18. Juni 2009

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Eduard Morres – unterwegs in Europa

Wer war dieser bescheidene, stille, freundliche Mensch und empfindsame Künstler? Und wie ist sein Schaffen als Maler und Zeichner im Rahmen der weitreichenden bildenden Kunst Siebenbürgens gegenwärtig einzuordnen und zu deuten? Heute wollen wir wieder an ihn erinnern und ihn diesmal in Gedanken bei seinem Studium und auf seinen Studienreisen durch Europa begleiten.
Eduard Otto Morres wurde am 15. Juni 1884 in Kronstadt in eine traditionsbewusste, gebildete Familie des sächsischen Bürgertums geboren. Die ersten Anleitungen im Zeichnen und Malen erhielt er von Ernst Kühlbrandt, einem damals bekannten Kunsthistoriker und Schriftsteller, der in den oberen Klassen des Honterus-Gymnasiums unterrichtete. Nach dem Abitur, 1903, begann Morres noch im gleichen Jahr sein Studium an der Zeichenlehrerakademie in Budapest, wo er Unterricht in Bildnis- und Aktzeichnen bei Prof. László Hegedüs, einem Schüler Franz v. Stucks, doch auch bei Alladár, Zemplenyi und Edvi Illés erhielt. In der Hauptstadt des damals noch mächtigen ungarischen Königreichs, das von der heutigen Karpatenukraine bis an die Adria reichte, bewegte sich Morres erstmalig in der „großen Welt“. Diese konnte jedoch, wie er später sagte, seinen „Hunger nach deutscher Kultur und Kunst nicht stillen“, obwohl zahlreiche Ausstellungen und Besuche in der Budapester Gemäldegalerie sein Allgemeinwissen und seinen künstlerischen Horizont erweiterten. Eduard Morres: Landschaft mit Butschetsch ...Eduard Morres: Landschaft mit Butschetsch (Kohle), 1950 Zwischendurch hielt Morres sich, zusammen mit seinem Schulkollegen und Freund Hans Hermann, auch in der Maramuresch, in Baia Mare – ung. Nagybánya, deutsch Neustadt – auf. Ein „tief gehendes Erlebnis“ war die Begegnung mit dem aus Wien stammenden Jugendstil-Maler Károly Ferenczi, von dem er wichtige Anregungen erhielt. In den Sommermonaten traf sich hier im Rahmen der von Simon Hollósy begründeten „Schule von Nagybánya“ die Elite der modernen ungarischen Künstler. Zu den jungen siebenbürgischen Malern, die Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an diesen Begegnungen und Symposien teilnahmen, gehörten auch Arthur Coulin, Hans Mattis-Teutsch, Hermann Morres und Walter Widmann.

Doch Eduard Morres fühlte sich hier, trotz des internationalen Ambientes, „durch den schulmäßigen Betrieb in der freien Entfaltung und Betätigung seiner Anlagen gehemmt“, wie er 1904 in einem Brief an seine Eltern nach Kronstadt schrieb. So ging er nach Weimar an die bekannte Hochschule für Bildende Kunst, die damals „den Ruf der modernsten Akademie“ hatte. Später, 1947, erinnerte er sich: „Die zwei Jahre Studium in Weimar gehören zu den freundlichsten Erlebnissen meines gesamten Werdegangs. Schon der genius loci, die greifbare Nähe und geistige Tradition unserer Großen, voran Goethe, die vornehm-freundliche Stadt, der gute moderne Geist auf der Hochschule“, haben ihn nachhaltig geformt.

Es war, wie der Künstler Jahre danach rückblickend sagte, eine ihn „prägende Zeit“, mit Konzerten und Besuchen im Hoftheater, mit Ausflügen nach Dresden, Leipzig und Berlin, die ihm „vor allem die Welt der Alten Meister“ näher brachte sowie die deutsche Spätromantik und den französischen Impressionismus, den Ludwig v. Hofmann zu einem eigenen Stil verarbeitet hatte. In einem späteren Brief an seinen berühmten Professor schrieb er, dass er von ihm „das leidenschaftliche Gefühl für den Raum der Landschaft“ erfahren habe.

An der Akademie der Bildenden Künste in München, wo Morres danach weiter studierte, wollte er sich besonders dem von ihm in Weimar vernachlässigten Porträtfach widmen, da ihn „das Antlitz der Menschen“ ebenso interessierte, wie „das Antlitz der Landschaften“. Deshalb schrieb er sich in die Klasse des auf dem Höhepunkt seines Ruhmes stehenden Professors Hugo v. Habermann ein, „dem damals führenden Porträtisten Münchens“.

Die letzten zwei Semester verbrachte Morres in der Malschule Ludwig v. Löfftz’, bei dem auch Friedrich Mieß einmal eingeschrieben war. Hier erhielt er „im Bildnismalen eine gewisse feste Grundlage und das Gefühl für hohe Ansprüche“. München bot ihm „ernorm viel Anregung in jeder Hinsicht“, notierte er Jahrzehnte später, und erinnerte sich, dass er in jenem Sommer 1906, nun vor mehr als hundert Jahren, in Prien am Chiemsee – damals ein kleines pittoreskes, urbayerisches Dorf – seine „ersten Versuche im Landschaftsmalen“ unternahm.

Über die Präsenz siebenbürgischer Maler in der damals internationalen Münchner Kunstszene schreibt Hans Meschendörfer, dass besonders die zwischen 1883 und 1893 geborene Generation hier „wesentliche Impulse erhalten hat“. Das waren jene Künstler, die später auch jenseits der Grenzen ihrer siebenbürgischen Heimat bekannt wurden, wie Hans Eder, Walther Teutsch, Hans Mattis-Teutsch, Ernst Honigberger, Grete Csáki-Copony, Hans Fronius, Henri Nouveau (Heinrich Neugeboren) und Waldemar Schachl. Vor ihnen hatte sich hier eine etwa dreißig Jahre ältere Künstlergruppe eingefunden und studiert, wie Friedrich Mieß, Josef Pancratz, Robert Wellmann, Fritz Schullerus und Arthur Coulin. Auch für Eduard Morres waren die zwei Münchner Jahre eine äußerst fruchtbare Zeit: „Es gab viele Anregungen und Entdeckungen, die mich in München in ihren Bann zogen, so vor allem die mit Schätzen aller Art angefüllten Museen, die vielen wechselnden Ausstellungen, der Verkehr mit Kollegen und die schöne Landschaft.“

Nach 1910 – einem „Jahr stiller Arbeit“ im Kronstädter Elternhaus, als mehrere Landschaftsbilder und Porträts entstanden – folgte noch ein Studienaufenthalt in Paris, wo er zwei französische Privatakademien besuchte. „Das Riesenhafte, Monumentale aller Kulturäußerungen dieser Stadt, das doch das menschlich Nahe, Anmutige und Heitere nicht ausschließt, der überwältigende Reichtum im Kunstleben war für mich ein entscheidendes Erlebnis“, heißt es in späteren Aufzeichnungen.

Und auch die „farbigen Errungenschaften“ Paul Cézannes und die Stillleben Vincent van Goghs wurden für ihn „zum tiefen Erlebnis“, obwohl er zu deren „Nachfolgeschaft“ – den Neoimpressionisten, Kubisten, Expressionisten und den Vertretern avantgardistischer Bestrebungen –, die sich um 1910/11 in der Pariser internationalen Kunstszene bemerkbar machte, bewusst Abstand hielt und auch nie einen Versuch unternommen hat, sich ihr anzuschließen.

Etwa dreißig Jahre später, nach den Erfahrungen verstrichener Jahrzehnte, konnte sich dann Morres doch für die Kunst der Expressionisten begeistern, vor allem für die Strömung des „Blauen Reiters“. Während seiner Reise durch die Bundesrepublik, 1972, besuchte er zahlreiche Museen und beurteilte nun zum Beispiel die Bilder von Franz Marc und Emil Nolde als „erfreulich“. Weiter schrieb er: „Hervorragend die kleinen Landschaften von Kandinsky und Münter im Lenbach-Haus, die mir verwandt (sind). Nicht ausgeschlossen, dass ich mich damals in München, etwa 1908, wenn ich dort hätte bleiben können, ihnen angeschlossen hätte.“ So bleibt die Frage, wie hätte sich Eduard Morres als Maler entwickelt, wenn er vor rund hundert Jahren aus München nicht heimgekehrt wäre und sich dem deutschen Expressionismus verschrieben hätte.

Im Siebenbürgen der Nachkriegszeit hingegen, wo damals noch die Mehrheit rumäniendeutscher Künstler lebte, folgte eine Ära, die vierzig Jahre lang das gesamte Kulturgeschehen thematisch einengte und beherrschte. Die meisten Maler und Bildhauer, kann man heute rückblickend sagen, schafften es jedoch, die Dogmen der sozialistischen Auftragskunst zu umgehen und jene, die, wie Eduard Morres, keine inhaltlichen Konzessionen an den Zeitgeist machten, schufen auch in den Jahren kommunistischer Diktatur Werke von bleibender Größe.

Eduard Morres war keine solitäre Erscheinung, sondern ein bleibender Meilenstein in der Kunstgeschichte Siebenbürgens. Es war die große „Ehrfurcht vor dem Leben“, die innerliche Beziehung zu den Menschen, zur heimatlichen Natur und Landschaft, die somit immer im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens standen. Die Vielfalt seiner heimatbezogenen Thematik, die konservativ-realistische Gestaltungsweise und die stille Größe seiner Farben – all das ließ ihn in der elitären Reihe siebenbürgisch-deutscher Künstler, die bekanntlich bereits mit dem Bildhauer Petrus Lantregen im 14. Jahrhundert beginnt, zu einem der großen, unvergesslichen Maler und Zeichner werden. Dabei setzte er Erfahrungen um, die er während seiner Studienreisen und Begegnungen gesammelt hatte, nämlich die Realität ohne Idealisierung wiederzugeben, als „würdigen Inhalt“ einer lebendigen Gegenwartskunst.

Abschließend kann man sagen, dass Eduard Morres ein heimatverbundener Siebenbürger, doch gleichzeitig auch ein weitsichtiger Europäer war. Während seiner Studienjahre in Ungarn, Deutschland und Frankreich und einem kurzen Aufenthalt in Italien wurde er unmittelbar vom europäischen Kunstgeschehen geprägt. Dabei spielten in seinem kreativen Werdegang die vielfältigen freundschaftlichen und geistigen Beziehungen zu deutschen, französischen und ungarischen Künstlern eine bedeutende Rolle. So stand er zeitweilig zwischen zwei Welten – jener der westlichen Kunstbestrebungen, die damals vom Jugendstil und Expressionismus bis zu den Anfängen der Avantgarde reichte –, und jener siebenbürgischen Welt, in der sich seine heimatverbundenen geistigen Wurzeln befanden. Brigitte Stephani

Schlagwörter: Malerei, Künstler, Kronstadt, Zeiden

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