23. Februar 2013

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Tragisches Ende eines verdienten Pädagogen

Am 2. Februar 2013 jährte sich der 60. Todestag von Eugen Weiß. Der Gymnasiallehrer war einer der vielseitigsten Pädagogen der Honterusschule in Kronstadt. Unter kommunistischer Herrschaft wegen Spionageverdachts – eine letzthin unbewiesene Anschuldigung – im November 1952 inhaftiert, starb der Kronstädter nach Misshandlungen und aufgrund der katastrophalen Haftbedingungen am 2. Februar 1953 im Alter von 72 Jahren.
Eugen Karl Weiß kam am 2. November 1881 in Kronstadt zur Welt. Bereits mit 15 Jahren wurde der musikalisch begabte Schüler des Honterus-Gymnasiums auch Mitglied der Kronstädter Philharmonischen Gesellschaft und spielte Violine, Bratsche, Flöte, Klavier und Harmonium. Der Absolvent der Honterusschule studierte zwischen 1902 und 1906 in Breslau, Klausenburg, Halle und Berlin Mathematik, Physik und Chemie. 1910 wurde er an der Honterusschule als Gymnasiallehrer angestellt. Dort unterrichtete er bis zu seiner Verrentung die Generationen unserer Väter, etwa 35 Jahre, in Mathematik, Physik, Chemie, später auch Astronomie, Biologie und Warenkunde, zeitweilig erteilte er auch Unterricht an der Kronstädter Handelsschule. Bereits 1912 erfolgte die Gründung seiner eigenen meteorologischen Wetterstation, die er in seinem Garten in der Katharinengasse ehrenamtlich bis zu seiner Verhaftung im November 1952 betrieb. Unter seiner Leitung wurden 40 Jahre lang meteorologische Beobachtungen registriert und weitergeleitet.

1912 heiratete Eugen Weiß Margarete Caroline Fromm, die ihn in seinen Arbeiten sehr unterstützte. Sie schenkte ihm die beiden Söhne Gerald Ortwin (*1922) und Günter Harald (*1926), die beide im Mai und September 1944 gefallen sind.

Da kriegsbedingt und durch die Deportation nach Russland viele Lehrkräfte an seiner Honterusschule fehlten, ging er nicht in den wohlverdienten Ruhestand, sondern unterrichtete weiter und übernahm als stellvertretender Rektor der Schule zwischen 1945 und 1947 sogar die Rektorenstelle, bis Dr. Otto Liebhart aus Russland heimkehrte. Unzählige seiner Schüler wurden durch seine Unterrichtsstunden dazu angeregt, technische Berufe zu ergreifen, da Weiß in seinem Unterricht nicht nur den vorgesehenen Lehrstoff brachte, sondern auf viele zusätzlich gestellte Fragen der Schüler detaillierte Antworten gab.

Eugen Weiß ...Eugen Weiß Die Kronstädter Zeitung und der Wanderer teilten jährlich die Ergebnisse seiner Beobachtungen mit. Seine Wetterbeobachtungen veröffentlichte er zusammenfassend 1934 in der Handschrift „Das Klima Kronstadts". Von 1922 bis 1944 leitete er zusätzlich auch die Schülerwetterstation an der Honterusschule und unterwies seine Schüler im wissenschaftlichen Arbeiten und der Handhabung der verschiedenen Geräte. Sein berufliches Lebenswerk ergänzten phänologische Beobachtungen an wichtigen Tier- und Pflanzenarten, insbesondere sein „Herbarium pictum“ von 250 gezeichneten Blütenpflanzen mit etwa 500 Pflanzenbelegen. Für die Verbreitung astronomischer Kenntnisse sorgte er durch Veröffentlichungen von Sternkarten für die einzelnen Monate in der Kronstädter Zeitung.

Nicht einmal im Grab sollte er seine Ruhe finden


Nach 40-jähriger ehrenamtlicher meteorologischer Beobachtung wollte er seine Feststellungen über die Wetterveränderungen in Siebenbürgen als Folge der Wetterveränderungen in Europa niederschreiben. Wegen einer verleumderischen Anzeige seines ehemaligen Labordieners wurde er wegen Spionageverdachts verhaftet. Im Gefängnis verlas man ihm dann die Erklärung seines ehemaligen Labordieners. Darin hieß es (zitiert aus Hans Gustav Mühlsteffen: „Die letzten Tage von Eugen Weiß, Professor der Honterus-Schule in Kronstadt. Bericht eines Zellengenossen“): „1941 oder 1942 sei ein deutscher Oberst ins Labor gekommen und habe sich mit Weiß lange unterhalten. Danach habe dieser dem Oberst eine große Rolle mit Dokumenten übergeben. Nach Meinung des Dieners ‚könnte‘ es Spionagematerial gewesen sein. Weiß hatte keine Ahnung, worum es ging. Weil er nichts zu ‚gestehen‘ hatte, wurde er von dem jungen Offizier angebrüllt und in der ordinärsten Weise beschimpft. Einzelheiten der Prügel, die er von dem Lümmel bezog, schilderte er nicht. Die Spuren davon ließen jeden Häftling den Hergang erkennen: im Gesicht Hautabschürfungen und Blutergüsse, der ganze Kopf voll Beulen und blau-gelber Flecken, ebenso an Unter- und Oberarmen – also Prügel ohne gefesselte Hände mit Faust und Gummiknüppel. Nach der Dichte der Schläge zu urteilen, muss es lange gedauert haben. Weiß fiel in Ohnmacht und kam erst in der Arrestzelle zu sich. ‚Entschuldigen Sie‘, sagte er nach dem Erwachen, ‚ich bin ein alter Mann und habe nicht mehr die Energie, Haltung zu bewahren. Ich glaube, ich habe eine jämmerliche Figur abgegeben.“

Auf die Frage nach dem wahren Grund seiner Misshandlung berichtete er seinen Mithäftlingen: „Bei einer bekannten Familie lag ein deutscher Luftwaffenoffizier im Quartier. Er lernte ihn kennen bei einem Besuch der Familie. Das Gespräch kam auf Klima und Luftströmungen – das Fach von Professor Weiß. Er lud den Offizier in sein Labor ein. Beim Weggehen nahm dieser eine Projektionsleinwand, mehrere Bücher und Wetterkarten mit, die er sich von Weiß geliehen hatte – ‚Spionagematerial‘!“ (Hans Gustav Mühlsteffen siehe oben)

Die mittelalterliche Burg am Schlossberg in Kronstadt in welcher Weiß mit Hans Gustav Mühlsteffen und Dr. Rudolf Speck, Kustos des Brukenthalmuseums, sich gemeinsam eine winzige Arrestzelle teilen mussten, waren besonders im Januar 1953 katastrophal. Professor Weiß kam in Zelle 6, unter einer Holzstiege, die kälteste im Turm, keine Sonne, keine Aussicht auf die Stadt. Er soll an einer galoppierenden Lungenentzündung gestorben sein, ganz still, in der Früh fand ihn ein Häftling. Ebenso wie alle anderen Verstorbenen vom Gefängnis am Schlossberg, soll auch Eugen Weiß am Gespreng beerdigt worden sein. Monate später erst soll seine Familie, die in der Zwischenzeit nichts von ihm wusste, durch Übergabe seiner ihm abgenommenen Utensilien von seinem Tod am 2. Februar 1953 in Kenntnis gesetzt worden sein. Nur durch Beziehungen zu „höhergestellten Persönlichkeiten“ soll es seiner Frau gelungen sein, die Genehmigung der Verlagerung seines Leichnams vom Gespreng in die Familiengruft am innerstädtischen Friedhof in der Langgasse durchzusetzen. Doch nicht einmal dort sollte er seine Ruhe finden. Weinend kam eine rumänische Witwe in seine ehemalige Wohnung mit der Anklage, man habe ihren Mann statt Weiß in die Familiengruft gelegt, denn als sie ebenfalls ihren Mann vom Gespreng umlagern wollte, fand man den bekannten grünen Lodenmantel von Weiß mit dessen Leichnam im Grabe ihres Mannes.

Ein Monat und einen Tag nach dem Tod von Eugen Weiß, am 3. März 1953, ist Stalin gestorben und mit Trauermusik auch in seinem Stalinstadt unter der Zinne betrauert worden. Die Hoffnungen, dass sich nach dessen Tod die Verhältnisse drastisch ändern könnten, haben sich nicht erfüllt.

Walter Johannes Schlandt

Schlagwörter: Porträt, Todestag, Pädagoge, Kommunismus

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