16. Januar 2013

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Richard-Waldemar Mildt 90 Jahre alt

Am 6. Januar 2013 feierte der Ehrenvorsitzende der Kreisgruppe Köln, Richard-Waldemar Mildt, seinen 90. Geburtstag. Sein ganzes Leben lang hat er sich sowohl als Lehrer als auch in äußerst vielfältiger Weise darüber hinaus für Bildung, Kultur und Zusammenhalt der Siebenbürger Sachsen eingesetzt. Mit einem Optimismus, der nur noch selten anzutreffen ist, blickt er auf neun bewegte Jahrzehnte zurück, in denen er viele Spuren hinterlassen hat.
In ihrem Glückwunschschreiben bittet die Pfarrerin der Christuskirche in Köln mit einem respektvollen, ja demütigen „Herr Mildt, bitte verraten Sie uns das Geheimnis Ihres Alters gepaart mit so viel Vitalität und Lebenskraft“ den Jubilar um Auskunft. Der wahre Text steht auch hier nur zwischen den Zeilen der Gratulation: Man fragt Richard Mildt nach dem Geheimnis des Alters, weil man so schwer in Worte fassen kann, was man tatsächlich fragen möchte. Nämlich, wie – in Gottes Namen! – bleibt man neun Jahrzehnte lang als Mensch integer, so wertevoll, so lebensbejahend, geradlinig und doch mild, so schaffensfreudig und produktiv; mit all der Last der vielen historischen und persönlichen Umbrüche auf den Schultern, ja im Nacken.

Es scheint, als wäre Richard Mildt ein Mensch, der Jahre und Lebensalter ad absurdum führt. Jede Begegnung, jedes Gespräch mit ihm ist für diejenigen unter uns, die ihn persönlich kennen, ein wertvoller Moment. Bitte, stellen Sie sich den Jubilar als jemanden vor, der mit seinem inspirierend wachen Verstand, mit Geist und Humor, aber vor allem mit seiner Ausstrahlung als Menschenfreund und Mentor in jedem Gesprächspartner Respekt und Anerkennung hervorruft.

Wer wagt sich in Zeiten wie heute, wo 25-Jährige ihre Memoiren schreiben, an die Chronologie eines erfüllten Lebens heran, das in 90 Jahren sowohl Krieg und Frieden, sowohl Entwurzelung und Heimaten (!), sowohl nackte Entbehrung im Schützengraben und beruhigenden Wohlstand in sicherer Umgebung gesehen hat? Es gibt rote Fäden im Leben des Richard Mildt, die sich leitmotivisch durch die Jahrzehnte ziehen und als Annäherung an ein prall gefülltes Leben dienlich sind.

Als Richard Mildt am 6. Januar 1923 in Scholten geboren wurde, wer hätte da geahnt, dass ihn beim Übergang vom Kind zum Manne die Wucht der - aus historischer Sicht – „frühen Geburt“ treffen würde: der Krieg. Wie für viele andere Zeitzeugen, so sind auch für Richard Mildt die Erlebnisse jener Zeit bis heute so nah, so greifbar, als hätte ihn die russische Kugel erst gestern getroffen. Mit großer Eindringlichkeit vermag Mildt „seinen“ Krieg taggenau zu erzählen. Dieser Krieg hat tiefe Spuren hinterlassen. Das Erlebte ist über die Jahre hinweg immer ein Erfahrungssubstrat geblieben, aus dem heraus Richard Mildt seine Entscheidungen getroffen hat. Wer in größter Not in russischer Gefangenschaft im Kaukasus Menschen begegnet, die gut, hilfsbereit und menschlich sind, der wird ein Leben lang keine menschenfeindliche Haltung mehr annehmen können. Die Kreisgruppenvorsitzende Hanna Jung-Boldan ...Die Kreisgruppenvorsitzende Hanna Jung-Boldan gratuliert Richard-Waldemar Mildt zum 90. Geburtstag. Foto: Grazian Zieger Mit einer für den Zuhörer wohltuenden Abgeklärtheit blickt er heute zurück: „Wie hätte ich noch durchs Dorf gehen sollen? Peinlich wäre mir das gewesen. Wenn alle einrücken, rücke ich auch ein.“ Doch weil die Partei ihn lieber als Jugendgruppenführer in der siebenbürgischen Heimat sehen wollte, rückte er erst 1944 in einer odysseehaften Reise über Arad und Wien in Ostpreußen ein. Nach einer kurzen Ausbildung ging es an die Front in die Ardennen, danach an die Ostfront in Ungarn. Dort dann die russische Kugel. Lazarett, amerikanische Gefangenschaft, russische Gefangenschaft bis Dezember 1948, anschließend rumänische Gefangenschaft als Staatenloser. Stationen eines Lebens in Kriegszeiten, die weder chronologisch noch summarisch betrachtet nur annähernd veranschaulichen können, welch existentielle Ängste und Nöte sie in einem jungen Mann hervorgerufen haben müssen. Richard Mildt hat der Krieg nicht verbittert. Demütiger und lebensweiser vor der Allmacht der Obrigkeit, aber in seiner Haltung und dem Willen zum gesellschaftlichen Engagement gestärkt, ist für ihn nach dem rumänischen Gefängnis dann endlich auch der Krieg zu Ende.

Und immer wieder Lehrer

Vater: Lehrer. Älterer Bruder: Lehrer. „Ich wollte Lehrer werden, es kam überhaupt nichts anderes in Frage, als die Berufswahl anstand“, so Richard Mildt heute mit fester Stimme. Und das, obwohl er laut eigenem Bekunden in der Quarta ein hundsmiserables Zeugnis nach Hause brachte. Das musste so kommen, erbte er doch die Schulbücher von seinem älteren Bruder und hinkte mit dem Wissen aus überholtem Lehrstoff seinen Mitschülern hoffnungslos hinterher. Das war zum Glück nur eine schlechte Phase, denn sowohl der Grundschüler Richard als auch der spätere Lehramtsstudent waren glänzende Schüler und Studenten.

Wenn Richard Mildt als pensionierter Lehrer heute über seine ehemaligen Schüler spricht, bekommt man eine leise Ahnung davon, mit welcher Hingabe er seinen Beruf ausgeübt haben muss; in Gergeschdorf, in Blutroth, in Karlsburg, in Urwegen. Und wie viele zusätzliche Aufgaben rund um den Lehrerberuf er annahm! „Bis zu elf Ämter hab ich zeitweise gehabt“, bekennt er. Schuldirektor, Leiter des pädagogischen Kreises der Grundschullehrer, Schulinspektor, Rayonsvertreter für Mühlbach bei Symposien in Bukarest, Herausgeber von deutschsprachigen Schulbüchern. Wo andere noch nicht einmal ausgezeichnet wurden, obwohl sie das richtige Parteibuch hatten, wurde Richard Mildt für seine Leistung ausgezeichnet, als oftmals einziger Siebenbürger Sachse unter den rumänischen Kollegen. Als Lehrer stand er qua Amt im Mittelpunkt der dörflichen Gesellschaft. Und das hat ihm gefallen, denn so konnte er sich die Netzwerke schaffen, die er brauchte, um neben der Schule all das Voranzutreiben, was ihm am Herzen lag und wofür er sich berufen fühlte.

Schaffen und bewegen

Einer wie Richard Mildt hat es verstanden, das über die Jahre im Kommunismus Ceauşescus immer stärker verminte Gelände geschickt für siebenbürgische Aktivitäten zu nutzen, ohne auf Schritt und Tritt mit Repressalien drangsaliert zu werden. Ein Chorleiter leitet einen Chor, aber er bestimmt eben auch, was gesungen wird. Genauso wie der Regisseur im Kulturhaus der Gemeinde bestimmt, welches Theaterstück aufgeführt werden soll. Richard Mildt war beides, Chorleiter und Leiter der Theatergruppe.

Seine zweifelsohne größte Stärke zeigte sich in seinem Verständnis für Freundschaft und Völkerverständigung. Wer als sächsischer Schuldirektor zusätzlich zu der deutschen und rumänischen noch eine Abteilung für Zigeuner aufbaut, kommt nicht so schnell in den Verdacht, ein „suspektes Objekt“ zu sein. Nicht aus Schlitzohrigkeit und Berechnung, sondern aus seinem Selbstverständnis als strebender, bewegender Mensch heraus ging er in Blutroth ins Zigeunerdorf und warb dort für sein Anliegen.

Das Damoklesschwert der Obrigkeit kreiste stets über jenen Landsleuten, die sich durch ihre Aktivitäten, ob schulisch oder außerschulisch, mehr exponierten als andere. Auch über Mildt kreiste es, ein paarmal sauste es herab, sei es in Form eines missgünstigen Parteisekretärs in Blutroth, sei es in Form der paranoiden Securitate, die ihn für ihre Dienste anzuwerben versuchte.

Wenn man dem begnadeten Erzähler zuhört, öffnet sich eine Tür in einen Raum, der Stoff für mehr als nur ein Leben bietet. So überwältigend vielschichtig ist das Erlebte und selbst Initiierte. Es ist eine glückliche Fügung, dass dem Jubilar nicht nur Kraft und Antrieb, sondern auch Herz und Verstand und eine flüssig schreibende Hand gegeben ist: Die Liste der Publikationen und Vorträge von Richard Mildt ist ellenlang, sie dokumentiert sein facettenreiches Schaffen sowohl in Siebenbürgen als auch in Köln. Urwegern und Martinsdorfern hat er als Autor zwei Gemeindemonographien geschenkt – Ehre wem Ehre gebührt, dem Dorf und dem Autor. Richard Mildt hat zeitlebens immer wieder Neues auf die Beine gestellt - kulturell, sportlich, erzieherisch, publizistisch, wissenschaftlich und menschlich. Es passt viel in 90 Jahre.

Heimaten – diachron!

Philosophie und Psychologie sind sich einig: Der Mensch hat nur eine Heimat. Was würde Richard Mildt dazu sagen? Vielleicht würde er auf seine überlegte Art ergänzen, dass das wohl stimmt – aber immer nur für die jeweilige Gegenwart? Dass man früher eine Heimat hatte, und heute auch, allerdings eine andere?

1989 mit der großen Ausreisewelle nach Köln geschwemmt, wandte Richard Mildt zusammen mit seiner geliebten Frau Gertrud sogleich den Schritt zum örtlichen Pfarrer, um ihm zu sagen, dass sie „jetzt da [seien], und was es denn zu tun“ gäbe. So kann man Heimat auch suchen, sie herausfordern und sie sich über eigenes Engagement letztendlich erschaffen.

Und Siebenbürgen? Was ist damit? „Es war schön, aber ich trauere der Zeit nicht hinterher.“ Und weiter mit voller Überzeugung: „Ich habe hier in Köln eine Heimat gefunden.“ Aus dem Munde dieses zutiefst siebenbürgisch-sächsisch geprägten Mannes klingt das wie ein Ritterschlag für die oft angezweifelte Weltoffenheit der Siebenbürger Sachsen.

Es war bestimmt nicht nur die Kirche in der neuen Heimatstadt Köln, sondern auch in hohem Maße die Kreisgruppe Köln der Siebenbürger Sachsen, die einen wie ihn mit offenen Armen aufnahm, nicht zuletzt weil sie ihn als Vorsitzenden brauchen würde. Als Richard Mildt dann Jahre später den Platz an der Spitze für Jüngere freimachte, übernahm er die Leitung des Seniorenkreises der Kreisgruppe, den er bis auf den heutigen Tag noch leitet. Mit Anwesenheitsliste, fester Sitzordnung und einem Stundenplan ähnlich normiertem Ablauf gestaltete Richard Mildt die monatlichen Treffen – man könnte fast meinen, in Memoriam der siebenbürgischen Schulordnung. Hätte er die Seniorentreffs nicht auch mit einem Augenzwinkern begleitet, er hätte es tatsächlich ernst meinen können.

Dem Lehrer, unserem Ehrenmitglied und Ehrenvorsitzenden der Kreisgruppe, dem zutiefst sympathischen Menschen Richard Mildt gratuliert im Namen der gesamten Kreisgruppe und deren Vorstand

Roland Zillmann


Schlagwörter: Köln, Ehrenvorsitzender, Jubilar

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