5. Februar 2020

Siebenbürger strebten stets "zur Freiheit und Gesetzlichkeit": Zum 250. Geburtstag von Ernst Moritz Arndt

Als der am 2. Weihnachtstag 1769 Ernst Moritz als Sohn eines erst einige Monate von der Fronarbeit befreiten Leibeigenen auf der noch zu Schwedisch-Pommern gehörigen Insel Rügen auf die Welt kam, ahnte niemand, welch bedeutsame Rolle er in den Freiheitskriegen und den aufrührerisch-brodelnden Jahren des deutschen Vormärz spielen sollte.
Nach dem Besuch des Stralsunder Gymnasiums studierte Arndt an den Universitäten Greifswald und Jena evangelische Theologie, Geschichte, Völkerkunde und Naturwissenschaften. Den Bildungsreisen durch einige Nachbarländer folgte bereits mit 31 Jahren die Habilitation an seiner Greifswalder Alma Mater, wo er dann auch als Privatdozent wirkte. Nach dem Erscheinen seines höchst kritischen Traktats „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ hatte er sich eine Klage seitens der adligen Großgrundbesitzer eingehandelt.

Im Jahre 1806 verfasste Arndt zunächst in Greifswald, wo er eine außerordentliche Professur erhalten hatte, einen Teil seiner antinapoleonischen Flugschrift Geist der Zeit, die er nach seiner Flucht vor den Truppen des Korsen in Schweden fertigstellte. Der nationalgesinnte Freiheitsdichter konnte im selben Jahr eine antideutsche Äußerung nicht auf sich beruhen lassen und wurde beim herausgeforderten Pistolenduell verwundet. Sein schwedisches Asyl beendete er nach drei Jahren und kehrte heimlich nach Deutschland zurück. In Berlin wurde er in einen patriotischen Kreis eingeführt, zu dem u.a. Friedrich L. Jahn, Neidhardt v. Gneisenau und Friedrich Schleiermacher zählten.
Ernst Moritz Arndt (1769-1860) ...
Ernst Moritz Arndt (1769-1860)
Er heiratete 1817 in zweiter Ehe eine Schwester des Religionsphilosophen, nachdem seine erste Frau bereits 1801 an Kindbettfieber verstorben war. Im darauffolgenden Jahr zog es Arndt an die von Preußen in Bonn eingerichtete Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, wo er den Lehrstuhl für Geschichte erhielt. Allerdings sollte dieses akademische Wirken nicht von langer Dauer sein – durch eine Denunziation wurde er 1820 wegen „demagogischer Umtriebe“ von seinem Lehramt suspendiert und musste einige Jahre später seine Professorenstelle ganz aufgeben.

Erst König Friedrich Wilhelm IV. rehabilitierte ihn, so dass er 1841 gar als Rektor der Universität eingesetzt werden und bis zu seiner Emeritierung 1854 publizieren konnte. Im Mai 1848 als fraktionsloser Abgeordneter in die Frankfurter Nationalversammlung eingezogen, legte er sein Mandat nach einem Jahr nieder und widmete sich wieder dem akademischen Leben. Der Wahlpreuße Ernst Moritz Arndt, „Liebling der Nation“ (Gustav Freytag), starb hochbetagt am 29. Januar 1860 in Bonn am Rhein.

Als Herold der Freiheit reiht er sich ein in die Riege jener Dichter der Freiheitskriege wie Theodor Körner, Max v. Schenkendorf und Friedrich Rückert. Als Vorläufer des Deutschlandliedes von Hoffmann v. Fallersleben dichtete Arndt 1813 in Königsberg „Was ist des Deutschen Vaterland?“. Von den neun Strophen gerannen als eine Antwort auf die rhetorische Frage zwei Zeilen zu dem Apercu: „So weit die deutsche Zunge klingt, und Gott im Himmel Lieder singt.“ Das Lied kann wohl nur vor dem Hintergrund des Kampfes gegen die französische Fremdherrschaft und für nationale Einheit verstanden werden.

Ebenso wie der große Staatsmann und Reformer dieser Zeit, Freiherr Heinrich F. K. vom und zum Stein, in dessen Dienste er zeitweilig war, arbeitete E. M. Arndt auf die Ablöse des absolutistischen Untertanenstaates durch die Bürgernation hin. Vom Stein, durch die Stein-Hardenbergsche Reformen seit 1807 berühmt geworden, musste als eine führende Persönlichkeit des antinapoleonischen Widerstandes, ebenso wie Arndt, ins Exil gehen. Bei seinem Studium in Göttingen war er vom Historiker August L. von Schlözer, dem späteren Verfasser der „Kritischen Sammlungen zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“, nachhaltig im Sinne der Aufklärung beeinflusst worden.

Der vielfältig sich einsetzende Ernst M. Arndt gilt auch als einer der Ideengeber bei der Gründung der Jenaischen Burschenschaft (Urburschenschaft) in Nachfolge der studentischen Landsmannschaften. Bei deren Grundsteinlegung am 15. Juni 1815 war als Vertreter Österreichs der Hermannstädter Theologiestudent Johann Georg Binder dabei. Die von Arndt angeregten Deutschen Lesegesellschaften in Heidelberg und Gießen hatten auch ihren Anteil an der Entstehung der Burschenschaftsbewegung.

Nachdem die Befreiungskriege nicht die erhofften politischen Änderungen und den angestrebten Einheitsstaat gebracht hatten, zogen die Jenaer Studenten gemeinsam mit Abordnungen aus elf deutschen Universitäten zum Wartburgfest vom 18. Oktober 1817. Auf der Liste ihrer Beschlüsse standen die Forderungen nach gesamtstaatlicher Einheit, Rede- und Pressefreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, u.a.m. Die Farben der Jenaischen Burschenschaft Schwarz-Rot-Gold wurden allgemein von den anderen Burschenschaften angenommen. Es waren die gleichen Farben, unter denen etwas später die Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche) ihre Sitzungen abhielt.

Und: Bis etwa in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts war die schwarz-rot-gold-Beflaggung mancher evangelisch-siebenbürgischer Dorfkirchen an Hochfesten durchaus üblich.

Bezüge zu den Siebenbürger Sachsen

Von Ernst Moritz Arndt gibt es auch einige Bezüge zu den Siebenbürger Sachsen. So schreibt er z.B. in seinen „Ansichten und Aussichten der teutschen Geschichte“, dass nach der Rückeroberung Ungarns und Siebenbürgens durch die Heere Prinz Eugens: „Ohne die Jesuiten hätten diese schönen Lande Oestreich gern gedient; aber als diese den siegreichen Heeren nachrückten, und die Kirchen zuschlossen, und die Altäre umweiheten, und die Glocken umtauften, da däuchte der türkische Despotismus besser, der ihnen doch ihren Gottesdienst frei ließ.“

In den „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ spricht er „von Völkern,… die sich später Sachsen nannten“, und stellt die Siebenbürger „durch die Sprachähnlichkeit und durch wirkliche Abstammung“ etwa zu den Niederländern, Friesen, Schweden, Norwegern, Ditmarsen, … „welche alle sich von jeher durch Streben zu Freiheit und Gesetzlichkeit ausgezeichnet haben“.

Der Sprachforscher und Theologe Georg Friedrich Marienburg ließ sich vom Historiker Arndt beraten.

Nach dem Klausenburger Unionsbeschluss mit Ungarn vom 30. Mai 1848 stand in der Beilage (Satellit) des eher ungarnfreundlichen Siebenbürger Wochenblatt zu lesen: „Der deutsche Mann Ernst Moritz Arndt bezeichnet jene Zeit der ‚christlichen Frömmigkeit‘ vor der verschrie(e)nen französischen Revolution als den Culminationspunkt des Eigennutzes und der Ungerechtigkeit, wo 2/3 der Menschen Bauren und Bürger, von dem anderen Dritteile Adel, Officiere (die Geistlichkeit muß man… auch noch dazu rechnen) wie Parias behandelt und mißhandelt worden sind“. Und als Fortsetzung im gleichen Leitartikel: „Und der alte Arndt sagt: ,Sollte die Welt durch Gottes Schickung untergehen,…so gehe sie lieber nach der heutigen Weise der Menschen unter, als daß sie nach der alten Weise auferstehe“.

Von dem Theologen Arndt haben im Übrigen auch zwei geistliche Lieder aus dem Jahre 1819 Eingang in das Evangelische Gesangbuch gefunden: EG 213 „Kommt her, ihr seid geladen“, und EG 357 „Ich weiß, woran ich glaube“.

Der aus Mühlbach stammende Lyriker, Pfarrer und Pädagoge Johann Friedrich Geltch hatte bei seinen Studien in Berlin besonders unter dem Einfluss von Schleiermacher gestanden, und konnte in seiner Heimat als vorkämpferisch-stürmischer Geist besonders bei der Jugend Begeisterung für die nationalen Freiheitsbestrebungen hervorrufen.

Es sind die bürgerlichen Freiheiten, wie Gebrauch der Muttersprache, demokratische Wahlen, soziale Gleichberechtigung, für die sich der „Feuergeist“, wie ihn der Theologe Hermann Pitters (auf dessen Aufsatz aus dem Jahre 1978 sich d. Verf. stützt) nannte, einsetzt.

In seinem 1844 erfolgten „Aufruf an alle deutschgesinnten Siebenbürger, den Zweck, ein ‚Liederbuch der Siebenbürger Deutschen‘ herauszugeben“, heißt es an einer Stelle:“…ein solches Liederbuch, emporgediehen aus der innersten Wesenheit unseres siebenbürgisch-volkstümlichen Charakters“. Es ist die Zeit, in der ein Leopold M. Moltke 1846 das Siebenbürger Volkslied, die spätere Siebenbürgische Volkshymne, verfasste.

Nach dem mit Enthusiasmus gefeierten Sturz Metternichs machte Geltch, nunmehr Pfarrer in Rumes, mobil gegen die Union mit Ungarn. Unter dem Motto: „Treue zum Deutschtum, Treue zu Österreich“, wurde am Brukenthal-Gymnasium die schwarz-gelbe Habsburger-Flagge gehisst. Geltch versammelte um sich Studenten der Hermannstädter Rechtsakademie. Im Mai 1848 begab er sich, begleitet u.a. von Schuler v. Libloy, dem späteren Rechtshistoriker, und von Theodor Fabini, Gründer der ersten Wandervogel-Gruppe in Schäßburg, als Abgesandter der Studentenschaft an mehrere deutsche Hochschulen (Breslau, Berlin, Leipzig, Halle, Frankfurt/M.), wo er über die Bedrängnisse seiner Landsleute berichten und sein Liederbuch bekannt machen sollte. Bei dieser Gelegenheit überreichte er persönlich auch dem Präsidenten der Frankfurter Nationalversammlung Heinrich v. Gagern, sowie den Dichtern Ernst Moritz Arndt und Ludwig Uhland je ein Exemplar.

Arndt äußerte sich zu der Liedersammlung: „Sie würde das Gemüt der Jugend für alles Schöne und Erhabene begeistern, zu gleicher Tat anfeuern und die Zukunft des Volkes sichern“.

Noch am Vorabend der Union Siebenbürgens mit Ungarn hatte der unermüdlich aktive Geltch, gemeinsam mit sechs Hermannstädter Unterstützern, einen Brief unter dem Titel „Das junge Deutschtum in Siebenbürgen“ an Franz Schuselka abgeschickt. Schuselka war ein österreichischer politischer Schriftsteller, der in seinen Schriften die Siebenbürger Sachsen als kulturellen und politischen Vorposten der deutsch-österreichischen Interessen pries. Ihn hatten die Unterzeichner des Schreibens als Fürsprecher bei den Sitzungen in der Frankfurter Paulskirche ausersehen. Im letzten Absatz der Petition hieß es: „helfen Sie uns schützen und verteidigen die Ruhmeshalle, in welche uns der Vater Ehren-Arndt in seinen ,Erinnerungen…‘ geführt hat“.

Schuselka konnte sich für die Belange der Sachsen gleichwohl nicht verwenden, da er am Tag der Verlesung der Geltch-Adresse nicht mehr dem Parlament angehörte.

Dass Ernst M. Arndt in seinem windungsreichen, oft von Vieldeutigkeit zeugenden Leben, sich auch mit für die damalige Zeit abseitigen Themen befasste, ist wenig bekannt. Neben agrarpolitischen Positionen beklagt er etwa den in manchen Landschaften Deutschlands „heillosen und ruchlosen Unfug mit edlen Bäumen und Wäldern“. Und im Hinblick auf fehlendes Nachhaltigkeitsdenken sich empört: „Was kümmert es den,…wovon sein Urenkel noch zehren sollte?“

Der in der noch heilen Natur Rügens aufgewachsene Bauernsohn Arndt nennt sein Zeitalter „saturnisch“, ein Zeitalter „ bodenloser Unmäßigkeit und Gierigkeit“. Fortschritt und Wachstum hätten sich an natürlichen und humanen Möglichkeiten zu orientieren.

Ernst Moritz Arndt wurde im Dritten Reich, in der DDR und, zumindest anfänglich, in der Bundesrepublik Deutschland hoch geschätzt, ja verehrt, unbeschadet seines übersteigerten Deutschtums und seiner antifranzösischen und antijüdischen Ressentiments. Aus Anlass des 150. Jahrestages des beginnenden nationalen Befreiungskampfes gab die DDR-Post 1963 eine Briefmarke mit dem Doppelkonterfei von Arndt und dem Freiherrn vom Stein heraus. Zum 200. Geburtstag Arndts brachte die deutsche Bundespost 1969 ebenfalls ein Wertzeichen für ihn heraus. Die 1992 gegründete Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft hat sich die Erforschung des Lebens und Wirkens von Arndt im „geistig-politischen Kontext seiner Zeit“ zur Aufgabe gemacht.

Seinen Namen tragen neben einigen Straßen auch vier deutsche Gymnasien und eine Bundeswehrkaserne. Und sogar bis in den Weltraum ist sein Name vorgedrungen: 2001 wurde ein Asteroid nach ihm benannt.

Allein bei den mehr als hinterfragbaren Vorgängen in Zusammenhang mit der umstrittenen Umbenennung seiner Erstuniversität Greifswald stieß seine Person auf hartnäckige Ablehnung: Trotz mehrheitlicher Abstimmung der Studentenschaft f ü r die Beibehaltung des Namens beschloss der Akademische Rat in einem zweiten Anlauf, verstärkt durch den Zuzug westdeutscher „Multiplikatoren“, den Namen Ernst Moritz Arndt (nach 85 Jahren) abzulegen.

Walter Schuller

Schlagwörter: Schriftsteller, Historiker

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