17. September 2020

Gerhard Rill erinnert sich an seine Erlebnisse 1945: Skifahren in weißen Tarnanzügen in Zell am See

Mit einem fantastischen Bergpanorama empfängt Zell am See in Österreich seine Gäste: Die Areitbahn bringt sie heute zur Schmittenhöhe, wo sie ein abwechslungsreicher Skigenuss mit insgesamt 77 km Pisten erwartet und im Sommer viele Wege zum Wandern einladen. Als Gerhard Rill, zusammen mit anderen 11- bis 13-Jährigen, 1945 hier landet, ist er weniger begeistert: Seine Reise hatte im Herbst 1944 in Bistritz begonnen, im nördlichen Siebenbürgen, und entpuppte sich alsbald als Vertreibung aus der alten Heimat.
Das Hotel Pinzgauerhof, in Zell am See im Winter ...
Das Hotel Pinzgauerhof, in Zell am See im Winter 1950. An Schnee mangelte es in Österreich dazumal nicht, das haben auch Gerhard Rill und seine Kameraden 1945 „hautnah“ erlebt… © Foto: Bezirksarchiv Pinzgau, Zell am See
Rills schriftliche Notizen über diese Zeit beeindrucken 2018 sogar den Bürgermeister von Zell am See nachhaltig. Noch nie hat er die Geschehnisse so detailliert dargestellt erlebt und erkennt sie als wertvolle Zeitzeugnisse an. Er sendet sie an Rainer Hochhold, der das Buch über die historische Entwicklung von Zell am See verfasst hat. Der Bürgermeister empfiehlt, Rills Bericht in die historische Dokumentation zu übernehmen und sie zu archivieren.

Zwei deutsche Soldaten kommen im September 1944 zu Mutter Rill und befehlen: „In zwei Stunden holen wir Sie und Ihre Kinder ab! Es finden probeweise ein Alarm und eine Evakuierung statt. Sie dürfen nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen – etwas Kleider zum Wechseln und Essen für drei Tage. Danach kommen sie wieder nach Hause.“ Doch es vergeht fast ein Viertel Jahrhundert, bis Gerhard Rill als 35-Jähriger wieder nach Siebenbürgen reist.
Umzug beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen ...
Umzug beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen 2015 in Dinkelsbühl: Unter dem Motto „Flucht und Vertreibung“ zieht Gerhard Rill seinen kleinen, alten Leiterwagen vollbeladen mit gerettetem Kulturgut hinter sich her. Foto: Hermann Depner
Im Hebst 1944 steigt Mutter Rill ahnungslos mit ihren drei kleinen Kindern und anderen 25 Familien – alle ohne Väter, denn diese kämpfen an der deutschen Front – in einen Viehwaggon, wo sie auf dem aufgetürmten Heu über der Munitionsfracht schlafen. In der Mitte des Waggons dient ein Loch im Boden allen als Toilette – es soll ja nur für drei Tage sein. Doch es kommt ganz anders...

Ausbildung zum „Panzerabknaller“

Am 4. Januar 1945 wird der elfjährige Rill in Linz in einen „plombierten“ Zug verfrachtet. Über das Protektorat Böhmen und Mähren gelangt er nach Reichenberg ins Sudetenland. Dort wird der Unterricht des Bistritzer Gymnasiums fortgeführt. Die 500 Jungen tragen schwarze Uniformen, Koppelschlösser an den Hosenriemen und Hitlerjugend HJ-Dolche. Sie lernen den größten russischen Kampfpanzern – den gefürchteten „T34“ – Haftminen an ihre schweren Bäuche anzubringen, um sie in die Luft zu sprengen. Es geht sehr sportlich zu: In der Früh waschen sie sich am offenen Brunnen bei Minus-Temperaturen und danach beim „Singen + Sport“ robben sie ausgiebig durch den Schnee. Doch als die Russen in der Nähe von Görlitz an die Grenze des Deutschen Reiches stoßen, verlegt man 150 Schüler Jahrgang 1930 dahin zum „Panzerabknallen“. Dies soll einigen auch gelungen sein ...
Blick 1930 auf die Rückseite des Hotels ...
Blick 1930 auf die Rückseite des Hotels Pinzgauerhof. Zum See hin liegen der Bahnhof und die Bahnlinien. In den See „entsorgten“ Rill und seine Kameraden 1945 ihre HJ-Dolche und Pistolen. © Foto: Bezirksarchiv Pinzgau, Zell am See

Willkommen in Zell am See

Gerhard Rill und die restlichen 350 Jungen fahren über Umwege, weil viele Brücken gesprengt sind, nach Österreich. In Zell am See endet die Reise und sie ziehen in das „tolle“ Hotel Pinzgauerhof, oberhalb des Bahnhofs, ein. Davor steht eine große Flugzeugabwehrkanone – kurz: „Flak“ - im Ernstfall soll sie die Alliiertenflugzeuge „runterholen“. Die Jungen sammeln Löwenzahn und Brennnesseln und bessern ihre kärgliche Verpflegung auf. Ihr Waggon mit Lebensmitteln, den sie rund um die Uhr bewachen, wird eines Nachts geplündert und es bleibt noch weniger zum Essen. Zur Ausbildung gehört auch das Skifahren in weißer Wehrmachts-Ausrüstung und sie marschieren täglich – die Panzerfaust vorneweg – ins Übungsgelände. Mit Spaten und Pickel buddelt sich jeder ein Schützenloch und versucht den nächsten Baum als T34 „abzuknallen“. Das Kriechen und Robben üben sie ausgiebig, denn sie müssen unter einen entgegenkommenden T34 gelangen, um die Haftmine anzubringen. Kurz davor müssen sie diese entschärfen, wenn das gewaltige Ungetüm sie nicht vorher zermalmt.
Das Hotel Pinzgauerhof 1958. Im Jahr 1898 hatte ...
Das Hotel Pinzgauerhof 1958. Im Jahr 1898 hatte in Zell am See die Lokalbahn in den Oberpinzgau ihren Betrieb aufgenommen. Zeitgleich öffnete auch das von Joseph Ertl erbaute Hotel seine Pforten. © Foto: Bezirksarchiv Pinzgau, Zell am See

Kranken helfen und Tote begraben

Es rollen immer mehr Wehrmachtszüge an und die jungen Pimpfe schieben die schweren Wagentüren auf. Ein fürchterlicher Gestank von Blut, Eiter und Urin empfängt sie von den armen, verwundeten Landsern. Vier Jungen erhalten jeweils eine Wehrmachtsdecke, auf die man einen Verletzten legt. Sie ergreifen die Deckenzipfel und transportierten die Kranken in die entsprechenden Hotels, die nun als Lazarette dienen. Doch die Last ist schwer und die Zipfel entgleiten ihnen häufig. Die armen Landser fallen 10 cm tief auf den Boden. Rill bedauert bis heute, dass sie ihnen noch mehr Schmerzen zufügten. Er entschuldigt sich auch im Namen seiner Kameraden. Die Verwundeten sind meistens dankbar, doch manche beklagen sich. Dies büßen die Jungen durch „Robben im Schnee“, bis ihre Ellenbogen bluten. Einige Kameraden nässen nachts ihre Betten, weil sie sich so sehr vor dem nächsten Tag fürchten. Mancher Verletzte überlebt nicht und die Jungen heben Gräber für sie aus. Danach singen sie „Ich hatte einen Kameraden“ und schießen mit ihren Mauserpistolen in die Luft.

Gerhard Rill 2005 in schönem, alten Kirchenmantel ...
Gerhard Rill 2005 in schönem, alten Kirchenmantel hält in der Hand den ca. 500 Jahre alten Lechnitzer Kirchen-Kelch, der sich heute im Nürnberger Museum befindet und den auch sein Großvater – Prediger Gustav Poschner – lange Jahre in der Hand hatte. © Foto: Hans-Georg Felker, Lechnitz

Panzersperren aus Baumstämmen aufbauen

Die heranrückenden Alliierten sollen die Eisenbahnlinien und Straßen nicht nutzen können. Dafür sägen die Jungen, angeleitet von einem älteren „Volkssturm“-Vertreter dicke Bäume ab und rollen sie zum Ortseingang. Dort gräbt man tiefe Löcher in die Straße, steckt die dicksten Stämme hinein und legt weitere quer dazwischen – als regelrechte „Panzer-Sperren“. Da soll keiner durchkommen! Links liegt tief der See und rechts ragt steil die Schmittenhöhe bis auf 2000 Meter. Doch es kommt wieder ganz anders: Die schweren Bergpanzer der Alliierten walzen die mühevoll errichteten Sperren einfach nieder.

Auf Befehl des Lagerleiters Gellner „bastelt“ sich jeder Pimpf aus einem blau-weißen Kissen und einer warmen Decke einen Rucksack. Auch sollen sie 25 Leiterwägelchen organisieren und zusammen über den Großglockner nach Heiligenblut im tiefsten Schnee flüchten, um nicht in die Hände der Alliierten zu fallen. Gottseidank ist da Georg Jung, aus Lechnitz in Siebenbürgen stammend, er besitzt eine Holzhandlung und ist sehr angesehen. Der heute 97-jährige Kommerzialrat Ingenieur in Zell am See erinnert sich sehr lebhaft an die Ereignisse damals. Jung führte viele Flüchtlinge in den Westen und überzeugt auch den Lagerleiter Gellner, nicht mit den Jungen loszumarschieren, sie wären sicherlich alle erfroren.
Blick 1940 von den bewaldeten, umliegenden Bergen ...
Blick 1940 von den bewaldeten, umliegenden Bergen auf das Hotel Pinzgauerhof. Von hier rollten Rill und seine Kameraden die Baumstämme zum Ortseingang und errichteten Panzersperren. © Foto: Bezirksarchiv Pinzgau, Zell am See

Der geheimnisvolle Zeller See

Wer am Wasser spazieren geht, genießt heute wie früher die unvergleichliche Berglandschaft. Die Gäste können nun Fahrräder und Boote mieten, per Schiff die Schmittentour genießen oder im idyllischen Strandbad verweilen. Doch Gerhard Rill erinnert sich beim Anblick des Zeller Sees, wie sie hier vor dem Einzug der US-Soldaten etliche Bücher von Hitler verbrannten und ihre 350 Mauser-Pistolen und HJ-Dolche weit hinaus ins Wasser warfen. Er fragt sich, ob die erfahrenen Zeller Taucher diese historischen Stücke inzwischen wohl geborgen haben. Er selbst hat über die Jahre sehr viele Kulturgüter aus unserer alten Heimat „gerettet“. In der Siebenbürgischen Zeitung haben wir über sein „Sächsisches Bauernmuseum Rill in Augsburg“ ausführlich berichtet (Folge 11 vom 10. Juli 2019, S. 11).

Melita Tuschinski

Blick auf Zell am See 1898 und das neue Hotel ...
Blick auf Zell am See 1898 und das neue Hotel Pinzgauerhof - vom sogenannten „Parapluie“ aus. Dies war eine beliebte Aussichtsplattform an der Waldpromenade nach Schüttdorf. © Foto: Bezirksarchiv Pinzgau, Zell am See

Schlagwörter: Österreich, Zeitzeugen, Zweiter Weltkrieg, Nordsiebenbürgen, Zell am See, Ski

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