19. Januar 2003

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Das Testament Samuel von Brukenthals

2003 ist ein Gedenkjahr anlässlich des 200. Todestages von Samuel von Brukenthal. Im Vorgriff auf die im Zeichen dieses Gedenkens stehenden Veranstaltungen in Siebenbürgen und Deutschland wird an das Vermächtnis des bedeutenden siebenbürgischen Gubernators und Kunstsammlers erinnert.
Ein Jahr vor seinem Tode regelte Baron Samuel von Brukenthal (1721-1803) in einem ausführlichen Testament seinen Nachlass und vermachte aus seinem beträchtlichen Vermögen dem evangelischen Gymnasium in Hermannstadt die wertvollen Kunstschätze und erlesene Bibliothek. Freilich konnte die Schule erst nach zwei Generationen das Erbe antreten und sie verlor es in der kommunistischen Zeit bald wieder. Heute ist das Brukenthal-Museum nicht mehr ein „sächsisches Museum“, sondern ein rumänisches „Nationalmuseum“. Es beherbergt aber immer noch große Teile des Vermächtnisses Brukenthals, obwohl wichtige von ihm angeschaffte Kunstwerke – entgegen seinen letztwilligen Verfügungen – heute andere Museen Rumäniens zieren. Die evangelische Stadtpfarrgemeinde Hermannstadt – ehemals Trägerin der deutschen Schulen - hat vor wenigen Jahren die Brukenthal-Stiftung erneut ins Leben gerufen, die sich in der Rechtsnachfolge der ursprünglichen Stiftung behaupten will, teilweise mit Erfolg, so bei der Restitution der Sommerresidenz Brukenthals in Freck. Die Rückgabe des Brukenthal-Museums wurde kürzlich – wie in dieser Zeitung berichtet - durch die Evangelische Landeskirche eingefordert.

Das Brukenthalpalais auf dem Großen Ring in Hermannstadt, Tuschzeichnung von Juliana Fabrititius-Dancu, 1967. Hier befinden sich, von den reichhaltigen Sammlungen Samuel von Brukenthals, heute noch die Gemäldegalerie und die Bibliothek. Anlässlich des 200. Todestages des siebenbürgischen Gubernators wird in München eine bedeutende Kunstausstellung gezeigt.
Das Brukenthalpalais auf dem Großen Ring in Hermannstadt, Tuschzeichnung von Juliana Fabrititius-Dancu, 1967. Hier befinden sich, von den reichhaltigen Sammlungen Samuel von Brukenthals, heute noch die Gemäldegalerie und die Bibliothek. Anlässlich des 200. Todestages des siebenbürgischen Gubernators wird in München eine bedeutende Kunstausstellung gezeigt.

Samuel von Brukenthal war gewiss einer der bedeutendsten Siebenbürger Sachsen seiner Zeit und auch der Nachwelt. Zehn Jahre lang (1777-1787) regierte er als Gubernator Siebenbürgen. Er war der einzige Sachse, der dieses Amt je bekleidet hat. Seine Vorfahren väterlicherseits stammten aus einfachen Verhältnissen. Brukenthals Vater, Michael Brekner, Stuhlsrichter in Leschkirch, war 1724 durch Kaiser Karl VI. in den erblichen Adelsstand erhoben worden und führte seither das Prädikat „von Brukenthal“. Die Mutter entstammte der Familie von Heydendorff, welche zum siebenbürgischen Kleinadel zählte. Am 26. Juli 1721 in Leschkirch geboren, erbte Samuel von Brukenthal ein väterliches Vermögen von 867 Rheinischen Gulden, das er in die – damals wie heute – beste Kapitalanlage, in seine Bildung und sein breit angelegtes Studium investierte. Er studierte 1743 - 1745 in Halle und Jena Verwaltungs- und Geschichtswissenschaften, Philosophie sowie Theologie. Diese Bildungsinvestition war der Grundpfeiler seiner politischen Karriere, die ihn auch zu einem außerordentlich vermögenden Menschen machte.

Halle, einer seiner beiden Studienorte, war damals das Zentrum des deutschen Pietismus. Die Ideen der französischen und deutschen Aufklärung hatten ebenfalls großen Einfluss auf Brukenthal. Besonderes Interesse hatte er auch an der Geschichte Siebenbürgens, an der Altertumskunde, Kunstgeschichte, Naturwissenschaften, an der klassischen lateinischen und griechischen Literatur. Seine Kontakte zu den Freimaurern waren weitere Wegbereiter seines sagenhaften Aufstiegs, der ihn zu einem persönlichen Vertrauten Maria Theresias machen sollte.

Bereits in seiner Studentenzeit wurde er zu einem Bücher- und später auch zu einem großen Kunstsammler. Bald nach seiner Rückkehr nach Siebenbürgen heiratete er Sophie Katharina von Klockner, die Tochter des Hermannstädter Bürgermeisters, was sich für seine Karriere als Verwaltungsbeamter und sein Vermögen bestens auszahlen sollte, denn die Frau brachte rund 30 000 fl. (Gulden) sowie weiteren Haus- und Grundbesitz in die Ehe. Nun gehörte er zum siebenbürgischen Establishment. 1753 war Brukenthal als Beauftragter der Sächsischen Nationsuniversität in einer Audienz bei Maria Theresia, woraus sich eine langjährige vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Kaiserin entwickelte, die leider nicht auf den Mitregenten Maria Theresias, Joseph II., übertragen werden konnte. 1762 ernannte Maria Theresia Brukenthal zum Baron, 1765 wurde er Leiter der Hofkanzlei, 1772 Provinzkanzler und 1777 Gubernator Siebenbürgens. Hatte Brukenthal anfangs ein Jahreseinkommen von 150-300 fl., so waren dies als Gubernialsekretär bereits 2 000 fl., als Provinzkanzler 7 900 fl., als Präsident der Siebenbürgischen Hofkanzlei 9 900 fl. und als Gubernator 24 000 fl. Nach seinem von Joseph II., bei dem er in Ungnade gefallen war, erzwungenen Rückzug vom Amt des Gubernators erhielt er lediglich eine Pension von 4 000 fl. jährlich. Dieses hatte er jedoch durch den Erwerb von Immobilien und Landgütern (Freck, Fogarascher Land), die er mit beträchtlichen Investitionen modernisierte und erfolgreich bewirtschaftete, leicht verschmerzen können. Das Einkommen dieser Güter reichte an das des Gubernators heran.

Sein Vermögen wurde bei seinem Tode auf etwa eine Million Gulden geschätzt. Darin nicht enthalten war die Bewertung seiner Kunst- und Büchersammlung. Über die Jahre hinweg hatte Brukenthal etwa zehn Prozent seiner Einkünfte in die Bücher- und Kunstsammlungen gesteckt. Er hatte europaweit (Wien, Paris, Niederlande, England, Deutschland, Italien, Ungarn) mehrere Buch- und Kunsthändler an der Hand, die ihn stets mit neuen Angeboten versorgten. So erwarb er wichtige Quellen- und Nachschlagewerke wie Diderots Enzyklopädie, Merians Städtebilder, die Schedelsche Weltchronik u.a. Im Zuge der Säkularisation kam manch wertvolle Handschrift oder Inkunabel aus klösterlichem Besitz auf den Markt. Auf das Zusammentragen der exquisiten Bilder- und Kupferstich-, Mineralien- und Münzsammlung sei hier nur am Rande eingegangen. Seine Bildersammlung allein umfasste 1 300 Gemälde, davon ein Drittel flämische Malerei, sowie 800 Stiche. Um 1790 zählte seine Büchersammlung etwa 13 000 Bände. Brukenthal beschäftigte, wie das damals in den bibliophilen und vermögenden Kreisen üblich war, eigene Buchbinder, die jedes Buch kunsthandwerklich im Stil der Zeit (barock, rokoko) in geschmeidigem Leder einheitlich einbanden, die Schnittkanten vergoldeten, die Buchrücken verzierten und das Besitzerwappen auf den Einband einprägten. Der erste Bibliothekar Brukenthals, der die Bibliothek nach wissenschaftlichen Richtlinien katalogisierte, war von 1777-1789 der nachmalige Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann.

Gegen Ende seines Lebens wollte Brukenthal ein bestelltes Feld hinterlassen und verhindern, dass seine Sammlungen zerstört werden. Er regelte in seinem Testament, dass stets nur ein männlicher Nachkomme seiner Familie Haupterbe sei. Nach dem Aussterben der männlichen Nachkommenschaft sollten die Sammlungen in eine Stiftung eingebracht werden, die dem Evangelischen Gymnasium in Hermannstadt gehöre. Baron Joseph von Brukenthal, einer der Nacherben, verfügte 1867, dass auch das Palais, welches seit 1817 ein öffentlich zugängliches Museum war, dieser Stiftung hinzuzufügen sei. 1872 starb der letzte männliche Nachfolger, Baron Hermann von Brukenthal, und damit die direkte Linie der Familie aus. Das Gymnasium trat die Erbschaft an.

Nicht das gesamte Vermögen, sondern nur die Kunst- und Büchersammlungen hatte Brukenthal der Stiftung vermacht, ferner ein Grundkapital von 36 000 fl., etwas mehr als seine nicht unvermögende Frau als Mitgift in die Ehe gebracht hatte. Aus den Zinserträgen sollten die Gehälter mehrerer Bibliothekare, der Kustoden und des Hilfspersonals dauerhaft finanziert werden. Außerdem legte er eine Summe von 800 fl. für die laufende Ergänzung der Bibliothek sowie 400 fl. für die Erweiterung der Gemäldesammlung fest. Zusätzlich sollte ein „Zeichenmeister“ für das Evangelische Gymnasium angestellt werden, damit der Kunstunterricht ein höheres Niveau erhalte. Hierfür stellte Brukenthal die Summe von 8 000 fl. zur Verfügung.

Brukenthal hat sich um sein Volk verdient gemacht. Seinem Leitspruch Fidem genusque sevabo (Meinem Volk und meinem Glauben bleibe ich treu) hat er auch nach seinem Tode alle Ehre erwiesen. Nicht umsonst tragen das im von ihm erbaute Palais auf dem Großen Ring in Hermannstadt mit der Zweckbestimmung, das Kunstmuseum – eines der ersten überhaupt - und die Bibliothek für das sächsische Volk zu sein, seinen Namen. Nicht zu vergessen die Schule, die auch heute eine der Besten des Landes ist. Die Eigentumsverhältnisse haben sich gewaltsam gewandelt. Die sächsische Nation als solche hat fast aufgehört zu existieren, sein Vermächtnis aber bleibt. Das Vorbild Brukenthals, eine Kulturstiftung zu gründen, ist wieder von großer Aktualität, wenn beispielsweise um die langfristige Sicherung der Kultureinrichtungen der Siebenbürger Sachsen auf Schloss Horneck in Gundelsheim geht.

Gustav Binder


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 1 vom 15. Januar 2003, Seite 3)

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