11. September 2008

Podiumsdiskussion in München: „Vertriebene und Aussiedler als Brückenbauer“

In unserem heutigen Sprachgebrauch hat der „Brückenschlag“ nicht eben Seltenheitswert. Im Gegenteil. Die „Polit-Rhetorik“ gebraucht den Begriff bisweilen inflationär, gerne in etwas pathetisch anmutender, appellierender Weise. Gleichwohl gab es bei der Podiumsdiskussion am 7. September im Sudetendeutschen Haus in München, die im Rahmen der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in Bayern 2008 stattfand, einen „Brückenschlag“. Einen? Es waren derer mindestens drei: nämlich, wie bereits im Diskussionsthema „Grenzüberschreitender Kultur­austausch – Vertriebene und Aussiedler als Brückenbauer“ angelegt, ein virtueller Brücken­schlag zwischen Siebenbürgen und Deutschland, aber auch ein interdisziplinärer zwischen Politik, Kultur und Religion, und nicht zuletzt ein räumlicher zwischen Podium und Publikum.
Die Landesvorsitzende in Bayern des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, Herta Daniel, begrüßte die Veranstaltungs­teilnehmer in dem zur Hälfte gefüllten Adalbert-Stifter-Saal und stellte das Podium vor. Unter der Moderation der Politikwissenschaft­lerin Dr. Anneli Ute Gabanyi diskutierten der Schriftsteller und Journalist Dr. h.c. Hans Bergel, der Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V., Dr. Bernd Fabritius, der Theologe Michael Gross, Pfarrer an der Christuskirche in München, und der Politiker Ovidiu Ganţ, stellvertretender Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) und Abgeordne­ter im rumänischen Parlament.

Die Moderatorin umriss das zu erörternde Themenspektrum. Die Relevanz des grenzüberschreitenden Kulturaustausches zeige sich aktuell gerade auf dem Feld der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund im nationalen, im europäischen Raum. Hieran knüpfte Dr. Gabanyi die Frage, welchen Beitrag die Siebenbürger Sachsen vermittels ihrer besonderen historischen Erfahrung und Prägung leisten könnten. Nach Einschätzung der ausgewiesenen Rumänienexpertin gewinnt das Integra­tions­modell der Siebenbürger Sachsen zunehmend an Bedeutung.
Auf dem Podium im Adalbert-Stifter-Saal, von ...
Auf dem Podium im Adalbert-Stifter-Saal, von links nach rechts: Pfarrer Michael Gross, Dr. h.c. Hans Bergel, Dr. Bernd Fabritius, Dr. Anneli Ute Gabanyi und Ovidiu Ganţ. Foto: Christian Schoger
Die Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen böte sich gleichsam als modellhaftes Beispiel für grenzüberschreitenden Brückenschlag an, führte Dr. Bernd Fabritius, Vorsitzender der weltweiten Föderation der Siebenbürger Sachsen, in seinem Diskussionsbeitrag aus: „Wir sind ein Körper, der sich über Grenzen hinweg von Deutschland nach Österreich, USA, Kanada und Siebenbürgen erstreckt. Das Verbindende, das Medium ist unsere Kultur.“ Das europäische Konzept als Gemeinschaft der Kulturen sei zukunftsweisend. Wir Sieben­bürger Sachsen hätten die Frage nach unserer Identität, unserem kollektiven Selbstverständnis im sich wandelnden Europa neu zu beantworten. Konkret kündigte der Bundesvorsitzende an, dafür zu werben, dass auch Schulen in Sieben­bürgen und im Banat am diesjährigen Schüler­wettbewerb „Die Deutschen und ihre östlichen Nachbarn“ teilnehmen. Der vom Bayerischen Kultusministerium alljährlich veranstaltete Wettbewerb wird im Schuljahr 2008/09 schwerpunktmäßig die Deutschen im Karpatenbogen thematisieren.

Die Brückenbildung zwischen Siebenbürger Sachsen in Deutschland und in Rumänien in den Blick nehmend, sprach der aus Temeschwar stammende Politiker Ovidiu Ganţ von einer regelrechten „Evolution“. Waren die Verbindungen nach dem Krieg praktisch kaum vorhanden, so sei die Brücke seit der „Revolution“ in Rumä­nien zusehends breiter geworden. Infolge des EU-Beitritts des Karpatenlandes würde sich eine „Autobahn entwickeln, weil beide Seiten es wollen“. Höhepunkt in der medialen Wirkung sei das Kulturhauptstadtjahr 2007 in Hermann­stadt gewesen. Um dieses europäische Kultur­ereignis hätten sich vor allem die Sachsen verdient gemacht. Der ehemalige Europaparla- mentarier Ganţ würdigte in dem Zusam­men­hang die Leistung der „Administration Johannis“.

Der Metapher von der Brücke als Menschen zusammenführende Verkehrsverbindung bediente sich auch Dr. h.c. Hans Bergel, der, abhebend auf sein publizistisches Wirken, seine Lese- und Vortragsreisen, nach eigenen Worten vierzig Jahre aktiven Brückenbaus überblickt. Diese Brücken bestünden aus vielen Fahr­bahnen und Richtungen. Der Schriftsteller und Journalist sprach sich vehement gegen ein „Europa Grau in Grau“ aus. Diese Gefahr bestünde im Zeitalter der Globalisierung. Europa sei jedoch seit der Antike immer vital gewesen kraft seiner „starken, dynamischen Regionen, von Kreta bis Finnmark“. Bergel plädierte dafür, dass „wir uns übernational verstehen“, uns für die anderen Nationen interessieren, uns informieren und über Landesgrenzen hinweg auch in deren (z. B. rumänischen) Angelegen­heiten äußern, so wie es umgekehrt jenen frei stehe, sich in unseren (deutschen) Angelegen­heiten zu artikulieren.

„Was veranlasst mich zum Brückenbauen?“, fragte Pfarrer Michael Gross, der sich mit den Motiven bzw. Voraussetzungen des Brücken­bauens aus theologischer Sicht auseinandersetzte. Seine Antwort: Vergebung, Neugierde und der Wille, was vorher getrennt war, zusammen zu bringen. Wir Siebenbürger Sachsen hätten auch die Schattenseiten der Geschichte leidvoll erfahren. Im Geiste der Vergebung sei uns die Aufgabe des Brückenbauens förmlich zugewachsen – uns Europäern, die sich auf die Säulen Europas stützten: die Kirche, das Römische Recht und die klassische Antike. Gross warnte davor, „nicht zu sehr auf uns selbst fixiert zu sein“, ermunterte vielmehr dazu, neugierig auf die Anderen zu bleiben. Im vergangenen Jahr habe sich insbesondere die Evangelische Landeskirche A.B. in Rumänien vermöge ihrer europäischen Ausrichtung als Brückenbauer bewährt.

Im Anschluss an die Beiträge der Podiumsteil­nehmer hatte das Publikum Gelegenheit, sich in die Diskussion einzubringen. In den zahlreichen Wortmeldungen wurde mehrfach moniert, dass in rumänischen Geschichtsdarstellungen über die Kulturleistung der Siebenbürger Sachsen unzureichend, nicht selten objektiv falsch informiert werde. Statt Geschichts­klitterung zu betreiben, gelte es wahrhaftig zu sein, das Gespräch zu suchen und sachlich aufzuklären (Dr. Bernd Fabritius), freilich auf der Grundlage fundierten Wissens (Dr. Anneli Ute Gabanyi) und maßvoll, „nicht im Überschwall“ (Pfarrer Michael Gross). In Rumänien registrierte Dr. h.c. Bergel erstarkenden Nationalismus („schießt seit 1989/90 ins Kraut“). Der Schriftsteller sprach sich gegen eine Ideologisierung von Begriffen wie Religion und Nation aus. Der Mut­maßung, dass die beispielhaft belegten Falsch­darstellungen der historischen Zusammenhänge auf eine gezielte Kampagne zurückzuführen sein könnten, widersprach Ovidiu Ganţ entschieden. Nach seiner Ansicht seien Defizite in der Geschichtsvermittlung keineswegs systematisch befördert, sondern personenabhängig. Am wichtigsten sei und bleibe es, den intensiven Dialog zu pflegen, ohne sich dabei gegenseitig Lektionen erteilen zu wollen.

In einem weiter gefassten Sinn versteht sich der grenzüberschreitende Kulturaustausch, das hat die zweieinhalbstündige Podiumsdiskussion im Rahmen der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage in Bayern 2008 deutlich gezeigt, über das „nur“ kulturelle oder das Gemeinschaft stiftende Moment hinaus als ein eminent wichtiger Bei­trag zur europäischen Integration und zur Völker­verständigung.

Christian Schoger

Schlagwörter: Kulturtage

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  • 12.09.2008, 16:29 Uhr von Karl: "In den zahlreichen Wortmeldungen wurde mehrfach moniert, dass in rumänischen ... [weiter]

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