9. Oktober 2004

"De Lidertrun" nach 30 Jahren

Das Balladenquartett "De Lidertrun" lebt in Deutschland wieder auf. Bei den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtagen 2004 boten die Sänger ein niveauvolles Konzert im Haus der Heimat zu Nürnberg.
Geschichte, Philologie, Mathematik sind die Fächer, die sie gelernt und unterrichtet haben. Musik kam aus Liebhaberei hinzu. Hans Günther Seiwerth aus Stolzenburg (hat an der Brukenthalschule den Kammerchor „Cantores juvenes“ und eine Gitarrengruppe geleitet), Karl-Heinz Piringer (Charlie) aus Großpold, Kurt Wagner aus Maldorf und Michael Gewölb aus Hermannstadt (war Dirigent der „Blasia“ an der Brukenthalschule), sind schon in den 70er Jahren als Studenten in Siebenbürgen und im rumänischen Fernsehen (Deutsche Sendung) unter dem Namen „Cibinium-Quartett“ gemeinsam aufgetreten. Ihr Repertoire umfasste sächsische Balladen in moderner Bearbeitung. Sie hatten es sogar gewagt, an der Zensur vorbei ihren TV-Film „Der Traum“ zu basteln. Als er 1975 ausgestrahlt wurde, gab es einigen Wirbel.

Sie bilden
Sie bilden "De Lidertrun" (v.l.n.r.): Kurt Wagner, Karl-Heinz Piringer, Hans Seiwerth, Michael Gewölb. Foto: Hans-Werner Schuster

Seit 2002, als „Der Traum“ neu verfilmt und in einem Kinosaal in München gezeigt wurde, kommen sie in gleicher Besetzung regelmäßig wieder zusammen. „Immer wieder“ sei leicht übertrieben, sagen sie. Immerhin hatten sie Auftritte in Gundelsheim, Heilbronn, Esslingen und Freiburg. Sie leben nicht nahe beieinander; aber, wenn man sie einlädt, öffentlich zu musizieren, tun sie es gerne.

So geschehen am 19. September im Rahmen der Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturtage im gastlichen Haus der Heimat in Nürnberg. Es sollte ein Konzert der ganz besonderen Art werden. Bundeskulturreferent Hans-Werner Schuster stellte die Gruppe vor. Er wies darauf hin, dass sie Volkslieder zum Leben erweckt hat, die, obwohl von Gottlieb Brandsch Anfang des 20. Jahrhunderts gesammelt und veröffentlicht, von der Überlieferung stiefmütterlich behandelt wurden.

Die 1953 und 1954 geborenen einstigen Studenten-Musiker, die heute „echte Fuffziger“ sind, griffen also in ihre „Liedertruhe“. Was sie da herausholten, war gar nicht so verstaubt. Nach „Ech geng an menjes Vueters Guerten“ und „Fuert än‘t Elfeland“ spielten sie das von Franz Xaver Dressler vertonte „Ostfahrerlied“. Bekannter dürfte das Lied „Ech gon af de Bräck, kun nemi zeräck“ sein, eines jener so traurigen Liebeslieder der Siebenbürger Sachsen. Wir hörten dann das Lied vom Handwerksgesellen „Honnes Moler“, der einer hochgestellten Maid hofiert und tatsächlich in Hermannstadt gelebt haben soll. Danach eine von neun Varianten des „Rokenlieds“ (Spinnlieds), das Ratschläge für junge Verlobte enthält. Seiwerth weiß zu berichten, dass es einem alten Luxemburger Lied sehr ähnlich klingt. Dann lauschten wir „Ze Krinen“ (In Kronstadt) der Nachtigall. Und wer hat nicht vom „Klin wäld Vijelchen“ gehört? Aber auf der Bassblockflöte? Das war neu.

Nun einiges zu den Instrumenten, die das Quartett verwendet. Außer zwei Gitarren und einer Violine sind es Blockflöten in verschiedenen Tonlagen, eine Querflöte, eine rumänische Hirtenflöte, eine Schalmei und eine Art Kastagnetten (am Schuh befestigt!), Bordunzither und Maultrommel und und...

Ach so, da gibt es noch etwas ganz Besonderes: die Trompetengeige, eine „reduzierte“ Geige mit Schalltrichter aus Metall (rumänisch: higheghe). Sie kommt nur im Kreis Bihor in der Gegend von Beius vor, wo Michael Gewölb ein Exemplar davon erwerben konnte. Nicht zu vergessen: die Mundharmonika, allerlei Schlagzeug, und bei einem der Lieder saß „Charlie“ am Pianino. Natürlich wird jede Ballade zwischendurch zwei- und dreistimmig im sächsischen Dialekt gesungen.

Das Publikum in Nürnberg, ein voller Saal, war vorgewarnt: Die Älteren hätten wegen der modernen Bearbeitung der Melodien teilweise enttäuscht sein können. Dies war jedoch nicht der Fall. Zwischen zwei Liedern hat mir mein Nachbar zugeflüstert, er habe der Gottlieb-Brandsch-Sammlung ein seiner Heimatgemeinde zugeordnetes Lied entnommen und es seiner damals 88-jährigen Mutter vorgespielt. Das Leuchten ihrer Augen werde er nie vergessen, kannte sie doch das Lied aus ihrer Jugendzeit.

Ein Blick in den Saal im Haus der Heimat an diesem Sonntagabend zeigte uns Begeisterung und ein seliges Lächeln auf den Gesichtern von Jung und Alt. Was man aus Volksliedern durch geschickte Bearbeitung hervorlocken kann, ist einfach wundervoll. Die Vier mit ihrem studentischem Auftreten hätten noch lange weiter musizieren können, so gut kam ihre Persönlichkeit beim Publikum an. Gastgeberin Doris Hutter hatte Recht, als sie ihren Dank an die Musiker mit der Bemerkung verband, wie sehr man sich freut, dass nichts verloren geht, auch diese schönen Balladen nicht.

Ewalt Zweyer

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 16 vom 15. Oktober 2004, Seite 6)

Schlagwörter: Lidertrun, Kulturtage

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Neueste Kommentare

  • 30.08.2009, 11:13 Uhr von Gilgamesch: Sollte immer wieder widerholt werden. [weiter]

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