenen Landsleuten Gemeinschaft, Bindung und Orientierungshilfe zu bieten. Rechtsberatungen, Fragen die Eingliederung in ein neues Staats- und Gesellschaftswesen und die Möglichkeiten der Familienzusammenführung betreffend, aber auch Informationen über die vorerst zaghaft in Angriff genommenen landsmannschaftlichen Aktivitäten und kulturellen Veranstaltungen standen anfänglich im Vordergrund der Berichterstattung.

Auch während der redaktionellen Zuständigkeit Hans Bergels nahmen solche Themen weiterhin einen breiten Raum in den einzelnen Zeitungsfolgen ein. Doch bald gesellten sich zu den traditionellen Themenfeldern weitere Fragestellungen, die eine Ausweitung und Auffächerung zur Folge ­hatten. Außer dem Kernbestand an Stoffen, die unmittelbar und ausschließlich seine Landsleute betrafen und der über die Jahre gleichblieb, traten zunehmend auch umfassendere Probleme in den Fokus des Journalisten. Die Zahl der Artikel, in denen er sich mit aktuellen Fragen der Zeit auseinandersetzte, nahm sprunghaft zu, seine gesellschaftskritischen Einlassungen zur politischen Situation in der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in der Europäischen Gemeinschaft, in der Nato und weltweit, gehörten bald zu gern behandelten Gegenständen des Zeitchronisten.

Vor allem aber weitete Hans Bergel seinen journalistischen Blick auf die Situation der Menschen im sozialistischen Machtblock, der Sowjetunion, der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und der anderen Länder des Warschauer Paktes aus, wobei mit unnachgiebiger Konsequenz vor allem die Lage im kommunistischen Rumänien immer wieder angesprochen, diskutiert und beschrieben wurde. Und in diesem Rahmen war es die rumäniendeutsche Minderheit und insbesondere die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft, deren Schicksal in einem von einer despotischen kommunistischen Diktatur regierten Land er sein Hauptaugenmerk widmete. Es war eine beeindruckende Aufklärungsarbeit, die Hans Bergel für seine Leser leistete und die ihn zu einem kundigen und einflussreichen Kommentator des Zeitgeschehens werden ließ.

Um solchen Abhandlungen Stetigkeit zu verleihen, richtete Bergel unmittelbar nach der Übernahme der Redaktion auch die Kolumne „Die politische Schlagzeile“ ein, die er über den gesamten Zeitraum seiner Tätigkeit ausnahmslos selbst verfasste und sie als besonderes Merkmal der Siebenbürgischen Zeitung beibehielt. Mit dieser legendären Kolumne, die er wohl in Anlehnung an das berühmte „Streiflicht“ der renommierten Süddeutschen Zeitung ins Leben rief und sie – auch hierin seinem Vorbild folgend – immer an derselben Stelle, in seinem Fall links auf Seite 2, der Zeitung anbrachte, hatte sich Bergel ein publizistisches Forum für seine Weltsicht geschaffen, das ihm in jenen Jahren mindestens so wichtig war wie die Bücher, die er damals schrieb und veröffentlichte.

Hans Bergels kritischen Stellungnahmen fanden Zustimmung nicht nur bei seinen siebenbürgischen Landsleuten, er erreichte auch weitere Leserkreise. „Nicht wenige“ von den hunderten „Politischen Schlagzeilen“, die in der Zeitung erschienen, betonte Bergel, als er sich Januar 1989 von der Redaktion verabschiedete, seien „von Zeitungen und Zeitschriften in mehreren Ländern übernommen und von Funkhäusern ausgestrahlt“ worden (Hans Bergel: Die politische Schlagzeile. In: Siebenbürgische Zeitung vom 31. Januar 1989). Das sei, versicherte der scheidende Herausgeber, hauptsächlich auf die „lebendige Anteilnahme“ an den vielen in der „Politischen Schlagzeile“ zur „Sprache gebrachten Fragen“ zurückzuführen, die seine Leser „als Siebenbürger, als Deutsche, als Europäer beschäftigten, herausforderten und erregten“.

Was die Leser vermutlich besonders beeindruckte und sie veranlasste, auch über Jahre mit nicht nachlassender Neugierde seine „Politische Schlagzeile“ zu verfolgen und ihrem Autor die Treue zu bewahren, hängt wohl auch damit zusammen, dass ein engagierter, eigenständig und freiheitlich denkender Journalist kritisch die Zeitläufte und die politische Lage in der Welt beobachtete und sich skeptisch gegenüber den politischen Aufgeregtheiten und Modethemen seiner Gegenwart verhielt. Sie nahmen Hans Bergel als Berichterstatter wahr, der mutig Stellung zu gesellschaftlichen Themen bezog und dessen Meinungen von jenen durch die damaligen Medien verbreiteten oft erheblich abwichen. Nicht wenige seiner Anhänger bewunderten auch den wortgewaltigen Duktus des talentierten Journalisten und Schriftstellers, seine in der Regel präzise und sachlichen Schilderungen, die nicht selten jedoch ironisch und gelegentlich sogar voller Sarkasmus sein konnten.

Als einer der bis zu seiner Aussiedlung nicht nur innerlich widerständig im kommunistischen Rumänien gelebt hatte, sondern auch Diktatur und Unfreiheit durch seine mehrjährige politische Gefängnishaft im rumänischen Gulag leibhaftig erfahren hatte, distanzierte er sich aus tiefster Überzeugung von jeder Form des Totalitarismus und trat beherzt für bedingungslose Freiheit und vorurteilsfreies Denken ein. Nachdem er im Kontrast dazu nach dem Landeswechsel und seiner Einbürgerung in der Bundesrepublik Deutschland Rechtssicherheit kennengelernt hatte, war ihm bewusst, dass ihm das Schreiben und die freie Meinungsäußerung in der Demokratie niemand verbieten könne. Als Bürger seiner neuen Heimat, als Journalist und Schriftsteller empfand er es sogar als Pflicht, nun in publizistischer Unabhängigkeit sich einzumischen und sich politisch und gesellschaftlich zu artikulieren. Zu Recht konnte Hans Bergel bei seinem Austritt aus der Redaktion resümieren, er habe in seiner „Politischen Schlagzeile“ niemals „ein Hehl“ aus seiner „Meinung“ gemacht, „über das“, was er „als Verlogenheit und doppelte Moral, als Scheinheiligkeit, Dummheit und Servilität“ erkannt und „zu entlarven für wert“ befunden habe (ebenfalls in Hans Bergel: Die politische Schlagzeile. In: Siebenbürgische Zeitung vom 31. Januar 1989).

Das sind alles Gründe, die die Lektüre von Hans Bergels damaligen Kommentaren auch heute rechtfertigen. Zentrale Fragen jener Jahre sind auch Fragen der heutigen Zeit: geopolitische Machtinteressen und Konflikte von damals treten, wenn auch oft in gewandelter Form, erneut in Erscheinung, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse wiederholen sich, freilich in neuem Gewande, und menschliche Verhaltensweisen haben nach wie vor überzeitliche Geltung. Es sind nicht wenige dieser Texte, die bleiben, weil jedes politische oder gesellschaftliche Geschehen den Autor veranlasste, Grundsätzliches zu verhandeln und ihm auf unnachahmliche Weise in seinen Beiträgen Ausdruck zu verleihen.

Der Berliner Verlag Frank & Timme nimmt Hans Bergels 100. Geburtstag im Sommer dieses Jahres zum Anlass, eine großzügig getroffene Auswahl seiner politischen Schlagzeiten zu einem Buch zu bündeln, zumal auch der Autor sich noch zu Lebzeiten mit demselben Gedanken getragen hatte. Er sei überzeugt, dass die „gut über 300 „Politischen Schlagzeilen“, heißt es in dem bereits erwähnten Artikel, mit dem er sich von seinen Lesern verabschiedete, „gesammelt einen stattlichen Band ergäben“. Die im Nachlass des Schriftstellers in vier Konvoluten zusammengetragenen Kopien belegen diese Absicht und die Vorarbeit, die er selbst bereits geleistet hatte, ohne sein Vorhaben vollständig verwirklichen zu können.

So ging die Anregung zum Entstehen dieses Buches von seiner Witwe, Elke Raschdorf-Bergel, aus. Siegbert Bruss stellte die Texte für die Veröffentlichung in elektronisch zugänglichen Dateien bereit und begleitete die Herausgabe der Sammlung. Stefan Sienerth, der zweite Herausgeber, dem Hans Bergel einen Teil dieser Kopien schon Anfang der 1990er Jahre zur Verfügung gestellt und der darüber in einem längeren Aufsatz über den Schriftsteller auch kurz darauf hingewiesen hatte (Stefan Sienerth: Ein unbequemer Autor. Zum schriftstellerischen und publizistischen Werk von Hans Bergel. In: "Worte als Gefahr und Gefährdung. Fünf deutsche Schriftsteller vor Gericht (15. September 1959 – Kronstadt/Rumänien). Zusammenhänge und Hintergründe, Selbstzeugnisse und Dokumente". Hrsg. von Peter Motzan und Stefan Sienerth. München 1993, S. 154-156) erklärte sich bereit, eine leicht gekürzte Auswahl zu treffen, die Beiträge thematisch und chronologisch zu gliedern, sie mit nötigen Erklärungen und Ergänzungen, vor allem zu den in den einzelnen Schlagzeilen erwähnten Persönlichkeiten, zu versehen sowie ein Vorwort zu verfassen.

Stefan Sienerth

Schlagwörter: Hans Bergel, Siebenbürgische Zeitung, Stefan Sienerth

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