24. Juni 2013

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Leserecho von Christof Hannak: Wie sich die Meinungen verändert haben

Um zu zeigen, wie sich die Meinung und Einstellung der Rumänen gegenüber den Sachsen im Laufe von Jahrzehnten verändert haben, möchte ich zwei Artikel gegenüberstellen. Der eine stammt aus der rumänischen Zeitung „Poporul“ („Das Volk“), erschienen am 4. August 1945 in Kronstadt, kurz nach den Deportationen und Enteignungen der sächsischen Bauern durch die Agrarreform. Den Artikel „Ce facem cu saşii?“ (Was machen wir mit den Sachsen?“) von N. Nemţeanu habe ich wie folgt übersetzt:
„Wer in letzter Zeit die Dörfer aus unserem Bezirk besucht hat, war bestimmt angenehm überrascht, ein neues Bild dieser Dörfer zu beobachten. Besonders in Heldsdorf und Ma­rien­burg kann man zwischen den großen Häusern mit hohen Toren fremdartige Menschen, neue Gestalten sehen, Männer mit engen, weißen Bauernhosen und Frauen mit bäuerlicher Rockschürze und Ketten am Hals.

Die Rede ist von Kolonisten aus dem Argeschgebiet, die hier ihren Besitz in Empfang nehmen sollten. Die Tracht der Argescher Menschen erweckt den Anschein, etwas Neues zwischen die alten Mauern und die hohen für die Ewigkeit gebauten Kirchenburgen zu bringen. Die Kommissionen, die die Agrarreform durchführten und das Gesetz Buchstabe für Buchstabe anwendeten, haben die von den Sachsen enteigneten Grundstücke auf die Bewohner dieser Gemeinden aufgeteilt, und für die übriggebliebenen Ackerflächen hat man Kolonisten hergebracht.

Nur hat man vergessen vorzusehen, was mit den ehemaligen Besitzern geschehen soll, die enteignet worden sind. Aus diesem Grund können wir sehen, wie im gleichen Hof und demselben Haus die ehemaligen und die jetzigen Besitzer zusammenleben.

Es ist eine schwierige Situation, sowohl für die einen als auch für die anderen. Wenn die Sachsen heute vernünftig sind und keinen Widerstand mehr leisten, so wie das zu Beginn der Arbeiten zur Durchführung der Agrarreform festzustellen war, so ist auch nicht weniger zu bedenken, dass sie das Ganze als ein Provisorium ansehen und auf den günstigen Augenblick warten, wieder zu ihren Rechten zu kommen.

Wenn sie die gleichen Felder bearbeiten und in denselben Häusern wohnen, besteht die Gefahr, dass eines schönen Tages die Feuer, die heute glühen, wieder aufflammen und Opfer zu beklagen sind. Beispiele dieser Art gibt es genug und es genügt, wenn wir an die Demonstrationen von Hamburg denken, wo die deutschen Bewohner sich erfrecht haben, sich gegen die britischen Besatzungstruppen aufzulehnen, und auch an verschiedene Ausschreitungen in anderen Regionen Deutschlands.

Die vorausschauende Tschechische Republik duldet nach den schweren Schicksalsschlägen, die sie durchmachen musste, die deutsche Minderheit nicht mehr innerhalb ihrer Landesgrenzen. Jede Woche schickt sie eine Zahl von 12000 Deutschen in die von den Alliierten Besatzungstruppen besetzten Gebiete.

In einem Gespräch, das der bekannte spanische Journalist und Politiker J. Alvarez del Vayo mit dem Ministerpräsidenten der Tschechoslowakei, Clement Gottwald, hatte, eine Unterredung, die auch in unserer Presse wiedergegeben wurde, hat der tschechische Ministerpräsident in Bezug auf die Ausweisung der Sudetendeutschen erklärt, dass wenngleich sich in der Industrieproduktion der Republik die Ausweisung von 850 000 Sudetendeutschen bemerkbar macht, er trotzdem vorzieht und darauf besteht, diese Aktion weiterzuführen, denn die Sicherheit der Republik ist höher zu stellen als eine vorübergehende wirtschaftliche Krise, die von dieser Migration verursacht wird.

Wir sollen uns nicht von Scheinbildern täuschen lassen und daran glauben, dass die rumänischen Kolonisten aus dem Argeschgebiet mit den Sachsen in unseren Gemeinden zusammenarbeiten könnten. In dem Augenblick, in dem die Angst aus den Seelen der Sachsen verschwinden wird, müssen wir für das Leben und die Ruhe dieser Kolonisten verantwortlich werden.

Wenn es nicht möglich ist, die Sachsen nach Deutschland zu schicken, so wie es in der Tschechoslowakei und in Ungarn geschehen ist, müssen wir eine Übergangslösung finden: dass man ihnen Grundstücke aus Reserven von zurückgewonnenen Ackerflächen gibt und dass sie isoliert werden, um die Reibereien zwischen ihnen und den zu Besitz gelangten Bauern zu umgehen.“

Ein halbes Jahrhundert später

Das war der erste Artikel, der gleich nach Kriegsende erschienen ist. Die Siebenbürger Sachsen haben inzwischen viel erleben müssen, über 95 Prozent sind ausgewandert. Ihre Vorfahren hatten es über acht Jahrhunderte lang in diesem Land trotz feindlicher Einfälle, weswegen sie ihre Kirchenburgen gebaut hatten, und trotz Pestepidemien ausgehalten. Dass der Staat sie aber enteignet und über 40 Jahre lang diskriminiert und terrorisiert hat, war ihnen zu viel.

Heute stehen viele Felder unbearbeitet und leer, die Weinberge werden nicht mehr gepflegt, die Häuser der ausgewanderten Sachsen, in denen Roma wohnen, verfallen, so dass es vielen Rumänen leid tut, dass die Sachsen ausgewandert sind. Schon die Untertitel des zweiten Artikels sind vielsagend: „Cine n-are nemţi, să şi-i cumpere!“ („Wer keine Deutschen hat, soll sie sich kaufen!“) oder „Istorie îngropată în iarbă“ („Im Gras begrabene Geschichte“), erschienen im Juni 1995 in der rumänischen Monatsschrift „Formula AS“, also nach der Wende von 1989. Verfasst wurde der Artikel von der bekannten, aus der Kronstädter Oberen Vorstadt stammenden Journalistin Sînziana Pop. Hier ein paar ins Deutsche übersetzte Ausschnitte aus diesem Artikel:

„Als sie aus Deutschland nach Siebenbürgen kamen, haben sie nicht nur ihre Familien, Pflüge und Rinder mitgebracht, sondern auch Modelle der Zivilisation. Unter den staunenden Augen der rumänischen Einwohner (meint sie – Anmerkung Ch. H.) haben sie angefangen, Burgen zu bauen, gigantische Kirchen, gepflasterte Straßen, Türme der Zünfte, öffentliche Marktplätze, alles umgeben von Mauern und abgesichert durch riesenhafte Holztore. In der fruchtbaren Ebene Siebenbürgens haben sie ihre Dörfer angelegt. So entstanden auch die großartigen mittelalterlichen deutschen Niederlassungen von Kronstadt, Hermannstadt, Mediasch, Schäßburg, Agnetheln, Mühlbach und Bistritz, ein Umpflanzen der westeuropäischen Zivilisation auf rumänisches Gebiet. Das Unheil begann in den Jahren des Zweiten Weltkrieges durch den dramatischen Exodus der Sachsen, deportiert in russische Lager (die rumänischen Machthaber jener Zeit zeigten keine Gesten für ihren Schutz). Trotzdem bildeten die Sachsen in den Jahren gleich nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine kompakte Gesellschaft in Siebenbürgen. Sie sind nicht aus Gründen der materiellen Armut geflohen, sondern fingen später erst an auszuwandern, als ihre traditionelle Lebensweise, jene, die ihnen so lange geholfen hat, ihre Identität zu bewahren, blockiert worden ist. Man nahm ihnen auch Grund und Boden weg, ihr Eigentum in den Städten wurde verstaatlicht. So hat die dramatische Entvölkerung der sächsischen Dörfer und Städte in Siebenbürgen begonnen, die Auswanderung der Deutschen, an deren Stelle Zigeuner (wörtlich übersetzt – Anmerkung Ch. H.) kamen. Im Geiste der sozialistischen Gleichheit wurde das Eigentum der Deutschen mit Füßen getreten. Auf Staatsbefehl wurden die reichen Dörfer in den Gebieten um Kronstadt und Hermannstadt überschwemmt durch die Migration der Zigeuner, die nun ihren Lebensstil offenbarten, indem sie das Feuer unter ihren Kesseln direkt auf dem Eichenparkett der Jahrhunderte alten Häuser entzündeten. Langsam, langsam, so wie die Sachsen eingewandert waren, wanderten sie auch wieder aus, hinter sich Tränen des Leids zurücklassend. Verlassene Dörfer, verloren in der Einsamkeit der Ebene, verknöcherte Alte vor den Toren, die sich nie mehr öffnen, Risse in den Wänden der Häuser und Kirchenburgen, aus denen Unkraut sprießt.“

Man könnte abschließend fragen: Sind nicht wir Ausgewanderten Schuld an dieser Situation? Dann muss man aber auch gleich die zweite Frage stellen: Was hat uns Sachsen dazu getrieben, nach so vielen Jahrhunderten aus Siebenbürgen, unserer alten Heimat, auszuwandern?

Christof Hannak, Freiburg im Breisgau

Schlagwörter: Leserecho, Aussiedlung, Minderheiten

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