22. Juli 2019

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Der Übergang in den Ruhestand: Pensionierung und Serotoninspiegel

Ein sehr emotionaler Moment: In Kürze wird unser 45. Klassentreffen mit einem Jahr Verspätung in Kronstadt stattfinden! In nur zehn Minuten werden wir von unserer Unterkunft im Klassenzimmer des Honterus Gymnasiums sein! Unser Leben wird plötzlich mit aller Wucht vor uns stehen. Welche Ziele können noch erreicht werden, welche gilt es abzuschreiben?
Viele von uns sind schon pensioniert, einige kurz davor. Mein Wissensstand zu diesem Thema war noch vor vier Jahren Folgender: Der ehemalige Kollege kommt braungebrannt und entspannt vorbei. Wohlwollend betrachtet er die gestressten Kollegen. „Der sieht ja aus wie das blühende Leben!“ raunten sie beim Mittagstisch und erblassten vor Neid.

Kein Wort wurde darüber gesprochen, wie der Übergang in den Ruhestand wirklich aussieht und dass er neben Pubertät und Midlife-Krise eine der schwersten Übergänge im Leben eines Menschen ist.

Dabei wäre es so hilfreich, Mitarbeitern über 50 ein Seminar zu diesem Thema anzubieten. Hilfreich für den Mitarbeiter, denn er braucht Zeit, um sich auf diesen Schritt vorzubereiten. Hilfreich für die Gesellschaft, weil ein so großes Potential in diesen Menschen liegt, das noch gehoben werden sollte. Der Siebenbürger Sachse Helge Roland Schmidt lädt ...Der Siebenbürger Sachse Helge Roland Schmidt lädt auf seiner Facebook-Seite zu einer Diskussion über den Übergang in den Ruhestand ein. Im Folgenden will ich über meine Erfahrungen mit diesem Thema berichten. Meine Gedanken entnehme ich teilweise Büchern von Paul Tournier, die leider vergriffen sind.

Pensionierung und Serotoninspiegel

„Es gibt nichts Schlimmeres für den Menschen, als das zu verlieren, was ihm ein gewisses Ansehen verleiht“, schreibt Paul Tournier.

Der Psychologe Jordan Peterson, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, liefert dafür eine einleuchtende Begründung: Unser Bewertungssystem ist ständig aktiv und beurteilt uns durch eine Mischung aus Selbstwahrnehmung und dem, was andere uns spiegeln. Wir bekommen den Verlust an Ansehen also doppelt zu spüren.

Wenn z.B. ein Flugkapitän seine prächtige Uniform anzieht ist er nicht nur stolz, er sieht auch auf Schritt und Tritt Blicke, die ihn bestätigen: „Ja, du bist wirklich einmalig, bewundernswert!“ Dies wird von unserem Bewertungssystem taxiert und führt zu einer vermehrten Ausschüttung von Serotonin. Das macht glücklich, kampfeslustig und selbstbewusst. Diesen Vorgang nennt man einen „Loop“ der sich selbst verstärkt und aufrechterhält.

Leider gibt es diesen „Loop“ auch in umgekehrter Richtung - wenn nämlich der Flugkapitän seine Uniform auszieht, weil er pensioniert wird. Plötzlich ist er scheinbar weniger wert – obwohl er noch der gleiche ist, oder? Statt Serotonin wird Melatonin ausgeschüttet und löst Rückzugsmechanismen aus, bis hin zu einem Umbau des Nervensystems.

Eine sehr schmerzliche Erfahrung ist also der Verlust von Ansehen und Bedeutung, der mit unserer Pensionierung einhergeht. Wie viel uns das bedeutet, merken wir erst wenn wir es nicht mehr haben. Sind wir stark genug, um das zu kompensieren?

Jordan Peterson rät: Kopf hoch, Brust heraus, Schultern zurück, positive Ausstrahlung und erst dann auf die Menschen zugehen! Nein, das ist nicht Heuchelei, sondern Wertschätzung gegenüber dem Anderen und uns selbst. Und es hat auch Rückwirkungen auf unseren Serotoninspiegel.

Ungelebtes Leben? – Gedanken von Paul Tournier

C.G. Jung spricht von einem Naturzweck und einem Kulturzweck des Menschen. Wenn man das Leben als eine Kurve betrachtet, die erst aufsteigt und dann absinkt, so endet diese Kurve nicht einfach bei der Erfüllung unseres Naturzwecks, wie bei den Tieren, und bricht dann auch nicht ab. Die zweite Lebenshälfte dient dem Kulturzweck des Menschen. In der ersten Hälfte ist der Erfolg in Liebe und Beruf entscheidend, in der zweiten geht es um den Sinn. Dies ist die große Herausforderung der zweiten Lebenshälfte, die jeder für sich selbst klären muss. Die Kurve geht nicht auf Null zurück, aber es findet eine wichtige Transformation statt. z ... Was macht diesen Übergang so unglaublich schmerzhaft und schwer? Ungelebtes Leben. Das Gefühl, etwas versäumt zu haben, zieht uns in die vorige Lebensphase zurück. Die beste Vorbereitung für das Alter ist also, die jetzige Lebensphase bewusst zu leben und zu gestalten, Versäumnisse anzugehen und nicht in die Zukunft zu schieben. Erst dann bin ich bereit für die nächste Phase. „Abraham starb alt und lebenssatt.“ (1. Mose 25,8) Warum? Er hatte seine Lebensaufgabe erfüllt. Er konnte loslassen. Nichts zog ihn mehr zurück.

Zum Abschluss noch ein Zitat von C.G. Jung:

„Wir können den Nachmittag des Lebens nicht nach demselben Programm leben wie den Morgen, denn was am Morgen viel ist, wird am Abend wenig sein, und was am Morgen wahr ist, wird am Abend unwahr sein.“

Weitere Gedanken dazu und konkrete Anwendungen würde ich gerne in einem Chat diskutieren oder in einem Vortrag vertiefen. Meine Kontaktdaten sind: Helge Roland Schmidt, helge1@me.com, Telefon: (00 49) 151-23537658, https://www.facebook.com/50pluschance/.

Helge Roland Schmidt

Schlagwörter: Rentner, Facebook, Diskussion, Kronstadt

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