26. Dezember 2006

Weihnachten 1916 - wieder daheim

Als im Jahre 1916 – genau vor 90 Jahren – unsere Landsleute in den Dörfern und Städten Südsiebenbürgens Heiligabend vor dem Weihnachtsbaum saßen, erinnerten sich gewiss einige an die Beschwerden, schlaflosen Nächte und die Ungewissheit vor der Zukunft, die sie in den vorangegangenen Wochen hatten erfahren müssen. Es waren die Erinnerungen an eine abenteuerliche Flucht, von der sie aber wieder in die Heimat zurückkehren konnten.
Ein kurzer Auszug aus der Geschichte Europas am Anfang des 20. Jahrhunderts macht deutlich, welche Ereignisse zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914-1918) führten.

Am 28. Juni 1914 werden der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo auf offener Strasse von Gavrilo Prinzip, Mitglied der bosnisch-serbischen Untergrund-Organisation „Schwarze Hand“, die das Streben nach Unabhängigkeit der slawischen Völker in der k.u.k Monarchie unterstützt, erschossen. In den darauf folgenden Tagen und Wochen verschärfen die Großmächte Österreich-Ungarn und Russland ihre Forderungen und Positionen (Juni-Krise) gegenüber Serbien und am 28. Juli bricht mit der Kriegserklärung Österreichs an Serbien der Erste Weltkrieg aus. Russland, als slawische Schutzmacht, ordnet die allgemeine Mobilmachung an. Es folgen Telegramme und Noten zwischen den europäischen Großmächten Deutschland (das ein Bündnis mit Österreich hat), Russland, Frankreich und England. Nachdem auch England, als letzter Staat, am 4. August Deutschland den Krieg erklärt, befinden sich alle diese Staaten im Kriegszustand. Sowohl an Deutschland und Österreich, „die Mittelmächte“, aber besonders an die „Entente“-Staaten, Russland, Frankreich und England schließen sich später noch weitere Staaten an.

So erlebte Europa, erlebten unsere Eltern und Großeltern, dass am 28. August 1916 König Ferdinand von Rumänien Österreich-Ungarn den Krieg erklärte. Für die Bevölkerung Siebenbürgens, wie übrigens auch für die Mittelmächte, kam dieser Schritt ganz unerwartet.
So erklärt es sich auch, dass die Grenze zu Rumänien, die entlang des Hauptkamms der Südkarpaten, im Roten-Turm-Pass südlich des Gebirgsbaches Râul Vadului und im Predeal-Pass bei der Ortschaft Predeal verlief, gar nicht gesichert und bewacht war.

Aus Angst und Ungewissheit entschloss sich die Mehrzahl unserer Landsleute aus der Umgebung von Hermannstadt und Kronstadt ein bis zwei Tage nach der Kriegserklärung schon zur Flucht in weiter westlich liegende Gebiete. Die rumänischen Truppen besetzten kampflos, aus dem Roten-Turm-Pass und Predeal-Pass kommend, Boita, Talmesch, Zoodt, Heltau und andere Ortschaften im Raum Hermannstadt wie auch Kronstadt und die nähere Umgebung, kamen aber nur bis vor die Tore Hermannstadts. In der zweiten Septemberhälfte zwangen starke deutsche und österreichische Truppenverbände unter General von Falkenhayn und ein bayerisches Alpencorps, befehligt von General Kraft von Delmensingen, das aus der Ortschaft Jina, über die Höhen des Zibins- und Lauterbach-Gebirges bis in den Roten-Turm-Pass vorstieß, die rumänischen Truppen zum Rückzug oder zum Aufgeben und die Leute konnten im Oktober und November nach Hause zurückkehren.

Wieder zu Hause, im November nach Schulbeginn, schrieb unsere 1981 verstorbene liebe Mutter, damals Schülerin der achten Klasse der Heltauer Volksschule, einen Aufsatz, aus dem einige Auszüge im Folgenden abgedruckt werden:

„Wir mussten nun leider auch ans Flüchten denken. Zuerst richteten nur wir Geschwister uns zur Reise, packten nur das Notwendigste zusammen, weil man auf der Bahn nicht zu viel Gepäck mitnehmen durfte. Dann kam es aber anders. Es fuhr ein Wagen nach dem andern aus der Gemeinde. Eisenbahnzüge waren schon überfüllt mit Flüchtlingen. Nach langem Zögern entschlossen wir uns dann auch alle mit dem Wagen zu ziehen. In der großen Aufregung konnten wir gar nicht überlegen, was noch mitzunehmen sei, brachten auf den Ochsenwagen nur das Wenige, was wir im Eisenbahnwagen leicht hätten mitnehmen können, spannten die Ochsen ein und banden eine Kuh an den Wagen, damit wir auch auf der Flucht die im Haus fast unentbehrliche Milch nicht vermissen und fuhren fort, ohne zu wissen wohin. Wir schlossen uns nun auch an die in demselben Augenblick entstandene Kolonne von sieben Wägen an, und es ging im Buchseifen hinauf, durch den Jungen Wald, dann durch Hermannstadt (Nagyszeben) nach Kleinscheuern (Kiscsür). Als wir dort anlangten, war es schon dunkel und wir kehrten in die Bauernhöfe ein, um dort zu übernachten. [...] Es war ein Uhr, da hörten wir klopfen. Man machte uns aufmerksam, vor Tagesanbruch weiter zu fahren. Wir kleideten uns rasch an, fütterten das Vieh, molken die Kuh und tranken unsere Milch, um drei Uhr fuhren wir weiter. [...] In einem kleinen Wäldchen hielten wir Mittagsrast. Dann zogen wir weiter, bis wir abends in das kleine sächsische Dörfchen Törnen (Pokafalva) kamen.“

Über Blutroth nach Tövis (Teus) ging’s weiter und im Aufsatz lesen wir Folgendes: „Wir fanden in einem kleinen Zigeunerstübchen Unterkunft und schliefen hier auf ganz dünn untergestreutem Stroh ihrer 20. Viele aber mussten draußen übernachten, und es war sehr kalt und durch den starken Regen waren unsere Kleider sowie die Mäntel und Decken ganz nass.“ Dann durch die Ortschaften: Aiud und Turda erreichten sie nach zwei Wochen Klausenburg. Am 18. September abends dann in Großwardein angekommen, wurde der Entschluss gefasst, Ochsen, Wagen und die Kuh zu verkaufen. So ging hier dann eine „gemütliche und manchmal sehr lustige Fahrt mit dem Ochsenwagen“, wie wir im Aufsatz lesen können, zu Ende.

Dann weiter mit der Bahn über Szeged, fuhren unsere Flüchtlinge noch bis in die Batschka (Serbisches Banat), wo ihnen das große schwäbische Dorf Bacs-Bokod als Quartier empfohlen wurde. Über diesen Aufenthalt schreibt unsere Mutter: ,,Hier fanden wir bei guten Leuten Unterkunft. Die Zeit vertrieben wir uns mit Haus- und Handarbeiten. Wir machten uns gefasst, dass wir bis Christtag nicht nach Hause fahren könnten.“ Nach drei Wochen und ein paar Tagen aber erreichte unsere Flüchtlinge die unerwartete, gute Nachricht, dass sie die Heimreise antreten könnten. Am 22. Oktober 1916 bestiegen sie in Cservenka den Zug und nach einer Fahrt von drei Tagen und drei Nächten lief ihr Zug endlich in Hermannstadt ein. Der Schluss des Aufsatzes: „Da der Bahnverkehr von Hermannstadt nach Heltau noch eingestellt war, gingen wir zu Fuß. Zu Hause fanden wir alles besser, als wir es uns vorstellten. Es war zwar eine furchtbare Unordnung, aber das Haus war unversehrt geblieben und das Vieh und die Schweine waren gerettet worden.“

Wahrscheinlich war dieses nicht bei allen heimkehrenden Familien der Fall. Und doch war es sicherlich für viele ein schönes, unvergessliches, besinnliches Weihnachtsfest 1916. Wenn auch viele Männer nicht daheim waren, sondern in Einheiten an verschiedenen Kriegsschauplätzen. Diese waren in den kommenden zwei Jahren nicht in näherer Umgebung.

Was hat sich wohl alles verändert und entwickelt in den letzten 90 Jahren? Denken wir nur an unsere Vorstellungen und Ansprüche bezüglich Unterkunft, Verpflegung und Komfort im täglichen Leben und bei Reisen. Mit einem Tempo, oft nur von 2-3 km/h, konnte mit dem Ochsenwagen eine Entfernung von 316 km zwischen Hermannstadt und Großwardein (Oradea) in 18 Tagen bewältigt werden.

Erich Simonis

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 20 vom 20. Dezember 2006, Seite 5)

Schlagwörter: Erinnerungen

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